«Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Raubüberfällen und Filmemachen»

Regisseur Steven Soderbergh über sein Comeback, Hollywoods Lügen und das Kinogefängnis.

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Bei Steven Soderbergh ist alles anders: Mit 26 Jahren und dem Erstling «Sex, Lies, and Videotape» gewann er 1989 die Goldene Palme von Cannes. Mit 50 und nach Erfolgen wie «Ocean’s Eleven» und «Magic Mike» erklärte er 2013 überraschend den Rücktritt vom Kino. Geglaubt hat ihm das niemand richtig, zumal er bald fürs Fernsehen weiterarbeitete. Und richtig, jetzt ist er wieder da, ­präsentiert mit «Logan Lucky» eine Gaunerkomödie mit Channing Tatum, Adam Driver und Daniel Craig. Der Film, in dem ein paar Halbstarke die Kasse bei einem Autorennen klauen wollen, ist so etwas wie die Prolo-Variante zur eleganten «Ocean’s»-Serie – und, wie der Regisseur beim Interview in London sagt, der einzige Film, der ihn zurückbringen konnte.

Wieso ausgerechnet eine Gaunerkomödie?
Weil ich solche Filme vermisst habe. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich niemals für ein seriöses Drama zurückgekehrt wäre.

Wieso nicht?
Mein Che-Guevara-Zweiteiler, der überhaupt nicht funktionierte, hat mir den Rest gegeben. Ich habe genug von sogenannt seriösen Filmen. Das heisst nicht, dass ich keine ernsthaften Themen mehr behandeln will, in «Logan Lucky» geht es ja auch um Arbeitslosigkeit. Aber das geschieht so nebenbei, in den Regeln dieses Genres. Eigentlich ist es eine Geschichte, in der ein grosses Unternehmen um ein paar Millionen Dollar erleichtert wird. Das gefällt mir.

Sie haben zahlreiche Filme mit Diebstählen realisiert.
Stimmt, und ich kann nicht wirklich erklären, wieso. Aufgewachsen bin ich in einer ruhigen Vorstadt von Baton Rouge, Louisiana. Da gab es weit und breit keine Verbrechen. Aber ich merkte früh: Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Raubüberfällen und Filmemachen.

Tatsächlich?
Aber sicher. Bei beiden ist es doch so: Man hat eine Idee, stellt die geeignete Truppe zusammen, macht ausgetüftelte Pläne. Einmal angelaufen, gehen die Dinge aber in die falsche Richtung, man muss improvisieren.

Aber Sie haben keine 10-Punkte-Liste am Kühlschrank wie die Diebe im Film?
In gewissem Sinne schon. Kürzlich habe ich an einer Schule unterrichtet. Da kam ich auf eine Check­liste mit 17 Punkten, die es zu beachten gilt.

Ist einer davon «Shit ­happens», wie in «Logan Lucky»?
Er ist vielleicht ein wenig eleganter formuliert. Aber die Aussage bleibt dieselbe.

Trailer zum neuen Soderbergh-Film «Logan Lucky».

Im Ernst, sehen Sie wirklich einen Zusammenhang zwischen Filmen und Überfällen?
Ich interessiere mich für Arbeitsprozesse und Problemlösungen, deshalb bringe ich das schon zusammen. Aber es ist natürlich klar, dass es etwas ganz anderes ist, ob man am Ende im Kinogefängnis landet oder im richtigen Gefängnis. Im Kinogefängnis war ich schon oft.

Wollten Sie deshalb keine Filme mehr für die grossen ­Hollywoodstudios drehen?
Sagen wir es so: Hätte ich nicht genau dieses Drehbuch zugeschickt bekommen und gleichzeitig einen Weg gesehen, wie man Filme auf neue Art lancieren kann, würde ich wohl weiter ausschliesslich fürs Fernsehen arbeiten. «Logan ­Lucky» kam genau im richtigen Moment. Wohlgemerkt, ich erhielt das Drehbuch nicht etwa, um es selber zu inszenieren.

