Auf einmal macht Milch alle sauer

Schweizer trinken so wenig Milch wie noch nie. Für Kinder hat das teils fatale Folgen.

Die Abstinenz zieht sich durch alle Guppen der Bevölkerung: Milchdrink. Foto: Keystone

Die Abstinenz zieht sich durch alle Guppen der Bevölkerung: Milchdrink. Foto: Keystone

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Die beiden Buben, sechs und drei Jahre alt, die kürzlich bei Ernährungsberaterin Sonja Ricke in der Praxis sassen, waren im Wachstum zurückgeblieben. «Sie bekamen zu Hause keine Milch, weil die Eltern glaubten, die Kinder seien allergisch», sagt Ricke. «Um das fehlende Eiweiss aus der Milch zu kompensieren, hätten die Kinder zweimal pro Tag Fleisch essen müssen oder viele Hülsenfrüchte.» Beides unterblieb. Die Folge: «Die Kinder waren zu klein für ihr Alter – und unterernährt.»

Immer wieder sitzen kleine Patienten in der Praxis von Ärzten und Ernährungsberatern, weil sie zu Hause falsch ernährt werden. In schweren Fällen mussten die Mediziner schon die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) einschalten. So etwa an einem Ostschweizer Spital. Und auch in Basel-Stadt musste die Kesb schon eingreifen.

Aber nicht nur bei Kindern stehen Lebensmittel wie Milch immer öfter auf der Verbotsliste – die Abstinenz zieht sich längst durch alle Bevölkerungsgruppen. «Ähnlich wie bei der Glutenhysterie muss die Milch zunehmend als Begründung für eine Vielzahl von unspezifischen psychosomatischen Beschwerden herhalten», sagt Oswald Hasselmann, Leitender Arzt am Kinderspital Ostschweiz. «Geradezu grotesk ist, wenn junge Männer im Zuge des Fitnesswahns teures Proteinpulver kaufen, das mehrheitlich aus Milchpulver besteht, und gleichzeitig eine Aversion gegen Milch haben.»

Konsum sinkt wegen neuer Ernährungstrends

Mit der guten alten Kuhmilch, dem helvetischen Nationalgetränk, geht es bergab. Seit Jahren sinkt der Konsum stetig. 1950 tranken die Schweizer 233 Kilogramm Milch pro Kopf – 2017 waren es nur noch 57 Kilogramm. Das zeigen neuste Zahlen des Branchenverbands Swissmilk. Ein historischer Tiefststand – noch nie hatten Schweizerinnen und Schweizer weniger Lust auf Milch.

Video: Rekordkuh Haiti wird 20

Sie ist derzeit die Kuh mit der höchsten Milch-Lebensleistung: 190’000 Kilogramm Milch hat sie bisher produziert. Video: SDA

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Etwa die Diskussion um fettarme Ernährung und Cholesterin, die in den 80er- und 90er- Jahren aufkam und zu einem Boomvon Lightprodukten in den Ladenregalen führte. «Milch galt plötzlich als Dickmacher», sagt Christine Brombach, Professorin und Ernährungsexpertin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Dann kam der BSE-Skandal, und die Leute fragten sich, ob Krankheiten auch über die Milch übertragbar seien.» Seit etwa zehn Jahren bremse auch die verstärkt geführte Diskussion um Laktose-Intoleranz den Milchkonsum. «Die Milch hat ihre weisse Weste verloren», sagt Brombach.

Heute sind es zwei weitere Trends, die der Milch zu schaffen machen: der Veganismus und die Low-Carb-Diäten. Für deren Anhänger sind Milchprodukte des Teufels.

Milchlobby und Veganer liefern sich Kleinkrieg

Swissveg, der Verband der Vegetarier und Veganer, kämpft vehement gegen die Kuhmilch. Die Massentierhaltung und die hochgetrimmte Milchproduktion seien unökologisch, den Kühen die Kälber wegzunehmen, sei unethisch und der verbreitete Antibiotika-einsatz ungesund, kritisiert Swissveg. Zudem fördere Milch Krankheiten wie Osteoporose.

Dem widersprechen Mediziner und Wissenschaftler. «Für die Aussage, Milch sei ungesund, gibt es keine wissenschaftliche Evidenz», sagt Raoul Furlano, Leitender Arzt am Universitäts-Kinderspital beider Basel. «Kuhmilch ist für Menschen wertvoll, auch wenn wir wohl das einzige Säugetier sind, das die Milch eines anderen Säugetiers trinkt.»

