Warum wir Regeln nicht befolgen

Manche Menschen reagieren auf Vorschriften mit Verweigerung – Berner Forscher haben herausgefunden wieso.

Falsch geparkt: Verschaltungen im Hirn ­bestimmen, ob jemand trotzig reagiert oder nicht. Foto: Getty

Falsch geparkt: Verschaltungen im Hirn ­bestimmen, ob jemand trotzig reagiert oder nicht. Foto: Getty

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Sie dürfen diesen Artikel nicht lesen! Es ist verboten! Klicken Sie weiter! – Das lasse ich mir doch nicht vorschreiben, denken Sie jetzt vielleicht, und lesen deshalb weiter. Entscheidungen treffen wir nämlich am liebsten selbst, Vorschriften kommen bei vielen nicht gut an. Warum das so ist, und was im Gehirn genau passiert, wenn wir Vorschriften trotzen, mit diesen Fragen beschäftigt sich Daria Knoch, Professorin für Sozialpsychologie und Soziale Neurowissenschaft an der Universität Bern.

Knoch möchte wissen, warum manche Menschen Probleme haben, bei der Arbeit auf den Chef zu hören. Oder warum wir oftmals, wider besseres Wissen, die Ratschläge des Hausarztes nicht befolgen. Und warum es manchen Menschen leichterfällt als anderen, sich an Vorgaben zu halten.

Probanden in die Röhre gesteckt

In einer neuen Untersuchung konnte Knochs Team zeigen, was im Gehirn passiert, wenn Menschen bei einer Entscheidung nicht die freie Wahl haben. Dazu legten sich 51 Freiwillige in einen Kernspintomografen (MRI) und forderten die Testpersonen auf, einen Geldbetrag zwischen sich und einer zweiten Person aufzuteilen. Einmal konnten die Probanden frei entscheiden, wie viel Geld sie für sich selbst behielten. Ein anderes Mal bekamen sie von der zweiten Person die Vorschrift, ihr mindestens einen Minimalbetrag abzugeben.

Bekamen die Probanden keine Auflagen, zeigten sie sich in der Folge grosszügiger, als wenn sie in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt waren. Jene mit der Einschränkung gaben der Person, die ihnen Vorschriften gemacht hatte, einen kleineren Betrag ab als ihre frei entscheidenden Kollegen.

Auch die Gefühle wurden erfasst

Allerdings reagierten nicht alle Testpersonen gleich auf die Vorschriften. Zwar zeigte das Experiment, dass die Versuchspersonen während des Experiments gleich empfanden und niemand die Einschränkung positiv wahrnahm. Trotzdem liessen sich manche in ihrer Grosszügigkeit nicht beirren. Nach dem Experiment befragte Co-Studienleiterin Sarah Rudorf, die wie Knoch am Sozialpsychologischen Institut der Uni Bern forscht, die Probanden nach ihren Gefühlen und Motiven.

Jene Testpersonen, die nicht völlige Wahlfreiheit gehabt hatten, erzählten von Gefühlen des Trotzes, die sich gegen die sie einschränkende Person gerichtet hätten, und begründeten so ihre mangelnde Grosszügigkeit.

Im Kern geht es um Vertrauen und Misstrauen

Interessant war für die Forscherinnen vor allem, was sie während des Tests im MRI sahen: Bei einem Teil der Probanden kommunizierten bestimmte Hirnareale stärker miteinander, wenn man sie in der Wahl einschränkte. Je trotziger ­jemand auf die Einschränkung ­reagierte, desto eher funkten sich Stirnlappen (Frontalcortex) und Scheitellappen (Parietalcortex) ­Signale zu. Beide Hirnregionen sind beteiligt, wenn jemand aufmerksam ist und komplexe Entscheidungen fällt.

Vor allem bei Testpersonen, die die Einschränkung als fehlendes Vertrauen empfanden, kommunizierten die beiden Hirnareale stark miteinander. «Spürt jemand hingegen, dass man ihm vertraut, selbst die richtigen Entscheide zu treffen, verhält er sich oft vernünftiger», sagt Knoch. Der entscheidende Punkt sei das Misstrauen.

Frühe Kindheit könnte prägend wirken

Interessant wird es nun sein, herauszufinden, warum die Kommunikation zwischen den Hirn­arealen, die anscheinend die trotzige Reaktion provozieren, nicht bei allen gleich ausfällt. Und ob diese Verschaltungen im Gehirn bei den Testpersonen von Anfang an so angelegt waren, oder ob sie sich erst durch Lebenserfahrungen so entwickelt haben. «Wir konnten die neurobiologischen Prozesse, die beim Trotzverhalten im Gehirn ablaufen, erstmalig auf diese Art zeigen», sagt Knoch. Gelungen sei dies auch dank der Verknüpfung von Methoden aus Sozialpsychologie, Verhaltensökonomie und Neurowissenschaft. Aus dem Alltag kennen viele dieses Gefühl, je weniger man etwas haben kann, desto heftiger wünscht man es sich.

Auch entwicklungspsychologisch lassen sich die Resultate weiterdenken. Die meisten Kinder durchlaufen im Alter von rund zwei Jahren die sogenannte Trotzphase. Das menschliche Gehirn entwickelt sich in den ersten drei Lebensjahren rasant. Möglich wäre, dass sich diese spezifischen Verbindungen zwischen Stirn- und Scheitellappen genau in dieser Entwicklungsphase stärker ausprägen. Ähnliches könnte für die Pubertät gelten, während der sich das Hirn nochmals in einer grossen Umbauphase befindet. Auch Teeanger ­reagieren besonders allergisch auf Verbote oder finden Verbotenes erst so richtig interessant.

Verschaltungen im Hirn positiv beeinflussen

Dass man sich nicht jeder Vorschrift beugt, hat auch Vorteile. Frei entscheiden zu können, ist für viele Menschen ein hohes Gut. Trotzdem gibt es gerade im zwischenmenschlichen Bereich Situationen, in denen einem ein zu viel an Trotz schaden kann. Oder umgekehrt, in denen es sich beispielsweise für Vorgesetzte negativ auswirken kann, wenn sie zu viele Vorgaben machen. Anstatt den Mitarbeitern zu vertrauen, dass sie ihre Aufgaben selbstständig erledigen, wecken die Vorgesetzten den Trotz der Mitarbeiter.

Auch aus der Drogenpolitik ist dieser Trotz gegen Vorschriften bekannt. Substanzen sind für manche erst recht attraktiv, wenn sie verboten sind. Wird die entsprechende Droge legalisiert, ist sie plötzlich nicht mehr ganz so interessant. Kampagnen für die öffentliche Gesundheit haben ebenfalls mit diesen Problemen zu kämpfen. Auf Hinweise, das Rauchen sein zu lassen oder lebensrettende Impfungen zu machen, reagiert ein Teil der Menschen trotzig und ignoriert die Empfehlungen. Auch hier sind neue Ideen gefragt, wie sich diese Reaktionen vermeiden liessen.

«Der Trotz kann dazu führen, dass wir Entscheidungen treffen, die sich negativ für uns auswirken und auch das Zusammenleben stören», sagt Knoch. Weiter beschäftigen möchten sich die Berner Forscher nun mit der Frage, ob sich die Verschaltungen im Hirn, die trotzige Reaktionen auslösen, auf irgendeine Art positiv beeinflussen lassen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.05.2018, 21:41 Uhr

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