Berufslehre mit 50: Wer soll das bezahlen?

Der Industrieverband Swissmem will die Folgen der Digitalisierung mit einer Zweitausbildung abfangen.

Wenn der Job nach Abschluss garantiert ist, sind 50-Jährige einer Umschulung nicht abgeneigt Foto: Getty Images

Wenn der Job nach Abschluss garantiert ist, sind 50-Jährige einer Umschulung nicht abgeneigt Foto: Getty Images

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Er war überrumpelt vom Echo. «Ich habe selten so viele Reaktionen auf einen Vorschlag bekommen», sagt Swissmem-Präsident Hans Hess. Dutzende von Mails seien eingegangen, von Lehrern, Firmen, Bildungsspezialisten. Grund war Hess’ Forderung nach einer Lehre für Erwachsene, die er kürzlich lanciert hatte. Durch die Digitalisierung würden ganze Berufe verschwinden, ­argumentiert der Swissmem-Chef. Jeder fünfte Beschäftigte in der Industrie muss nach seiner Schätzung in den nächsten 15 Jahren umgeschult werden. Ergo brauche es rasch eine Lehre für die Beschäftigungsgruppe 45 plus.

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Ende Januar steht ein Treffen zwischen dem Verbandschef und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann an, nachdem man sich bereits in den vergangenen Wochen ausgetauscht hat. Laut Hans Hess hat Swissmem in den letzten Wochen einen Bericht erstellt, in welchem die Lehrlingsidee für Erwachsene konkretisiert wird. Denn Hess schwebt nicht ­einfach eine Lösung für seine Branche vor, er will die späte Berufslehre im besten Fall zum Bestandteil des Schweizer Bildungssystems machen.

Weiterbildung bekommen vor allem die Besten

Der umtriebige Multi-Verwaltungsrat hat damit in ein Wespennest gestochen. Beinahe im Wochentakt erscheinen neue Zahlen darüber, wie viele Stellen das Monster namens Digitalisierung kosten wird. Und auch die Konzernchefs heben gerne den Zeigfinger. UBS-Chef Sergio Ermotti meinte jüngst, dass die nächste ­Dekade eine Reduktion der UBS-Belegschaft von 30 Prozent bringen könnte. «Die letzten zehn Jahre waren geprägt von Regulierung, die nächsten zehn werden von Automatisierung und Digitalisierung geprägt sein», prophezeite der Manager. Doch so fleissig die Chefs auch mahnen – Lösungen zur Behebung des sich offensichtlich verschärfenden gesellschaftlichen Problems haben sie keine in der Hand. Zwar reden alle Firmen vom lebenslangen Lernen. Doch die Idee einer kompletten Umschulung hat noch nicht richtig gegriffen in der Wirtschaft.

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Die Grossbanken UBS und ­Credit Suisse beispielsweise verweisen neben eigenen Förderungsprogrammen auf einen externen Weiterbildungskurs, der die Kompetenzen langjähriger Mitarbeiter auf die Höhe der Zeit bringen soll. Bloss: Er dauert nur 8 Tage.

Einen systematischen Ansatz, um Mitarbeiter im grossen Stil für neue Aufgabenbereiche fit zu trimmen, suche man in der Bankenbranche vergebens, kritisiert ­Denise Chervet, Geschäftsführerin beim Schweizerischen Bankpersonalverband. «Es wird viel zu wenig in Weiterbildung investiert.» Gefördert würden vor allem Angestellte, von denen man sich kurzfristig für das Unternehmen Vorteile verspreche. «Mitarbeiter über 50 Jahre gehören meistens nicht dazu», sagt Chervet. Bildungsökonom Stefan Wolter von der Uni Bern bestätigt diesen Eindruck: «Weiterbildungen bekommen vor allem die Besten», sagt er.

Wer eine Lehre absolviert, will eine Jobgarantie

Ist also Hess’ Erwachsenenlehre die Rettung für die «Minderqualifizierten»? Mit 50 ab auf die Schulbank? Der Verbandschef hat bereits rudimentär skizziert, wie er sich das Unterfangen vorstellt. Ein Lokführer, der zum Datenanalysten umgeschult werden soll, würde nach diesem Szenario weiterhin Teilzeit beim alten Arbeitgeber arbeiten, und den Rest der Woche zur Schule gehen sowie bei der künftigen Firma zu reduziertem Lohn arbeiten.

