Auf Wiedersehen, Ingmar Bergman

Zum 100. Geburtstag des schwedischen Regisseurs (1918–2007) laufen zahlreiche seiner Filme in Kinos und am TV. Aber wie sind sie gealtert? Unser Autor hat sechs wieder gesehen.

Wäre am 14. Juli 2018 100 Jahre alt geworden: der schwedische Regisseur Ingmar Bergman . Bild: Emilio Ronchini/Mondadori/Getty Images

Wäre am 14. Juli 2018 100 Jahre alt geworden: der schwedische Regisseur Ingmar Bergman . Bild: Emilio Ronchini/Mondadori/Getty Images

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Sommaren med Monika – Die Zeit mit Monika (1953)

Damals: Zwei Jugendliche verbringen einen unbeschwerten Sommer auf dem Wasser, aber die Liebe zerbricht im Winter, an der harschen Realität in Stockholm. Harriet Andersson spielte ihre erste Rolle für Bergman, es gibt eine Nacktszene mit ihr, was selbst im freizügigen Schweden die Zensur auf den Plan rief. Ironischerweise machte genau dies den Regisseur international bekannt: Der Film wurde in den USA vertrieben als «Monica: The Story of a Bad Girl» – und man fügte noch Szenen von einem amerikanischen Nacktbadestrand hinzu.

Stimme: «Dieser Film ist für das Kino von heute das, was ‹Birth of a Nation› fürs klassische Kino war.» (Jean-Luc Godard)

Heute: Spiegelungen, das Meer, Haut: «Die Zeit mit Monika» bleibt erstaunlich sinnlich. Und Monika kann als moderne Frau interpretiert werden: Sie verlässt Mann und Kind, um ein eigenständiges Leben zu führen. Auch diesbezüglich ist der Film gut gealtert.

Det sjunde inseglet – Das siebente Siegel (1957)

Damals: Ein Kreuzritter will den Tod im Schachspiel besiegen. Doch dem düsteren Gesellen entkommt niemand. Mit dieser Filmallegorie eroberte Bergman endgültig das Weltkino.

Stimme: «Einer der schönsten Filme, der je gedreht wurde.» (Eric Rohmer)

Heute: Der Tod, das Schach, die Gaukler, die Pest – die Szenen sind so bekannt, dass Kinofans sie kennen, auch wenn sie den Film nie gesehen haben. Es ist einer der am meisten zitierten und parodierten Filme, selbst im Arnold-Schwarzenegger-Vehikel «Last Action Hero» kommt er vor. Das Original gilt deshalb schon lange als ausgelaugt. Einige Stellen wirken heute tatsächlich veraltet. Umso überraschender, wie frisch und ironisch die Figur des Todes daherkommt. Er und der Knappe des Ritters verleihen dem Film mehr Doppelbödigkeit, als man gedacht hätte. Totgesagte leben tatsächlich länger.

Smultronstället – Wilde Erdbeeren (1957)

Damals Der zweite Brocken aus dem Produktionsjahr 1957: Ein alter Professor fährt mit dem Auto an sein Promotionsjubiläum – und wird unterwegs mit Lebensstationen konfrontiert. Der Stummfilmregisseur Victor Sjöström, den Bergman bewunderte, spielte die Hauptrolle.

Stimme: «Wer kann solche Bilder je vergessen?» (Woody Allen)

Heute: Einer der berühmtesten Träume der Filmgeschichte: Der Alte wandert durch eine Strasse, sieht zuerst eine Uhr ohne Zeiger, später einen Sarg, in dem er selber liegt. Das sind Bilder, die sich tatsächlich auch heute noch einprägen, ebenso der Kontrast dazu, die von Bibi Andersson verkörperte Jugend, mit ihrem unbeschwerten Genuss etwa von Walderdbeeren. Die Szenen, in denen sich die Hauptfigur als alter Mann selber beobachtet und in die Vergangenheit einmischt, wirken allerdings ein wenig verstaubt. «Wilde Erdbeeren» ist deshalb heute eher mit historischer Brille zu betrachten.

Persona (1966)

Damals: Bergman drehte mit zwei seiner Lieblingsdarstellerinnen auf seiner Lieblingsinsel Farö: Bibi Andersson, mit der er schon oft gearbeitet hatte, spielte eine Krankenschwester, die schmeichelt, pflegt, und tobt. Liv Ullmann, deren erster Bergman-Film das war, verkörpert die Patientin, eine berühmte Schauspielerin, die schweigt. Doch dann beginnen sich die Frauenfiguren zu überlagern.

Stimme: «Der beste Film, der je gedreht wurde.» (Susan Sontag)

Heute: Sehr psychologisch, sehr symbolisch, auf alle Fälle in der Erinnerung. Die erste Überraschung: «Persona» beginnt mit einer Experimentalfilmsequenz, Bildschnipsel von Filmstreifen, einem geschlachteten Schaf, sogar ein erigierter Penis kommt vor. Die zweite Überraschung: Viele Grossaufnahmen und lange Kamerafahrten wirken geradezu modern. Und die dritte: Es gibt darin eine sehr erotische Erzählung, nur Worte, aber höchst wirksam. «Persona» lebt!

Viskningar och rop – Schreie und Flüstern (1972)

Damals: Zu Beginn der 70er-Jahre befand sich Bergman in einer Krise: Er hatte weniger beachtete Filme gedreht, und die Trennung von seiner Partnerin Liv Ullmann erwies sich als schwierig. Auf Farö schrieb er seinen wichtigsten Schauspielerinnen (Ullmann, Harriet Andersson, Ingrid Thulin) einen Brief. Es ging um eine Vision von drei Frauen, die in einem roten Raum flüstern. Die daraus entstandene Geschichte der Schwestern brachte ihn aufs internationale Tapet zurück. Bevor er mit «Szenen einer Ehe» einen Welterfolg landete.

Stimme: «Ganz anders als die meisten Filme. ‹Schreie und Flüstern› ist hypnotisch, verwirrend, furchteinflössend.» (Roger Ebert)

Heute: Rot, rot, rot, die Inszenierung mit der Farbstilisierung wirkt äusserst penetrant. Interessant bleibt die psychologisch feine Zeichnung der drei Schwestern, wobei eine von der Krankheit gezeichnet ist. Die Männer dagegen sind wahre Holzpflöcke.

Fanny och Alexander – Fanny und Alexander (1982)

Damals: Zwischen 1976 und 1982 lebte Bergman in Deutschland, wohin er vor einer Anklage wegen Steuerhinterziehung geflohen war. Seine Filme drehte er dort und in Norwegen. Für «Fanny und Alexander» kehrte er nach Schweden zurück, der Film wurde mit einer grossen Summe des Filminstituts finanziert, was ihm den Zorn anderer Regisseure einbrachte, für die nichts übrig blieb. Es gibt eine dreistündige Kinofassung und eine fünfeinhalbstündige TV-Fassung.

Stimme: «‹Fanny und Alexander› ist die Summe meines ganzen Lebens als Filmemacher.» (Ingmar Bergman)

Heute: Tatsächlich hat der Film Best-of-Bergman-Charakter, was auch negativ verstanden werden kann. Es gibt viel Bekanntes in den Themen. Und doch, so liebevoll und spielfreudig – die Kissenschlacht, der furzende Onkel – hat er nie inszeniert. Ein idealer Einsteigerfilm und ein weiterer Beweis, dass Bergman besser altert, als viele denken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2018, 17:15 Uhr

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