Bio predigen und Business fliegen

Beim Umweltschutz sind die meisten inkonsequent – und wollen es nicht wahrhaben. Aber nicht nur dort.

Wir leisten gerne einen Beitrag zum Umweltschutz, aber nur, solange wir dafür nicht verzichten müssen. Illustration: Luca Schenardi

Wir leisten gerne einen Beitrag zum Umweltschutz, aber nur, solange wir dafür nicht verzichten müssen. Illustration: Luca Schenardi

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Ja, klar drängt sich Ende November ein Ja zum geord­neten Atomausstieg auf. Es kann doch niemand mehr pro Kernkraftwerk sein nach Fukushima und allem. Ja, klar kaufen wir Bio-Milch, Schweizer Poulet oder Eier von glücklichen Hühnern. Und wenn das nächste Mal wieder irgendwo ein Kalb aus einem Schlachthof ausbüxt und dann von der Polizei niedergestreckt wird, empören wir uns in Kommentarspalten über die unfassbare Unbarmherzigkeit.

Am Mittag stehen wir dann Schlange für das Cordon bleu und fühlen uns gut. Immerhin kompensieren wir unseren Flug nach London bei MyClimate, geben unsere Klamotten in die Kleidersammlung und haben einen Staubsauger mit niedrigem Energieverbrauch. Dass nach London auch ein Zug fahren würde, dass es auch ein Solarstrom-Abo gäbe, dass wir beim Altpapierbündeln den Pullover ausziehen müssen, weil die Wohnung überheizt ist, scheinen wir nicht einmal zu realisieren.

Inkonsequenz ist uns kaum bewusst

Es sind schon nackte Zahlen nötig, uns unsere Inkonsequenz und mangelnde Selbsteinschätzung vor Augen zu führen, wenn es um unser vermeintliches Umwelt­engagement geht. Bei der jüngsten Univox-Umwelt-Studie des Forschungsinstituts GFS Zürich gaben nur 5 Prozent zu, weniger ökologisch als der Durchschnitt zu sein. 58 Prozent hingegen halten ihr Umweltbewusstsein für überdurchschnittlich hoch.

Besonders Städter, höher Gebildete, Sympathisanten der GLP und der Grünen sowie 40- bis 64-Jährige sehen sich in Umweltfragen kompetent und verhalten sich nach eigenen Angaben ökologisch. Dass wichtige Rohstoffe in Zukunft knapp werden und wir unseren Lebensstandard einschränken müssen, finden 56 Prozent der Männer und 71 Prozent der Frauen. Das wäre also die Theorie. Die Realität sieht aber anders aus. Die Scheinheiligkeit scheint bei uns Schweizern besonders ausgeprägt zu sein. Und zwar in den verschiedensten Bereichen.

Bei Umweltschutz und Partnerschaft Scheinheiligkeit

Das zeigte die Forschungsstelle Sotomo im Auftrag der KPT erst kürzlich auf. Beispielsweise gaben die meisten Männer an, Familie sei ihnen wichtiger als die Karriere und sie wollten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Faktisch haben aber 87 Prozent der befragten Väter eine Vollzeitstelle. Oder: Zwei von drei Personen erwarten von ihrem Partner, absolut treu zu sein, ab nur 47 Prozent sind selber dazu bereit. Einen Seitensprung würden 4 Prozent tolerieren, 24 Prozent wären einer Affäre aber nicht abgeneigt.

Beim Umweltschutz ist die ­Diskrepanz ebenfalls gross. Wir betont Umweltbewussten wohnen ebenso häufig in Einfamilienhäusern im Grünen wie Leute, die sich nicht um den Umweltschutz scheren. Damit tragen wir genauso viel zur Zersiedelung bei und stossen auf dem Arbeitsweg mit dem grossen Familienauto genauso viele Tonnen CO2 aus. Noch stärker zeigt sich die Heuchelei beim Fliegen: 43 Prozent der Schweizer, die sich nicht als umweltbewusst bezeichnen, setzen sich mindestens einmal pro Jahr privat in ein Flugzeug. Bei den betont Umwelt­bewussten sind es 40 Prozent – mickrige 3 Prozent weniger.

Im Ökobeichtstuhl seine Umweltsünden beichten

«Die meisten Leute wissen zwar, dass Fliegen nicht gut für die Umwelt ist, genauso wenig wie SUV fahren oder Fleisch essen oder Tomaten kaufen im Winter. Aber viele haben Mühe einzuschätzen, in welchem Verhältnis die Auswirkung auf die Umwelt tatsächlich ist», sagt Isabel Jaisli vom Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen an der ZHAW Wädenswil. Sie ist Projektleiterin des «Ökobeichtstuhls», einem spielerischen Versuch, Leute für Umweltfragen zu sensibilisieren.