Wozu denn?
Um einen Regisseur zu suchen. Ich wurde angefragt, ob ich jemanden kennen würde, zu dem es passen könnte. Je länger ich es las, desto besitzergreifender wurde ich. Als dann der Anruf kam, wen ich empfehlen würde, konnte ich nicht anders antworten als: «mich selber». Ich glaube, der Letzte, der so etwas getan hat, war Dick Cheney. Der wurde von George W. Bush beauftragt, einen Vizepräsidenten zu suchen, und landete schliesslich selber im Amt. So etwas hat immer einen schalen Beigeschmack.

Was störte Sie an der Art, wie Filme heute ins Kino gebracht werden?
Das Geld. Niemand scheint es zu kümmern, dass die Marketingkosten konstant in die Höhe getrieben werden. Die Werbung ist schon lange teurer als der Film selber. Und die Tendenz geht weiter nach oben.

Sie wollen das ändern?
Wir versuchen es und haben den Film mit einem eigenen Modell ins Kino gebracht. Die Schauspieler und Techniker sind daran beteiligt. Sie haben zwar weniger Lohn erhalten bei den Dreharbeiten. Dafür verdienen sie mit jedem Dollar, den der Film einnimmt. Da ist kein Studio, das alles abschöpft.

Das Problem ist nur: Die Einnahmen für «Logan Lucky» sind nicht hoch, der Film floppte.
Kommt darauf an, wie man es anschaut. Für ein normales Hollywoodstudio wäre es wirklich eine Katastrophe. Aber mit unserem Modell verdienen wir trotzdem.

Tatsächlich?
Ja, die bis jetzt 22 Millionen Dollar Einnahmen können wir direkt weitergeben. Aber klar hätte ich mir mehr Publikum gewünscht in den USA. Wir haben versucht, Menschen zu erreichen, die im Film vorkommen, Leute aus dem Mittleren Westen und dem Süden, wo die Arbeitslosenzahl hoch ist.

Es ist ein klassisches Trump-Wähler-Land.
Ja. Vielleicht sind diese Menschen einfach allem gegenüber misstrauisch, was aus Hollywood kommt, und wollen nichts damit zu tun haben. Wir müssen analysieren, weshalb die Leute in West Virginia, wo der Film spielt, ihn vollkommen ignoriert haben. Aber ich denke nicht, dass unser System bereits nach dem ersten Versuch abzuschreiben ist. Ich werde es wieder versuchen. Und vergessen Sie nicht: Hollywoodstudios lügen.

Lügen?
Klar, die fälschen die Einspielergebnisse, damit sie besser aussehen. Es tönt grossartig, wenn sie hinausposaunen: Der Film hat 40 Millionen Dollar eingespielt, am ersten Wochenende. Bis man merkt, dass er 80 Millionen gekostet hat und noch einmal so viel fürs Marketing ausgegeben wurde. Jetzt muss er 160 Millionen einspielen, um auf schwarze Zahlen zu kommen. Bei unserem Film haben wir das Universum kleiner gemacht.

Glauben Sie eigentlich noch an die Kraft des Kinos?
Na ja, die kleinen Bildschirme werden immer wichtiger. Aber die Magie eines dunklen Saales wird nie verschwinden. Wer ein Date will, lädt sein Gegenüber immer noch ins Kino ein. Obwohl das, auf alle Fälle bei uns in den USA, manchmal tatsächlich kein Vergnügen mehr ist: Die Menschen sind auch im Saal ständig am Telefon. Es ist mühsam, wenn man die Leinwand vor sich hat und dazwischen noch fünfzehn Bildschirme aufleuchten.

Sie haben gesagt, künstlerisch habe sich das Kino in den letzten Jahren kaum entwickelt.
Für mich hat es tatsächlich wenige Sprünge nach vorne gegeben. Der letzte war «Hiroshima mon amour» von Alain Resnais, mit seiner komplett neuen Erzählweise.