Doch was so harmonisch klingt, könnte an der Umsetzung scheitern. Denn Angebot und Nachfrage sind branchenübergreifend nur schwer in Einklang zu bringen. Warum soll Firma B genau die 100 Mitarbeiter benötigen, die in Firma A aufgrund der Digitalisierung nicht mehr gebraucht werden? Und: Wer eine Lehre absolviert, will eine Jobgarantie. Das geht aus einer Umfrage hervor, die der Verband Save 50 plus, eine Interessenorganisation von älteren Arbeitslosen, im Auftrag der SonntagsZeitung lanciert hat. «Keine Lehre ohne gültigen Arbeitsvertrag für die Zeit danach», lautet der Tenor der Mitglieder. Das weiss natürlich auch Hans Hess. «Es braucht eine Garantie des künftigen Arbeitgebers auf Anstellung des Lehrlings», sagt er. Doch die Firmen sind wenig begeistert ob diesem Gedanken. «Wir müssen hier noch an der Einstellung arbeiten», gibt Hess zu.

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Ein zweites grosses Fragezeichen steht hinter der Finanzierung. Wer bezahlt den späten Neuanfang? «Die indirekten Bildungs­kosten, also der Lohnausfall, sind zentral. Diese sind bei Umqualifikationen möglichst gering zu ­halten», sagt Rémy Hübschi. Er ­leitet die Abteilung Berufs- und Weiterbildung des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Seiner Ansicht nach ist das beim Modell Hess gegeben. Er begrüsst die Initiative. «Das Bildungsniveau der Erwachsenen zu fördern, ist extrem wichtig», so Hübschi. Andernorts tönt es skeptischer. «Wir nehmen die Initiative von Hans Hess interessiert zur Kenntnis. Die Übernahme von Lohnausfall­kosten bei einer Erwachsenenausbildung ist zurzeit nicht geregelt und wäre insbesondere im branchenübergreifenden Fall eine besondere Herausforderung», heisst es beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Auch der Bundesrat beschäftigt sich mit der Finanzierung. Das Staatssekretariat für Wirtschaft klärt in dessen Auftrag ab, ob Weiterbildungsangebote für Ältere aus der Arbeitslosenversicherung mitfinanziert werden könnten.

Der Partner ist plötzlich Lehrling

Das Modell Swissmem würde einen radikalen Wandel initiieren: Der berufliche Neuanfang als Wiederholungstat. Ist das gesellschaftlich salonfähig? Im Alter von 50 sind die meisten an dem Punkt, wo sie berufliche Anerkennung geniessen und materiell gut dastehen wollen. Die Aussicht, wieder die Schulbank zu drücken, erscheint da wenig sexy. «Lehre ist ein falscher Begriff. Er hat im Alter von 50 etwas Entwürdigendes», sagt Daniel G. Neugart, Präsident von Save 50 plus. Marlis Buchmann, Soziologin an der Uni Zürich, glaubt, dass sich das im Zug des Wandels in der Wirtschaft ändern könnte. «Vielleicht müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass der Partner und die Partnerin auch in spätem Alter nochmals in die Lehre geht. Momentan ist das gesellschaftlich noch stigmatisiert.»

Kommt hinzu: Wer einmal gegen die 50 tendiert, ist zwar offen, Neues dazuzulernen, möchte aber auf den Kompetenzen aufbauen, die er sich bereits angeeignet hat. «Im höheren Alter hat man beruflich eine sogenannte Pfad­abhängigkeit, das heisst, man neigt dazu, auf der einmal gewählten Piste zu bleiben. Das macht einen Neuanfang schwieriger», sagt ­Soziologieprofessorin Buchmann. Tatsächlich zeigen auch Zahlen, dass die Weiterbildungsquote bei den Älteren sinkt. Grund Nummer eins aus Optik der Betroffenen ist, dass sie es beruflich nicht für nötig halten.

Doch auch bei den Firmen hält sich der Wille, in Ältere zu investieren, in Grenzen, heisst es beim weltgrössten Arbeitsvermittler Adecco. «Unserer Erfahrung nach investiert die Mehrheit der Unternehmen weiterhin mehr in Outsourcing als in Weiterbildung», sagt eine Sprecherin.

Der Vater der Idee, Hans Hess, will aber nicht aufgeben. «Wenn es mir nicht gelingt, andere Branchen ins Boot zu holen, suchen wir nach einer Lösung individuell für die Metall und Maschinenbau-­Industrie.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.01.2018, 20:28 Uhr

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