Augenblick mal, dich kenn ich doch

Pferde können sich nach dem Betrachten von Fotos an Menschen erinnern und reagieren auf ihre Emotionen.

Aufmerksamer Beobachter: Angenehme Situationen verfolgen Pferde mit dem rechten Auge. <nobr>Foto: Dennis George Booth/Getty</nobr>

Aufmerksamer Beobachter: Angenehme Situationen verfolgen Pferde mit dem rechten Auge. Foto: Dennis George Booth/Getty

Alexandra Bröhm@sonntagszeitung

Ollie, Red und Lottie sind den Umgang mit Menschen gewohnt. Sie gehören zu den über 20 Pferden, die in einer Reitschule im Osten Englands gleichmütig durch die Landschaft traben, wenn Reit­schüler ihre Künste trainieren. Ollie, Red und Lottie haben nicht nur ziemlich viel Geduld, sondern im Umgang mit Menschen auch weitere erstaunliche Fähigkeiten: Die Pferde reagieren auf menschliche Mimik, selbst wenn sie verschiedene Gesichtsausdrücke zuerst nur auf Bildern sehen. Und sie erkennen Menschen wieder, von denen sie sich zuvor nur Fotografien angeschaut haben.

Das haben Forscher der Universität Sussex in einer Studie nachgewiesen. Die Verhaltensbiologen zeigten einer Gruppe von Pferden zweier Reitschulen zuerst nur Fotos von Testpersonen. Die Pferde hatten die betreffenden Menschen zuvor noch nie gesehen. Von den Studienteilnehmern gab es ­jeweils zwei verschiedene Bilder: Auf dem ersten Bild verzog die Probandin wütend ihr Gesicht, auf dem zweiten lächelte sie freundlich in die Kamera. Die Hälfte der Pferde sah das freundliche Gesicht, die andere Hälfte die zornige Testperson. Zwei Minuten lang konnten sich die Pferde das Bild anschauen.

Bei Bedrohungen schaut das linke Auge

Einige Stunden später betraten die Testpersonen die jeweilige Box des Pferdes und setzten sich ihm gegenüber. Und zwar genau an ­diejenige Stelle, wo zuvor das Bild gehangen hatte. Dabei verzogen sie keine Miene, sondern behielten einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck. Die Testpersonen wussten nicht, ob das Pferd zuvor ihr freundliches oder ihr wütendes Porträt angeschaut hatte. Eindrücklich war, wie unterschiedlich die Tiere reagierten.

Jene Pferde, die ein zorniges Bild gesehen hatten, äusserten deutlich mehr Stresssymptome als die Pferde, bei denen freundliche Porträts in der Box gehangen hatten. Die gestressten Pferde scharrten mehr mit den Hufen oder schnüffelten am Boden, als die Testpersonen ihnen reglos gegenübersassen, und vor allem variierten sie ihren Blick.

Frühere Studien haben nachgewiesen, dass Pferde ihre Augen unterschiedlich einsetzen. Bedrohliche Situationen studieren sie ausgiebiger mit dem linken Auge, während sie positive Stimuli mit dem rechten Auge verfolgen. Zu tun hat das mit der Signalverarbeitung in der jeweiligen Hirnhälfte.

Und tatsächlich: Die Pferde, die ein zorniges Bild in Erinnerung hatten, schauten die Testperson vor allem mit dem linken Auge an, jene mit dem freundlichen Foto setzten meist ihr rechtes Auge ein. Zusätzlich bekamen die Pferde eine Testperson mit neutralem Gesichtsausdruck präsentiert, deren Bild sie nicht angeschaut hatten. Bei diesen Testpersonen zeigten die Pferde keine Stresssymptome.

Auch andere Studien zeigten, dass Tiere menschliche Gefühle aus der Mimik lesen können.

«Unsere Resultate zeigen deutlich, dass gewisse Tiere in der Lage sind, den Gefühlszustand von Menschen einzuschätzen und dass sie sich auch in ihren weiteren Handlungen von Erinnerungen an diese Zustände leiten lassen», schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Nicht überrascht von den Fähigkeiten der Pferde ist die Verhaltensbiologin Marta Manser, Professorin an der Universität Zürich. «Das ist eine interessante Studie, basierend auf einem gut durchdachten Experiment», sagt Manser. «Für mich liegt die Aussagekraft und Originalität dieser Studie darin, dass sie verschiedene eindrück­liche Erkenntnisse über die Wahrnehmung der Pferde durch ein einzelnes Experiment aufzeigen kann.»

Die Studie bestätige Untersuchungen mit anderen Tierarten, die zeigten, dass Tiere menschliche Gefühle aus der Mimik lesen können. So wies eine Studie der Universität Wien vor zwei Jahren nach, dass Hunde – vor allem solche, die als Haustiere in Familien leben – die Mimik ihrer Besitzer lesen. Auch sie zeigen ­dabei Unterschiede, welches Auge sie je nach Emotion bevorzugen.

Krähen merken sich Gesichter jahrelang

Sogar Schafe haben mehr Menschenkenntnis, als viele ihnen zutrauen würden. So trainierten Forscher der Cambridge University letztes Jahr Schafe darauf, Prominente auf Bildern wiederzuerkennen. Zielstrebig liefen die Tiere jeweils auf Porträts von Barack Obama oder Emma Watson zu. Ihre Besitzer erkannten sie auf Bildern sogar ohne vorheriges Training.

Die Fähigkeit, menschliche Gesichter oder Emotionen zu lesen, beschränkt sich nicht nur auf Säugetiere. Die als intelligent bekannten Krähen merken sich Gesichter von Menschen, die ihnen übel ­mitgespielt haben, über Jahre. Das konnten Forscher der University of Washington in Seattle demonstrieren. Beim Einfangen wilder Krähen, denen die Forscher Ringe anlegen wollten, trugen die Wissenschaftler die Maske eines Steinzeitmenschen. Wann immer sie sich den Vögeln später mit der gleichen Maske näherten, begannen die Krähen aufgeregt zu schimpfen. Das taten sie selbst drei Jahre später noch. Keine Reaktion zeigten sie hingegen, wenn die Forscher ohne Maske oder mit der Maske des ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney auf­traten.

Ob sich die englischen Schulpferde ihre Fähigkeiten im Kontakt mit zahlreichen Menschen antrainiert haben, oder ob die meisten Pferde diese Fähigkeit besitzen, müssen weitere Forschungen zeigen. Aber ein freundliches Lächeln beim nächsten Zusammentreffen mit einem Pferd schadet bestimmt nicht.

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