Mit Floskeln gegen Islamisten

Die richtigen Worte zu finden, ist in Krisensituationen eine wichtige Aufgabe von Regierungschefs.

Starke Polizeipräsenz in Manchester seit dem Terroranschlag von Montag, 22. Mai 2017.

Starke Polizeipräsenz in Manchester seit dem Terroranschlag von Montag, 22. Mai 2017.

(Bild: Reuters Stefan Wermuth)

Andreas Kunz@sonntagszeitung

Ich gebe es ungern zu, denn ich war selbst darüber erschrocken. Und obwohl ich weiss, dass es eine normale, natürliche Reaktion ist, kann ich mir nicht erklären, warum ich diese Woche so abgestumpft auf den Terroranschlag in Manchester reagierte. Selbstverständlich liessen mich die schrecklichen Bilder nicht kalt, klar taten mir die jungen Opfer und deren verzweifelte Angehörige leid – aber es war kein Vergleich zur Trauer, Wut und Ohnmacht, die ich noch nach den Anschlägen im Pariser Bataclan oder in Nizza empfand.

Die Gefühle, die ich eben noch vermisst hatte, verspürte ich allerdings umso stärker, als ich die Reaktionen europäischer Politiker hörte. Wirkten Sätze wie «Wir lassen uns nicht unterkriegen» oder «Wir werden unseren westlichen Lebensstil nicht ändern» nach den ersten Attentaten noch irgendwie stolz oder tapfer, klingen sie heute nur noch hohl und hilflos. Und wenn der englischen Premierministerin Theresa May nichts anderes einfällt, als von einem «feigen Akt» zu sprechen, und Angela Merkel von einer «unbegreiflichen Tat» redet, frage ich mich, ob die europäischen ­Regierungen das Terrorproblem überhaupt richtig verstanden haben.

Unbegreiflich? Die Islamisten wollen so viele «Ungläubige» töten wie nur möglich. Sie hassen den westlichen Lebensstil und versuchen, uns dort zu treffen, wo es am meisten schmerzt. Zum Beispiel an einem Konzert, an dem Tausende junger Mädchen einen Popstar feiern – statt unter einer Burka zu verschwinden, wie es die Islamisten gern hätten. Für diese brutale Mission – die mittlerweile auch für Angela Merkel begreifbar sein sollte – sind sie sogar bereit, ihr Leben zu opfern. Vorwerfen kann man den Terroristen also ­vieles, aber Feigheit gehört nicht dazu. Das Problem ist im Gegenteil ihre rücksichtslose Entschlossenheit.

«Das Problem ist im Gegenteil ihre rücksichtslose Entschlossenheit.»

Die richtigen Worte zu finden, gehört ­gerade in Krisensituationen zu den wich­tigsten Aufgaben von Regierungschefs. Ein Heer an Fachleuten steht ihnen dafür zur ­Verfügung. Doch je öfter sie nach Terror­anschlägen ans Mikrofon treten, desto mehr klingen ihre Worte wie aus einem Bausatz ­voller Floskeln.

Die besten Worte fand nach Manchester ausgerechnet der beratungsresistenteste unter den westlichen Regierungschefs. «Ich werde sie nicht Monster nennen, weil ihnen dieser Ausdruck gefallen würde. Sie würden denken: Das ist ein toller Name!», sagte Donald Trump. «Ich werde sie von jetzt an Verlierer nennen, denn das ist es, was sie sind. Sie sind Verlierer.»

Ich glaube, das macht bei den Islamisten – jungen Männern, die ja so viel auf ihre Ehre geben – mehr Eindruck, als wenn sie hören, dass wir ihre Taten nicht begreifen. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die Amerikaner seit 9/11 keine grösseren Anschläge mehr erleben mussten. Im Kampf gegen den Terror ist die weich gespülte Sprache der europäischen Politiker auch ein Abbild ihrer fehlenden Entschlossenheit, die sich mit jedem weiteren Attentat rächt.

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