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Die offizielle Empfehlung der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung lautet: drei Portionen Milch oder Milchprodukte pro Tag. Milchrationen, in dieser Menge konsumiert, seien «weder schädlich noch machen sie dick», sagt Barbara Walther, Milchexpertin an der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope. Der Energiegehalt von einem Glas Vollmilch entspreche gerade mal zwei Täfelchen Schokolade. Zudem liefere Milch eine Vielzahl an hochwertigen Proteinen, essenziellen Fettsäuren, Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, sagt Walther. «In der Wissenschaft ist das längst klar. Diese Fakten sind aber noch nicht in den Köpfen der Leute angekommen.»

Seit Jahren liefern sich die Milchlobby und ihre Gegner deshalb einen erbitterten Kleinkrieg. Im vergangenen Sommer zogen die Tierschützer des Vereins Animal Rights Switzerland vor die Lauterkeitskommission. Der Vorwurf: Der Branchenverband Swissmilk behaupte in der Werbung, dass es «glückliche Kühe» gebe. Falsch, kritisierte Animal Rights. Mit allen Tierprodukten sei «grosses Tierleid» verbunden.

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Auch Swissveg zerrte Swissmilk im März vor den Kadi. Der Branchenverband hatte die Werbetrommel mit der Behauptung gerührt, Schweizer Kühe hätten «ein gutes Leben». Wieder landete das Dossier bei der Lauterkeitskommission. In beiden Fällen stehen die definitiven Urteile noch aus.

Tierschützer und Veganer sind nicht allein

Aber auch die Milchlobby ist wenig zimperlich, wenn es um ihre Interessen geht. Als vegane Supermärkte begannen, fermentierte Cashewkerne als «Happy Cheeze» zu verkaufen, schickte ihnen ein Swissmilk-Anwalt einen Brief mit dem Hinweis, es liege ein Verstoss gegen das Lebensmittelrecht vor – der Begriff Käse sei nämlich für Milchprodukte reserviert.

Bilder: Kleider aus saurer Milch

Tierschützer und Veganer sind nicht allein mit ihrer Kritik an der Milch. Die Milchbolzerei in den hochgerüsteten Ställen schürt die Skepsis vieler Konsumenten. Tonnenweise fressen die Kühe heute Kraftfutter statt Gras: Pro Kuh sind es jährlich im Schnitt 730 Kilogramm.

Kultkuh Lovely kommt zu einem neuen Auftritt

Das Image der Milch ist ramponiert. Um Gegensteuer zu geben, haben die Milchproduzenten in den letzten zehn Jahren nicht weniger als 200 Millionen Franken ins Marketing gebuttert. An Open Airs wurden Milchbars aufgestellt, an Schulen wurde ein Tag der Pausenmilch lanciert, im Netz die landesweit grösste Rezeptsammlung aufgebaut und Werbung mit der Kuh Lovely geschaltet. Mit bescheiden dem Erfolg.

Jetzt soll eine neue «Mehrwertstrategie Schweizer Milch 2025» das Image der Kuhmilch aufpolieren. Die Branchenorganisation Milch, der neben Bauern auch Verarbeiter und Grossverteiler angehören, hat Kernbotschaften formuliert, die man unters Volk bringen will. In TV-Spots und Broschüren soll das Bild gesunder und glücklicher Kühe vermittelt werden. Damit, so das Ziel, sollen die Schweizer wieder mehr Lust auf Milch und Milchprodukte bekommen.

Auch Kultkuh Lovely kommt zu einem neuen Auftritt – doch statt als Extremsportlerin vor weissem Hintergrund wie bisher steht sie jetzt dort, wo eine zufriedene Kuh hingehört: auf einer grünen Weide mit saftigem Grasfutter. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2018, 21:19 Uhr

Sechs Mythen über Kuhmilch im Faktencheck

Milch ist ungesund und macht dick

Regelmässig wird darüber diskutiert, ob die gute alte Kuhmilch der Gesundheit nützt – oder schadet. Kritiker warnen: Milch verstopfe die Arterien, wirke verschleimend und fördere Krankheiten von Osteoporose bis Krebs. Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen: Die meisten Behauptungen sind nicht belegt.

Milch lässt die Knochen schwinden

Dass Milch zu Osteoporose führe und das Risiko von Knochenbrüchen erhöhe, hört man oft. Doch ein Grossteil der als valide eingeschätzten Studien sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen Osteoporose und dem Verzehr von Milcherzeugnissen. Im Gegenteil: Das Kalzium der Milch fördert den Knochenaufbau. Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ist die Kalziumversorgung wichtig – was in den beiden ersten Lebensjahrzehnten nicht an Knochendichte erreicht wird, kann nicht nachgeholt werden. Zwar ist Kalzium auch in pflanzlicher Nahrung und Mineralwasser enthalten. Doch um den Tages­bedarf zu decken, müsste man 1,1 Kilo Broccoli oder 950 Gramm Tofu verzehren – oder 3,3 Liter kalziumreiches Mineralwasser trinken.

