Migrantenkinder bleiben häufiger sitzen

Kinder von Zuwanderern haben mehr Mühe mit dem Gymnasium oder der Lehre als Schweizer Kinder. Auch weil die Eltern zu ehrgeizig sind.

Ziel Gymnasium: Migrantenkinder scheitern dort häufiger.
<i>Foto: TI-Press/Keystone</i>

Ziel Gymnasium: Migrantenkinder scheitern dort häufiger. Foto: TI-Press/Keystone

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Wenn die Noten nicht genügen, es in der Lehre nicht läuft, ist der Streit mit den Eltern programmiert. «Mach doch ein Zwischenjahr», heisst es dann oft. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass das Kind später fit ist für die Mittelschule oder eine anspruchsvolle Lehre.

Das Problem gilt für Schweizer wie Ausländer – wobei für Letztere offenbar deutlich mehr, wie erstmals eine Studie der Universität Bern zeigt. Forscher untersuchten, wie viele Kinder aus Schweizer und Ausländerfamilien den Anschluss in die Sekundarstufe II nicht schaffen. Zu dieser Ausbildungsstufe gehören die Berufslehre, Gymnasien und Fachmittelschulen.

Die Bildungsforscher haben die Laufbahn von 13'000 Schulabgängern untersucht. Ergebnis: Kinder von Zuwanderern bleiben auf der Sekundarstufe II häufiger sitzen, fliegen aus der Lehre oder dem Gymnasium, brechen selber ab oder machen ein Zwischenjahr, statt die weiterführende Ausbildung sofort zu beginnen.

15-Jährige Migrantenkinder liegen ein Jahr zurück

46 Prozent der Migranten-Jugendlichen gehören zu diesen Sitzenbleibern und Abbrechern oder absolvieren ein zehntes Schuljahr, hat die Studie ermittelt. Bei den Schweizern sind es 31 Prozent. «Diese Differenz von 15 Prozentpunkten ist massiv», sagt Stefan Wolter, Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern und Co-Autor der Studie. «Sie bedeutet, dass bei den Ausländern im Vergleich zu den Schweizern jährlich 3000 bis 4000 Schulabgänger mehr den Direkteinstieg in die ­Sekundarstufe II nicht schaffen. Sie geraten bereits ein Jahr nach der Volksschule in Rückstand.»

Dass Kinder aus Zuwandererfamilien öfter straucheln als einheimische, lasse sich vor allem mit «Kompetenzunterschieden» erklären, schreiben die Studienautoren. Wie gross diese sind, hat der Pisa-Schülertest bei den Neuntklässlern gezeigt. Demnach liegen 15-Jährige mit Migrationshintergrund im Schnitt mit ihren Leistungen ein Schuljahr hinter den einheimischen Schülern.

Balkan-Jugendliche wählen realistischere Wege

Hinzu kommen «überzogene Bildungsaspirationen» von ausländischen Eltern, sagt Bildungsforscher Wolter. «Sie schicken ihre Kinder öfter als Schweizer Eltern ins Gymnasium oder wählen eine anspruchsvolle Lehre, auch wenn ihre Kinder dafür nicht genügend qualifiziert sind.»

Doch es gibt Unterschiede zwischen den Einwanderungsnationen. So fanden die Forscher bei der Misserfolgsquote der Balkan-Jugendlichen kaum Unterschiede zu den Schweizern. Sie wählen offenbar realistische Bildungswege.

Anders die Portugiesen und die «neuen» Zuwanderer aus Deutschland, Frankreich und Österreich. «Sie sitzen deutlich öfter ein Zwischenjahr ab», sagt Wolter. «Ein Schweizer Kind, das durchschnittliche Noten hat, geht in die Lehre. Bei einem deutschen Kind, das durchschnittliche Schulleistungen hat, sagen die Eltern: Mach ein Zwischenjahr. In der Hoffnung, dass es dann mit dem Gymnasium oder der Informatiklehre klappt.»

45 Millionen Franken direkte Bildungskosten mehr

Neben den überrissenen Erwartungen führt auch Uninformiertheit dazu, dass Ausländer für ihre Kinder die falsche Laufbahn wählen. Sie kennen das Schweizer Bildungssystem oft zu wenig und unterschätzen die Berufslehre. «Es braucht eine bessere Beratung der Eltern, um sie davon abzubringen, zu viel für ihr Kind zu wollen», sagt Stefan Wolter. «Mit Information kann man ihnen helfen, sich mit realistischen Zielen für ihren Nachwuchs abzufinden.»

Das lohnt sich auch für den Staat. Ein Jahr Beschulung kostet in der Schweiz rund 15'000 Franken pro Schüler. «Bei 3000 bis 4000 Schülern aus Ausländerfamilien, die ein Jahr länger in der Ausbildung sind als nötig, ergibt das für den Staat jährlich 45 Millionen Franken an direkten Bildungskosten», sagt Wolter. «Hinzu kommen Steuerausfälle, weil diese Jugendlichen ein Jahr weniger im Arbeitsleben stehen.»

Umgerechnet entgehen dem Fiskus rund 36 Millionen Franken, sagt Wolter. «Insgesamt ergibt das potenziell vermeidbare staatliche Kosten von rund 80 Millionen Franken – pro Jahr.»


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Der Zürcher Psychologe Guy Bodenmann sieht die Bindungsfähigkeit von Schweizer Kindern in Gefahr.


(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.12.2017, 23:02 Uhr

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