Die Post rettet Dorflädeli

Im Abbau der Filialen sehen Volg, Denner und etliche Gemeinden eine Chance – der zusätzliche Umsatz durch die Postagentur bewahrt die Läden vor einer Schliessung.

«Ohne den Beitrag der Post könnte der Laden nicht überleben», sagt Max Werner, Präsident der Genossenschaft Dorfladen Merishausen SH. Foto: Michele Limina

«Ohne den Beitrag der Post könnte der Laden nicht überleben», sagt Max Werner, Präsident der Genossenschaft Dorfladen Merishausen SH. Foto: Michele Limina

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«Die finanzielle Lage des Dorfladens ist äusserst prekär.» Das ist auf der Homepage der Gemeinde Merishausen nachzulesen. Seit im März 2014 das ­Geschäft eröffnete, zählt jeder einzelne Franken in der Kasse. Ein Gönnerverein und die Gemeinde leisten einen regelmässigen Zustupf. Die Existenz des Ladens an der Hauptstrasse des 800-Seelen-Dorfes sichert aber die Post – mit einem jährlichen, fünfstelligen Betrag. Dafür betreiben seine Verkäuferinnen auch die integrierte Postagentur.

«Ohne den Beitrag der Post könnte der Laden nicht überleben», sagt Max Werner, Präsident der Genossenschaft Dorfladen ­Merishausen. «Er deckt ein Drittel unserer Personalkosten.»

Wie hoch die Überweisung der Post genau ist, will er nicht preisgeben. Darin enthalten ist ein Bonus, der nach Anzahl umgesetzter ­Päckli und Briefe schwankt – aber nur, wenn die Postarbeit ordentlich erledigt ist. Fehler wie falsch eingescannte Pakete werden mit Bonusabzügen bestraft.

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Der Dorfladen von Merishausen beherbergt eine von 854 Postagenturen in der Schweiz. Diese ersetzt im kleinen Schaffhauser Dorf die Poststelle, die vor gut sechs Jahren geschlossen wurde. Die Zahl der Agenturen wächst seit zehn Jahren stetig, weil der gelbe Riese seine eigenen Schalterstellen schliesst. Ein Trend, der laut den jüngsten Ankündigungen auch weiterhin anhalten wird.

Hälfte der Volg-Läden ist auch eine Post

Volg ist dabei der grösste Partner der Post. Ende Jahr beherbergte fast die Hälfte der 585 Volg-Läden einen gelben Selbstbedienungsschalter. Alleine im vergangenen Jahr kamen 54 neue hinzu. Laut Volg-Sprecherin Tamara Scheibli führt das zusätzliche Angebot zu einer höheren Kundenfrequenz. Sie ist überzeugt: «Eine Postagentur kann mittel- bis langfristig dazu beitragen, dass der Laden vor einer Schliessung bewahrt werden kann.»

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Nicht nur im Volg, sondern auch in 15 Satelliten und Partnerfilialen von Denner hat die Post Agenturen eröffnet. Die Rückmeldungen der Betreiber seien positiv, sagt Denner-Sprecher Thomas Kaderli. «Das Potenzial ist gross.» Deshalb werden bis Ende Jahr weitere Poststellen in Denner-Satelliten und -Partner integriert. Und nicht nur das: «Denner führt derzeit Gespräche mit der Post und plant ein Pilotprojekt mit einer Poststelle in einer Denner-eigenen Filiale», sagt Kaderli. Wo die ­neuen Agenturen entstehen sollen, will er nicht verraten.

Einwohner gründen Genossenschaft

Dass immer mehr Lädeli zu Postagen­turen werden, erstaunt Patrick Marty, Sprecher der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz, nicht. Er sieht darin eine Rückkehr zum einstigen Wesen der Dorf­läden. «Schon früher erbrachten ihre Mitarbeiter ganz verschiedene Dienstleistungen.» Für ihn steht fest: «Jede Poststelle, die geschlossen wird, ist für den lokalen Detailhandel eine Chance.»

Diese ergriffen die Einwohner von Siblingen SH. Nachdem Volg und auch die Post der Ortschaft den Rücken gekehrt hatten, eröffneten sie 2013 ihren von einer Genossenschaft geführten Dorfladen. Als auch die Poststelle des Nachbarortes schloss, engagierte sich der Siblinger Gemeinderat für eine Agentur im neuen Dorfladen. «Die Verhandlungen waren nicht einfach, denn erst wollte die Post nicht mitmachen», erinnert sich Gemeinderätin Agnes Hafner. Der Einsatz habe sich aber gelohnt, denn der finanzielle Beitrag sei für das kleine Geschäft überlebenswichtig. «Und dieser Laden spielt für das ganze Gemeindeleben eine zentrale Rolle.»

Im Bergell haben die Behörden Erfahrung im Umgang mit der Post. Sie hat dort in den vergangenen Jahren gleich mehrere Stellen geschlossen – zuletzt an Ostern in Maloja GR. Das Dorf gehört zur Gemeinde Bregaglia, die einst fünf Poststellen zählte. Übrig geblieben ist eine einzige.

Mit der Postagentur besser ausgelastet: Tourismusbüro von Maloja GR. Foto: Nicola Pitaro

«Als die Post vor zwei Jahren die Schalterstelle im Ort Casta­segna schloss, wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt», sagt Michael Kirchner, Tourismus­direktor von Bregaglia. Das sollte sich im Fall von Maloja nicht wiederholen. Deshalb nahm der Gemeinderat Verhandlungen mit der Post auf, noch bevor der örtliche Schalter offiziell auf der Abschussliste stand. «Wir konnten so zumindest eine Agentur aushandeln.» Mit dem ­Segen der Gemeindeversammlung kaufte Bregaglia der Post das alte Schaltergebäude ab. Seit Anfang Mai beherbergt es ein neues Dienstleistungszentrum. Dieses bündelt bereits bestehende Angebote: Neben der Beratung der Feriengäste und dem Verkauf von Bustickets erledigen die Angestellten des Tourismusbüros verschiedene Arbeiten für die Post und die Gemeindekanzlei.

Für den Tourismusdirektor hat die Zusammenarbeit, die durch die Poststellenschliessung entstanden ist, nur Vorteile. Nicht nur wegen des finanziellen Zustupfs aus der Kasse der Post, über dessen Höhe auch er schweigt: «Im Gegensatz zu früher sind unsere Mitarbeiter so besser ausgelastet.»

Eine von ihnen ist Violanta Rominger. Die 26-jährige Journalistin hat umgesattelt und verbringt viel Zeit damit, den Einheimischen den Selbstbedienungsschalter zu erklären. Darunter ist Flurina Pittin, die Betreiberin von Malojas Campingplatz. An diesem Nachmittag holt sie ein Postpaket mit Weinflaschen im Dienstleistungszentrum ab. «Es ist für unsere Gäste ein Gewinn, dass sich nun alles an einem Ort befindet.» Für sie selbst hat die Aufhebung der Post allerdings einen grossen Nachteil: «Unsere Kunden zahlen oft bar, und dieses Geld kann ich in der Agentur nicht mehr abgeben.»

Wie das Poststellennetz der Zukunft aussieht – die Liste: post.tagesanzeiger.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2017, 23:02 Uhr

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