Asiaten leiden seltener unter Osteoporose

Asiaten, die wenig bis gar keine Milch trinken, erkranken seltener an Osteoporose: Diese Aussage ist laut Agroscope, dem landwirtschaftlichen Forschungszentrum des Bundes, «zu generell gehalten». So ist das Osteoporose-Risiko der städtischen Bevölkerung in China mit der Situation in westlichen Ländern vergleichbar. Zudem lässt sich ein gehäuftes Vorkommen von Osteoporose mit der höheren Lebenserwartung in westlichen Industrienationen erklären. Da die Krankheit im Alter gehäuft auftritt, führt eine geringere Lebenserwartung zu weniger Krankheitsfällen.

Milch verschleimt

Im 12. Jahrhundert empfahlen Ärzte Asthmapatienten, auf Milch zu verzichten, da diese zur Verschleimung der Atemwege beitrage. Nach aktueller Datenlage gehört diese Verschleimung ins Reich der Legenden. In australischen Studien wurden gesunde Personen und solche mit Schnupfenviren untersucht. In beiden Gruppen stellten die Wissenschaftler keine erhöhte Schleimbildung nach Milchkonsum fest. Es zeigte sich: Nach dem Verzehr von Milch sind im Vergleich zu einem Sojagetränk mit gleichartigen sensorischen Eigenschaften dieselben Veränderungen aufgetreten.

Milch verursacht Krebs

Milch und Milchprodukte, die in der empfohlenen Menge konsumiert werden, erhöhen das Darm- und Brustkrebsrisiko nicht. Im Gegenteil: Gemäss mehreren Studien verringern Milch und Milchprodukte wohl das Risiko für Dickdarmkrebs. Einen positiven Effekt für den Darm gebe es ab Tagesmengen von 2 Dezilitern Milch. Auch beim Brustkrebs gibt es bisher keinen Hinweis, dass Milch und Milchprodukte das Risiko erhöhen. Nicht eindeutig ist die Datenlage beim Prostatakrebs.

Milch macht dick

Auch als Dickmacher ist Milch verschrien. Ein Glas Vollmilch (200 Milliliter) liefert 128 Kilokalorien. Das entspricht etwa einem halben Croissant. Vor allem Milchfett, aber auch Milchzucker sorgen für den hohen Kaloriengehalt. Kritiker warnen vor den gesättigten Fettsäuren der Milch, die schlecht seien für Herz und Gefässe. Neuere Studien kommen aber zum Schluss, dass Milch das Risiko für Diabetes Typ 2 (Altersdiabetes) und Herz-Kreislauf-Krankheiten sogar senken kann. Laut einer US-Studie sind Milchtrinker zudem nicht dicker, sondern dünner als Nicht-Milchtrinker. Es wird vermutet, dass das Kalzium die Gewichtsreduktion unterstützt. Fettleibige Probanden, die drei oder mehr Portionen Milchprodukte zu sich nahmen, hatten den schnellsten und grössten Abnehmerfolg.

Zu viel Milch führt zu gesundheitlichen Problemen

Ein zu viel eines Lebensmittels verdrängt die Zufuhr anderer Lebensmittel. Das gilt generell. Übermässiger Milchkonsum zum Beispiel kann zu einem Mangel an Mineralstoffen wie Eisen, Kupfer oder Mangan führen. Gemeinhin wird angenommen, dass der Konsum von mehr als zwei Litern Milch pro Tag über längere Zeit schädlich ist. In der wissenschaftlichen Literatur liegen indes keine Berichte dazu vor. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt den Verzehr von täglich drei Portionen Milch oder Milchprodukten. Eine Portion entspricht 2 Dezilitern Milch oder 150–180 Gramm Joghurt oder 200 Gramm Quark respektive Hüttenkäse oder 30–60 Gramm Käse. (pas/db)

In Zahlen

564'735
Milchkühe gab es im Januar 2018 in der Schweiz.

22
Kilogramm Käse konsumierten die Schweizer im Jahr 2016 pro Kopf. Die Menge steigt seit Jahren an.

200
Millionen Franken gab die Milchlobby in den letzten zehn Jahren für das Marketing aus.

730
Kilogramm Kraftfutter frisst eine Kuh in der Schweiz laut Swissmilk im Schnitt pro Jahr. Dafür gibt sie pro Jahr zwischen 7300 und 9125 Liter Milch.

3
Prozent der Schweizer ernähren sich laut dem Verein Swissveg vegan.

11
Prozent der Schweizer ernähren sich laut einer Umfrage des Vereins Swissveg vegetarisch.

109,7
Kilogramm Milch konsumierten die Neuseeländer im Jahr 2015 pro Kopf. Das ist weltweit gesehen ein Rekord. Die Chinesen konsumieren nur gerade 18,7 Kilogramm pro Kopf.

20'987
Milchproduzenten gab es im Jahr 2016 in der Schweiz.

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