Schweizer Familien wachsen über das Ideal hinaus

Zwei Kinder – am besten ein Mädchen und ein Knabe – galten lange als Wunsch der meisten Eltern. Doch dieser wandelt sich.

«Jetzt stimmts. Wir sind komplett»: Julia, Noé, Eliah und Ivan (v. l.) mit Nils, dem jüngsten Spross Foto: René Ruis

«Jetzt stimmts. Wir sind komplett»: Julia, Noé, Eliah und Ivan (v. l.) mit Nils, dem jüngsten Spross Foto: René Ruis

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Auf Spielplätzen sieht man vermehrt Mütter, ein Baby umgeschnallt, ihren beiden Grösseren nachspringen, Geburtskärtli à la «Jetzt sind wir in der Überzahl» flattern in den Briefkasten, und Minivans mit drei Kindersitzen zieren das Strassenbild. Ist drei das neue zwei? Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Ja. Gerade gut ausgebildete und berufstätige Mittelstandseltern in Städten sprengen vermehrt die Zwei-Kind-Norm und entscheiden sich für ein drittes Kind.

So auch Julia, 36, aus Zürich. Erst vor wenigen Tagen ist die mit einem Logistiker verheiratete Primarlehrerin mit Baby Nummer drei, dem kleinen Nils, aus dem Spital heimgekommen. Dort warteten Noé, 6, und Eliah, 2½. «Ich wollte schon immer viele Kinder haben», sagt Julia. Vier hätte sie sich vorstellen können. «Doch als ich die drei zusammengekuschelt auf dem Bett sah, wusste ich: Jetzt stimmts. Wir sind komplett.»

Viele Paare wünschen sich mehr als zwei Kinder

Den Wunsch nach einer grossen Familie hegen in der Schweiz 30 Prozent der Frauen und Männer. Tatsächlich bringt aber nur jede fünfte gut ausgebildete Frau mehr als zwei Kinder zur Welt, bei denjenigen mit obligatorischem Schulabschluss ist es jede vierte.

Bis jetzt. Nach jahrelangem Rückgang ist die Zahl der Drittkinder seit 2007 wieder steigend, wenn auch erst zaghaft. Aber es zeigt sich eine Tendenz. Insbesondere in Zürich, Bern, Zug, Basel, Genf und der Waadt wächst laut Statistischem Amt der Anteil Drittgeborener. 2017 machte er schweizweit 12,4 Prozent aus, 10 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Und 2018 setzt sich die Wende fort, wie neuste Geburtenzahlen aus städtischen Spitälern belegen. Besonders deutlich ist die abermalige Zunahme fünfköpfiger Familien im Geburtshaus Delphys in Zürich spürbar. «Drei Kinder sind bei unseren Gebärenden keine Seltenheit mehr», sagt Hebamme Helen Ruppert. Ganz nach dem Motto: Wenn schon – denn schon.

Auch die Männer haben einen Einfluss

Was sind die Gründe für diese Veränderung des Familienideals? Hebamme Ruppert sieht einen Zusammenhang mit dem Trend zur Häuslichkeit. «Selber kochen, nähen und Zeit mit den Liebsten im sorgfältig eingerichteten Heim verbringen hat für viele Familien einen hohen Stellenwert.» Dazu passe eine Grossfamilie.

Für Heidi Stutz, Sozialökonomin beim Forschungsinstitut Bass in Bern, ist die Entwicklung weniger eine Modeerscheinung. «Wie viele Kinder ein Paar hat, ist nicht von einer Strömung ab­hängig. Entscheidend ist vor allem die Vereinbarkeit», sagt Stutz. Gebe es genügend Krippenplätze, Mittagsbetreuung und Tagesschulen, würden sich insbesondere gut ausgebildete Frauen eher für Kinder entscheiden.

Ebenso habe es einen Einfluss, wie sich Männer im Familienalltag einbringen und anpacken. Stutz ist überzeugt: «Würden Firmen Väter, die Kind und Karriere vereinbaren, nicht aufs Abstellgleis stellen, gäbe es tendenziell mehr kinderreiche Haushalte.»

Denn: Ist ein erstes Kind da, ist der Schritt zu einem zweiten oder gar dritten oft gar nicht mehr so gross – gerade bei Schweizer Paaren. «Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass nur Ausländerinnen eine Kinderschar grossziehen», sagt Stutz. Zwar gebären Schweizerinnen im Schnitt 1,5 Kinder und hier lebende Ausländerinnen knapp 2,1. Vergleicht man aber nur Frauen, die auch ­Kinder haben, liegt der Schnitt bei 2 Kindern pro Frau – unabhängig von der Nationalität. Grund dafür: Kinderlosigkeit ist bei Schweizerinnen häufig. Hingegen haben praktisch alle Ausländerinnen ein Kind. Dafür aber seltener und mit grösserem Abstand ein zweites – im Schnitt erst nach sechs Jahren. Bei Schweizerinnen sind es drei Jahre.

Weniger Fokus auf einzelne Kinder

Und genau dieses kürzere Intervall kann auch entscheidend sein, ob ein drittes Kind zur Welt kommt. «Liegt zwischen der ersten und zweiten Geburt ein geringer Abstand und ist die Mutter beim ersten Kind näher bei 30 als bei 40, dann steigen die Chancen für zahlreichen Nachwuchs», sagt Diana Baumgarten, Familiensoziologin am Zentrum für Gender Studies an der Universität Basel.

Und auch wenn die ersten beiden Kinder das gleiche Geschlecht haben oder eine Frau selbst mehrere Geschwister hat, wird die Zwei-Kind-Norm eher gebrochen. Finanzielle Überlegungen spielen dagegen weniger mit. «Kinder zu haben, ist eher eine Angelegenheit des Herzens als des Verstandes.»

Ein drittes Kind bringt in der Vorstellung vieler das mühsam erreichte Gleichgewicht durcheinander. Ein grösseres Auto müsste her, eine grössere Wohnung und eine Lohnerhöhung sowieso. Dann ist da noch die Sache mit dem Sandwich-Kind. Von zwei Seiten konkurrenziert, sind sie die Ersten, die sich von der elterlichen Zuwendung ausgeschlossen fühlen.

Käthi Kaufmann von der Interessengemeinschaft Familie 3plus wiegelt ab: «Natürlich, eine Mutter hat nur zwei Hände, doch mit einem dritten Kind bekommt die Familie eine andere Dynamik.» Die Kinder sind in der Mehrheit, ihre soziale Erziehung findet verstärkt untereinander statt, und auch der Fokus der Eltern liegt weniger auf dem Einzelnen.

800 Franken kostet ein erstes Kind pro Monat. Sind es zwei oder drei, sinken die Kosten pro Kopf auf 640 respektive 530 Franken. «Ohne die Massstäbe betreffend Wohnen und Ferien herunterzuschrauben, geht es aber nicht», sagt Kaufmann. Julia aus Zürich ist dies bewusst. «Doch ich bin selbst mit drei Geschwistern aufgewachsen und statt Ferien auf den Malediven haben wir Ferien in der Schweiz gemacht und mit dem Auto Europa bereist», sagt sie. Gestört hat Julia dies nie. Überwogen hätten die Vorteile. «Zum Spielen war immer jemand da. Und zum Streiten sowieso.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.01.2019, 22:09 Uhr

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