Man kann im Ökobeichtstuhl – entweder per gleichnamiger Smartphone-App und in einer Box, die seit einigen Monaten auf Schweizer Tournee ist – seine Umweltsünden beichten und dann aus verschiedenen Bussen auswählen, um seine Ökobilanz wieder ins Lot zu bringen. Das Ökobeichtstuhl-Team hat es exakt ausgerechnet: Für die Sünde «Flug nach Ibiza» müsste man auf 20 515 Stunden Fernsehschauen verzichten oder statt Fleisch 143-mal vegetarisch essen oder rund 19 Jahre lang konsequent saisonal einkaufen. «Viele haben eine verzerrte Wahrnehmung, was Umweltsünden betrifft, und neigen dazu, ihre eigenen ökologischen Bemühungen zu überschätzen.»

Rücksichtslosigkeit wird moralisch legitimiert

Das findet auch die deutsche Autorin Claudia Langer. In ihrer Streitschrift «Die Generation Man-müsste-mal» geht sie mit uns und unserer Lifestyle-Ökologie hart ins Gericht. «Ich klage Sie an, dass Sie ein Heuchler sind. Dass Sie behaupten, nachhaltig zu leben, weil Sie Biolebensmittel kaufen und doch den Rest der Welt vergessen, weil Sie bei Ihren Konsum­impulsen gern wichtige Themen wie Kinderarbeit, Umwelt und ­Soziales ausblenden.»

Wir machten nur kleine Schritte, um unser Gewissen zu beruhigen, und legitimierten unsere Rücksichtslosigkeit moralisch damit, dass wir ja «Gutes» tun. «Wir sind die erste Generation, die nichts dafür tut, dass es ihre Kinder einmal besser haben als sie selbst.» Die Welt stehe kurz vor dem Kollaps, es tue aber noch zu wenig weh. Und statt selbst Verantwortung zu übernehmen, schöben wir diese gerne ab. Schuld ist dann die böse Industrie, der böse Handel, die sehr bösen Energiekonzerne und die noch bösere Ölindustrie. Und wir sind fein raus.

Nur jeder Sechste verzichtet so, dass es wehtut

Nur gerade jeder sechste Schweizer nimmt Einschränkungen auf sich, die tatsächlich wehtun. Das hat die Psychologin Bernadette Sütterlin vom Institut für Umweltentscheidungen an der ETH Zürich im Zusammenhang mit Energiesparen untersucht. Die Komfortorientierten (5,3 Prozent) wollen sich auf keinen Fall einschränken.

Die Problembewusst-Genussorientierten (13,6 Prozent) auch nicht, obwohl sie sich bewusst sind, dass sie mit Verzicht etwas bewirken könnten. Die Haushälterischen (14 Prozent) sind genau wie die Materialistischen (25,1 Prozent) nur dann bereit, Energie zu sparen, wenn es ihnen finanziell etwas bringt. Den grössten Anteil machen die Inkonsequenten (26,4 Prozent) aus.

Aus Sicht des Gehirns höchst vorteilhaft

Wenn wir doch alle für den Naturschutz und uns einig sind, dass die Energiewende nötig ist: Wieso fühlen sich nur die wenigsten angesprochen, und warum tun noch weniger tatsächlich etwas dafür? «Das ist traurig, ist aber aus Sicht des Gehirns höchst vorteilhaft: Wenn ich alle Forderungen konkret auf mich beziehen würde und wenn ich dann auch stets danach handeln würde, wäre ich komplett überfordert», sagt der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth, ­Autor des Buchs «Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern». Es handle sich um einen natürlichen kognitiv-emotionalen Filter. «Man tut nur das, was für einen selbst wichtig oder nützlich ist – für die Gemeinschaft ist das aber oft schädlich.»

Warum wir Inkonsequenten lieber mehr ausgeben für eine Bio-Avocado, statt gar keine zu kaufen, warum wir unsere Flüge lieber bei MyClimate kompensieren, statt gar nicht erst zu fliegen, warum wir betroffen spenden, wenn Textilarbeiterinnen sterben, dann aber doch drei T-Shirts für 20 Franken kaufen – also kurz lieber büssen statt verzichten, ist für Gerhard Roth ebenfalls einleuchtend. «Um eine Strafe zu zahlen, muss ich nicht meine Persönlichkeit und meine tiefen Gewohnheiten ­ändern. Aber das muss ich, wenn ich konsequent die Ziele des Naturschutzes, der Energiewende, der gesunden Ernährung und so weiter umsetzen will.» Je mehr die Persönlichkeit betroffen ist, desto schwerer fallen Veränderungen. Das ist uns dann aber doch alles zu anstrengend. Wir tun ja schon genug. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.11.2016, 23:27 Uhr

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