Chinesische Firmen nehmen Schweizer KMU ins Visier

Investoren aus China können mit eingekaufter Technologie westliche Märkte erobern.

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Wenn chinesische Firmen auf Einkaufstour gehen, klotzen sie. Für den Agrochemiekonzern Syngenta etwa bezahlt Chemchina 43 Milliarden Dollar. Der chinesische Mischkonzern HNA hat mit Swissport, Gategroup und SR Technics drei ehemalige Swissair-Töchter geschluckt. Doch die Chinesen sind nicht nur an grossen Schweizer Konzernen mit klingenden Namen interessiert. Sie haben es auch auf kleine und mittlere Unternehmen abgesehen.

Das Interesse aus China an Schweizer KMU habe seit Anfang Jahr stark zugenommen, sagt Beat Unternährer, Partner bei der auf chinesische Übernahmen spezialisierten Corporate Finance Group. «Wir sind derzeit mit über zehn Schweizer KMU im Gespräch, für die es Interessenten aus China gibt», sagt er. Bis vor kurzem habe bei den Firmen zuerst einmal Schockstarre eingesetzt, wenn die Chinesen anklopften, heisst es aus der Branche. Doch das Misstrauen gegenüber den Investoren aus Fernost nimmt ab. «Die Hälfte dieser KMU ist auf uns zugekommen, weil sie einen chinesischen Investor ernsthaft prüfen wollen», sagt Unternährer, der schon die Deals mit den Uhrenherstellern Eterna und Corum eingefädelt hat.

Im ersten Halbjahr 2016 gingen neun Schweizer Unternehmen in chinesischen Besitz über oder bekamen bedeutende chinesische Investoren, darunter Sigg und das Genfer Wellnessresort Le Mirador. Das ist gleich viel wie in den beiden Vorjahren zusammen.

Interesse an ­Duschvorhängen von Spirella

Laut einer Studie des Beratungsunternehmens EY gehören Schweizer Unternehmen bei den Chinesen zu den gefragtesten innerhalb Europas. Anfang September kaufte sich die chinesische Holding DIH International in das Zürcher Medizintechnikunternehmen Hocoma ein. Reges Interesse zeigen die Chinesen auch an Industrieunternehmen aus dem Bereich Robotik und Umwelttechnologie. Auch starke Marken sind gefragt.

Durch die Übernahmen grosser Schweizer Unternehmen wie Syngenta seien KMU für Investoren aus China offener geworden, sagt Jürg Stucker von dem auf Firmenübernahmen spezialisierten Beratungsunternehmen Oaklins. «Akquisitionen durch chinesische Firmen werden salonfähiger», sagt er. Er wird demnächst zwei mittelständische Unternehmen kontaktieren, an denen chinesische Investoren ein Kaufinteresse haben.

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Firmennamen nennen die Berater nicht gerne, bevor ein Deal über die Bühne gegangen ist. Auch Markus Reich, Co-Geschäftsführer der auf kleinere und mittelgrosse Industrieunternehmen spezialisierten Beteiligungsgesellschaft Cross Equity Partners, bekommt seit einigen Monaten vermehrt Anfragen aus China. Diese Firmen haben laut Reich langfristige Pläne und klare Absichten.

Interesse zeigten sie am Bad­zubehörhersteller Spirella und an Polymetrix, einem Anlagenbauer, der im Bereich PET-Recycling tätig ist. Ob Verhandlungen mit den Chinesen laufen, wollte Reich nicht sagen. Bekannt ist, dass Polymetrix zum Verkauf steht.

Kurt Haerri, der viele Jahre die Handelskammer Schweiz - China geleitet hat, sieht unter den Schweizer KMU zahlreiche potenzielle Übernahmekandidaten. Viele hätten schon Angebote aus China bekommen. «Dabei gilt das Interesse der Chinesen nicht unbedingt dem Schweizer Markt, sondern vielmehr der Technologie», sagt er.

Konkurrenten im europäischen Markt

Laut Armin Raiber, Vizepräsident von Swissrail, dem Schweizer Verband der Schienenindustrie, sind Zukäufe der Chinesen aus wirtschaftsstrategischer Sicht eher negativ zu bewerten. Das Wissen fliesse nach China. Dieser Markt werde dann von lokalen Tochterfirmen der chinesischen Käufer abgedeckt und nicht mehr von den westlichen Unternehmen. «Diese müssen ihre chinesischen Wachstumsträume oft begraben», sagt Raiber. «Und mit der Zeit treten die chinesischen Unternehmen dank der eingekauften Technologie auf westlichen Märkten als Konkurrenten auf.»

Nicht immer öffnen sich die Unternehmen freiwillig den Investoren aus Asien. Laut Oliver Müller, Direktor des Verbands Swissmechanic, dem 1400 KMU in der Maschinen-, Elektro- und Metallbranche angehören, kommen kleine Unternehmen oft nur mit Mühe an Kredite. Banken vergeben solche kaum noch ohne Sicherheiten. «Für gute Geschäftsideen erhalten Schweizer Firmen Risikokapital eher aus dem Ausland. Investoren aus China kommen da gelegen», sagt Müller. Bei den hiesigen Banken mangle es oft an Know-how, um das Geschäftsmodell eines KMU zu analysieren.

Standort Schweiz schneller infragegestellt

Viele mittelständische Industrieunternehmen brauchen Geld, um in die Automation zu investieren. Der Kostendruck ist wegen des starken Frankens hoch. Ohne Investoren drohen sie den Anschluss zu verlieren. Oliver Müller sieht in der steigenden Zahl ausländischer Geldgeber aber auch Nachteile. «Wenn ein Schweizer Unternehmen in ausländische Hände kommt, wird bei Sparmassnahmen der Standort Schweiz schneller infrage gestellt, als wenn die Firma ganz in Schweizer Besitz ist.»

Deal-Vermittler Unternährer sieht das allerdings anders. Die neuen Besitzer investierten oft auch im Heimmarkt Schweiz. Die Unternehmen könnten dadurch sogar neue Mitarbeiter einstellen. «Es werden in nächster Zeit noch grosse Summen von chinesischen Firmen in Schweizer Unternehmen fliessen», prophezeit er. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.10.2016, 14:28 Uhr

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