Arrivederci Carlo Chatrian

Der scheidende Locarno-Direktor begann als Notnagel und geht jetzt als künftiger Boss der Berlinale.

Hat sich in Locarno einen Namen gemacht: Carlo Chatrian, 46. Bild: Gabriele Putzu/Ti-Press

Hat sich in Locarno einen Namen gemacht: Carlo Chatrian, 46. Bild: Gabriele Putzu/Ti-Press

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Juli 2018, Restaurant Volkshaus Zürich
So entspannt war Carlo Chatrian, 46, noch nie. Wie jedes Jahr stellt sich der künstlerische Direktor des Filmfestivals von Locarno der Deutschschweizer Presse, ein lockeres Gespräch über Mittag zur nächsten Ausgabe. Er schwärmt von einem 14-stündigen Wettbewerbsfilm, betont die überraschende Leichtigkeit der diesjährigen Ausgabe (was man nicht mit Leichtgewichtigkeit verwechseln solle), wiegelt ab, ob es nun mehr oder weniger Schweizer Filme im Programm gebe (eher weniger, denkt er). Aber klar kommt die Rede immer wieder auf die Berlinale, über die er eigentlich gar nicht sprechen will. Denn diese 71. Locarno-Ausgabe ist für ihn Abschied und Aufbruch zugleich. Chatrian geht danach nach Berlin, um dort eines der wichtigsten Festivals der Welt zu leiten.

August 2013, Piazza Grande ­Locarno
Etwas verlegen steht der neue Direktor vor 7100 Personen im Scheinwerferlicht, neben ihm Hollywoodstar Faye Dunaway, der er scheu ein paar Fragen stellt, eher im Stil eines Fans. Der Filmwissenschafter Chatrian aus dem Aostatal kennt das Festival gut, er hat zehn Jahre lang für Locarno gearbeitet, hochgelobte Retrospektiven organisiert. Als dann der Franzose Olivier Père 2012 überraschend zurücktrat und Festivalpräsident Marco Solari schnell seinen langjährigen Mitarbeiter aus dem Hut zauberte, bekam der «Notnagel» kaum Kredit. Aber er hat bereits bei der Premiere eine glückliche Hand: Mit «Feuchtgebiete» hievt er eine schlagzeilenträchtige Literaturverfilmung in den Wettbewerb, mit «L’expérience Blocher» präsentiert er einen Dokumentarfilm auf der Piazza, der vor und nach dem Festival einiges zu reden gibt. Feuerprobe bestanden.

August 2017, Siegerehrung Piazza Grande
Es gibt bestimmt spannendere Feiern als die zeitlich ausgedehnte Verleihung der Leoparden. Aber der Direktor bewegt sich jetzt viel gewandter auf der grossen Bühne. Dies auch wegen der Preisträger, die in seiner Ära den höchsten Preis bekamen. Jetzt gewonnen hat der renommierte chinesische Dokumentarfilmer Wang Bing, unter den früheren Preisträgern waren mit Lav Diaz, Hong Sang-soo und Albert Serra Regisseure, die längst die Namenslisten der ganz grossen Festivals zieren. Nicht zuletzt dank seines sicheren Gespürs für Entdeckungen hat sich Carlo Chatrian einen Namen gemacht. Locarno wurde dank ihm vom betulichen Sonnenfestival zu einem Ort, an dem Avantgarde gepflegt wird. Und das grosse Publikum auf der Piazza doch nicht zu kurz kommt.

Juli 2018, Restaurant Volkshaus Zürich
Kein Wunder, dass sich die nach einem neuem Profil suchende Berlinale jetzt ein Stück von Chatrians Fertigkeit abschneiden will. Doch bis dahin ist es noch weit (sein erstes Berliner Festival in Eigenverantwortung ist erst 2020). Vorerst will er zum Abschied von den Journalisten wissen, wie man Locarno noch verbessern könne. Die hohe Qualität der Retrospektiven beibehalten, ist ein Vorschlag. Antwort: «Das ist einfach.» Die Hotelsituation verbessern. Antwort: «Ein trauriges Kapitel, aber vom künstlerischen Direktor nicht lösbar.» Die Piazza überdachen. Antwort: «Ha ha.» Mit solchen Vorschlägen wird gleich klar: Das Festival befindet sich in gutem Zustand. Arrivederci Carlo Chatrian! Ein Nachfolger, eine Nachfolgerin soll erst nach der Ausgabe 2018 bekannt gegeben werden.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 17:42 Uhr

Stan Laurel und Oliver Hardy, unter anderen

Fünfzehn Filme konkurrieren 2018 um den Goldenen Leoparden, das sind etliche weniger als in den Vorjahren. Das hat einen guten Grund: «La flor» aus Argentinien dauert vierzehn Stunden, wiegt also rein zeitlich sieben Filme auf. Einziger Schweizer Beitrag im Wettbewerb ist das Inzestdrama «Glaubenberg» von Thomas Imbach. Ganz generell verspricht Carlo Cha­trian mehr Leichtigkeit, dazu trägt die Retrospektive um Regisseur Leo McCarey bei. Er hat zahlreiche Filme mit dem Komikerduo Laurel und Hardy gedreht, die beweisen werden, dass die beiden mehr sind als dick und doof. An Gästen werden Meg Ryan und Ethan Hawke erwartet, für einen Adrenalinkick soll der Thriller «Equalizer 2» mit Denzel Washington sorgen.

Locarno Festival, 1. - 11. August

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