Das ist 60 Jahre her . . .
. . . ich sage ja nicht, dass es keine innovativen Regisseure mehr gab. Oder Filme wie «Fight Club» und «Sin City», die technisch tatsächlich auf einer neuen Stufe spielten. Aber mir geht es um das Erzählen von Geschichten. Und diesbezüglich war der Film von Alain Resnais ein Schock. Wie gleichzeitig «A bout de souffle» von Jean-Luc Godard. So etwas hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Damit hat alles begonnen: «Sex, Lies, and Videotape» von 1989

Was ist zum Beispiel mit der nicht linearen Erzählweise von «Pulp Fiction»?
Das war ja nicht neu. Quentin Tarantino ist genial darin, alte Dinge anders zu arrangieren und seinen Touch hinzuzufügen. Ich finde ihn gut, das Problem sind alle Leute, die sein wollen wie er. Aber heute staunt man meist nur noch über technische Innovationen.

Apropos Technik: Interessiert Sie das 3-D-Kino?
Nicht wirklich. Für mich ist es so, als ob es alles kleiner machen würde, als ob man in einen Guckkasten schaute. Ich habe ein bisschen experimentiert, als ich 2011 den Seuchenthriller «Contagion» drehen wollte, und herausgefunden, dass zwei Aufnahmearten, die ich mag, kaum funktionieren: Eine ist der Schuss über eine Schulter, in 3-D sieht das aus, als ob einem eine Fleisch- oder Kleidermasse vors Gesicht gehängt würde. Die zweite ist die Totale, durch die eine Person läuft. Diese wirkt in 3-D wie ausgeschnitten, eine Pappfigur, die nicht zur Landschaft gehört.

Sie arbeiten immer wieder mit den gleichen Schauspielern zusammen, George Clooney und Brad Pitt bei «Ocean’s», jetzt mit Channing Tatum. Wieso?
Da sind wir wieder bei den Gangstern: Man braucht eine Bande, um einen guten Film zu drehen. Aber jeder Gangleader weiss, dass der Prozess, so eine auf die Beine zu stellen, schwierig ist. Wenn man die guten Leute einmal hat, versucht man immer wieder mit ihnen zu arbeiten. Man gewinnt Zeit, und es erspart einem Ärger.

Jetzt gehört auch Daniel Craig dazu, der einen durch­geknallten Gauner spielt.
Wer 30 Sekunden mit ihm verbringt, weiss sofort, was für ein witziger Mensch er ist. Deshalb habe ich mich stets gefragt, wieso ihn noch niemand in einer Rolle besetzt hat, die diese Qualitäten zum Vorschein bringt.

Würden Sie auch einen James-Bond-Film mit ihm inszenieren?
Es hat im Lauf der Jahre schon ein paar Gespräche gegeben. Aber es ist klar, dass meine Art zu arbeiten nicht zusammenpasst mit derjenigen der Bond-Leute. Sie haben ihre Art, Dinge zu tun, und angesichts des Erfolges dieser Reihe habe ich dem wenig entgegenzusetzen.

Wird es je einen «Ocean’s Fourteen»-Film geben?
Es wird bestimmt «Ocean’s Eight» geben, eine Art weibliche Variante der Serie. Da bin ich als Produzent dabei, und es spielen lauter Frauen: Cate Blanchett, Anne Ha­thaway und die Sängerin Rihanna.

Zu Rihanna gibts einen Satz in «Logan Lucky» – ein Mädchen behauptet, der ­Regenschirm aus ihrem Hit «Umbrella» sei ein Symbol für das weibliche Geschlechtsorgan.
Ja, das fand ich die lustigste Zeile des Drehbuches, besonders aus dem Mund dieses naseweisen Kindes. Ein Punkt für die Autorin ­Rebecca Blunt!

Es gibt Leute, die sagen, diese Autorin gebe es gar nicht, Sie hätten das Drehbuch selber geschrieben.
Ach ja . . .

. . . Sie führen die Kamera ja bei Ihren Filmen auch selber und schneiden unter Pseudonym.
Das stimmt. Aber Rebecca Blunt gibt es. Der Vagina-Witz ist der beste Beweis dafür. So etwas hätte einem Mann doch niemals einfallen können, nicht wahr?

Am Ende des Abspanns steht, niemand sei ausgeraubt worden während der Herstellung von «Logan Lucky», ausser Ihnen.
Richtig. Aber nur, um zu schauen, ob jemand bis ans Ende sitzen bleibt und aufpasst. Sie haben das offensichtlich getan. Gratuliere!

«Logan Lucky»: ab 14. September im Kino (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:26 Uhr

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