Aufstellen oder abbrechen?

Für die einen ist Zelten Unbeschwertheit pur, für die anderen die unspassigste Art Ferien zu machen überhaupt.

Das Zelt ist aufgebaut, der Platz eingerichtet, das Leben im Freien kann beginnen: Campingferien. Foto: Martin Rütschi/Keystone

Das Zelt ist aufgebaut, der Platz eingerichtet, das Leben im Freien kann beginnen: Campingferien. Foto: Martin Rütschi/Keystone

Pro

Klar, es gab da diesen Typen im Nachbarzelt, der spätabends geräuschvoll einen fahren liess und darob mit seiner Begleiterin in Streit geriet. Und damals, an jenem gottverlassenen Flecken am Baikalsee, wars kein Vergnügen, nachts hinter den Busch zu schleichen, man hatte uns vor Bären gewarnt.

Aber das sind Ausreisser, minimale Störgeräusche im perfekten Sound des Sommers.

Denn perfekt, das ist so eine Zeltnacht in ihrer ganzen Unperfektheit. Kaum ist der Reissverschluss des Schlafsackes aufgeratscht, nimmt einen die Unbeschwertheit in Empfang: ein Schwumm vor dem ersten Kaffee, stundenlang lesen, Apéro schon am Mittag, jeden Tag Schokobananen im Feuer, kommen und gehen, wie man will. Freiheit eben. Es muss auch gar nicht immer Sardinien oder Südfrankreich sein. In einer jurassischen Hochebene das Zelt am Waldrand aufschlagen – unbezahlbar. Das Wochenende auf dem Stadtzürcher Campingplatz verbringen und so zu tun, als wäre man Tourist – herrlich.

«Beim Zelten lösen wir uns von den Regeln unserer zivilisierten Welt»

Wenn Sie jetzt leicht angesäuert denken, das habe ja mit Wildnis nichts zu tun, so ein Campingplatz in der Stadt, unter diesen ­Bedingungen würden Sie auch zelten, aber Sie erkälten sich immer so leicht, und der Rücken und die Mücken und überhaupt, dann sei ­Ihnen gesagt: Darum gehts gar nicht. Sondern um die innere Haltung. Beim Zelten lösen wir uns von den Regeln unserer zivilisierten Welt, tun Dinge, die wir uns im Alltag nicht erlauben: Rotwein aus Plastikbechern trinken, abends das Zähneputzen weglassen, dreimal hintereinander das gleiche T-Shirt anziehen, das Handy den ganzen Tag ignorieren. Das funktioniert auch auf einem Campingplatz mit Warmwasserdusche und Frühstücksservice, von mir aus sogar in einem dieser Glamping-Dinger. Ich nenne es: Entspannung.

Contra

Zum ersten Mal hatte mich die Natur um 3 Uhr nachts geweckt. Eine Mücke im Zelt. Um 4 Uhr verirrte sich eine halb tote Heuschrecke (!) in meinen Schlafsack. Gegen 6 Uhr fingen die ersten Kleinkinder zu quengeln an. Um 7 Uhr war die Hölle los. Und als sich dann gegen 10 Uhr endlich alle Nerven­sägen ans Meer verzogen hatten, verwandelte sich mein Zelt in eine Sauna. Wäre ich da eingenickt, hätte ich mit Sicherheit das Zeitliche gesegnet.

Nein, Zelten ist ­definitiv nicht mein Ding. Ich brauche die Natur nicht, um mich innerlich und äusserlich gehen zu lassen. Und Alkohol am Mittag geht auch ohne Zelt. Jedenfalls war meine erste Camping-Erfahrung mit 20 an der Costa Brava so prägend, dass sie auch meine einzige bleiben wird. Der Zeltplatz lag weit ausserhalb des nächsten Touristenkaffs, eingepfercht zwischen einer lärmigen Strasse und einem Distelfeld, das auch als Mülldeponie galt. Wenn ich mich also am Abend frisch geduscht und aufgetakelt zu Fuss in die nächste Bar aufmachte, kam ich dort garantiert schweissgebadet an. Styling ade!

«Am allerschlimmsten fand ich aber den nächtlichen Gang zur Campingtoilette»

Überhaupt war ich dauernd klebrig (Dreck, Meersalz, Cola), alle Kleider rochen nach ein paar Tagen muffig, spätestens nach einer Woche lösten sich auch alle ­Kosmetikartikel wegen der Affenhitze in ihre ­Bestandteile auf. Und natürlich blieben bis zum Ende der Zelt­ferien diverse Dinge (Messer, Kopfhörer, Bluse vom Vorabend) für immer unauffindbar.

Am allerschlimmsten fand ich aber den nächtlichen Gang zur Campingtoilette. Angetrunken meilenweit laufen zu müssen – ­immer mit der Angst im Nacken, dass hinter jedem Busch und jedem Zelt ein Meuchelmörder lauern könnte –, und dann am Ziel festzustellen: Verdammt, es hat kein Klopapier.

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