Solche Spiele wollen wir nicht

Leitartikel

Heute werden in Sotschi die Olympischen Winterspiele eröffnet. Schon jetzt ist klar: Der Sportanlass ist zu wertvoll, um ihn einfach an den Meistbietenden zu verschachern. Vorschläge, wie es anders ginge.

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Christian Andiel@tagesanzeiger

Man sieht die Milliarden, die in Sotschi und Krasnaja Poljana verbaut wurden. Vor allem, wenn man nur zwei Jahre zuvor in der Gegend war, und weiss, wie es damals aussah: Baugruben, Hotelskelette aus Stahl, halb fertige Olympiadörfer, Autobahnen und Bahntrassees. Noch dröhnt der Baulärm rund um die Uhr, heute werden die Spiele feierlich eröffnet. Ob Wladimir Putins Traum von perfekt organisierten und doch heiteren Winterspielen wahr wird, wissen wir spätestens in 16 Tagen. Ob sein Masterplan aufgeht und aus Sotschi ein Kongresszentrum und Krasnaja Poljana zur noblen Wintersportdestination wird, wissen wir frühestens in einigen Jahren.

Alle wussten, worum es geht

Was man in all dem Prunk schon nach wenigen Tagen weiss: Solche Olympischen Spiele wollen wir nicht. Niemand soll den Russen vorschreiben, wie sie ihre Megaprojekte umsetzen. Aber sie sollen dafür nicht noch den quasi offiziellen Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) erhalten. Russlands Präsident Wladimir Putin hat nicht mit verdeckten Karten gespielt, als die Spiele vor sieben Jahren vergeben wurden. Alle hatten gewusst, worum es ihm geht, dass für die Darstellung des omnipotenten Russlands sämtliche Anlagen, Hotelbauten und die komplette Infrastruktur aus dem Boden gestampft werden mussten.

Das IOK ist keinen Deut besser als der lange Zeit stärker kritisierte internationale Fussballverband Fifa. Beide sind dank ihrer Vereinsstruktur von keiner staatlichen Institution angreifbar. Dank ihrer ungeheuren wirtschaftlichen Potenz und ihrer Konkurrenzlosigkeit haben sie eine Machtfülle, die sie zu Allmachtsfantasien verleitet. Ein Putin ist da genau der richtige Partner.

Das Image des IOK in der breiten Weltöffentlichkeit ist niederschmetternd schlecht. Das zeigt sich an demokratischen Abstimmungen wie jüngst in der Schweiz und in Deutschland: In beiden Ländern wollte die entscheidende Mehrheit die Winterspiele 2022 nicht. Der Wunsch vieler Sportfans nach «echten», überschaubaren Winterspielen mit Betonung auf «Spiele» blieb unerfüllbar. Und die Gegner mussten gar nicht lange nach Argumenten suchen, es genügte, mit dem Finger auf den «Kraken IOK» zu zeigen, von «Gigantismus» zu reden. Sotschi wurde zum Muster für die Zukunft.

Noch sind genügend Kandidaten für Sommer- und Winterspiele vorhanden, ob diese aus Diktaturen stammen, ist dem IOK offenbar so egal wie der Fifa. Solange die TV-Verträge weiterhin genügend Geld in die Kasse schwemmen, solange die Grosssponsoren vermutlich sogar entscheidend Druck ausüben, damit sie mit ihren Autos und Süssgetränken und Smartphones eben auch «neue Märkte» eröffnen können.

Das Gesicht des Weltsports

Der neue IOK-Präsident Thomas Bach hat am aktuellen Kongress in Sotschi wieder einmal von mehr Transparenz geredet, die beim IOK geschaffen werden soll, von einer «offenen Diskussion um die Rolle in der Gesellschaft». Natürlich wäre dies alles wünschenswert, auch eine völlige Neuorientierung bei der Vergabe der Olympischen Spiele wäre dringend angeraten – sie sind ja nicht nur die Geldkuh des IOK, sie sind das Gesicht des Weltsports, immer noch ein enorm positiv besetzter Imagefaktor, wenn er denn mal vom IOK gelöst ist, wenn es um den Sport geht.

Dieses Produkt ist viel zu wertvoll, als es alle zwei Jahre wieder auf völlig undurchsichtige Weise dem Meistbietenden zu verschachern, völlig egal, woher das Geld kommt, wie es eingesetzt wird, welchen Zweck die Spiele für das Gastgeberland erfüllen sollen. Warum nicht eine unabhängige Agentur mit der Vergabe beauftragen, nach genauer Analyse und Kontrolle der vorgelegten Kandidaturdossiers? Diese Agentur könnte sogar vom IOK beaufsichtigt und kontrolliert werden, und am Tag der Bekanntgabe wird detailliert erklärt, was genau für die siegreiche Kandidatur gesprochen hatte.

Ach, träumen wir weiter. Dazu müsste sich das IOK ja selbst hin zu einer demokratischen, also nicht nur selbst überwachten Institution erneuern. Und es müsste gerade bei der Entscheidung freiwillig die Macht abgeben, mit der sie sich die eigene Identität eigentlich verschafft: mit der Herrschaft über die Spiele. Man sollte Bach trotz seiner schönen Worte nicht zu viel Ehrgeiz bei der Erneuerung zuschreiben. Die IOK-Mitglieder sind nicht dumm, wenn sie nur im Ansatz solch für sie durchaus revolutionäres Gedankengut bei Bach vermutet hätten, wäre er im vergangenen Mai nicht von der Mehrheit der 93 wahlberechtigten IOK-Mitglieder zum Präsidenten gekürt worden. Bach hat hier in Sotschi auch Folgendes gesagt: Das IOK habe Russland mit der Wahl von Sotschi nur das benötigte Wintersportzentrum verschaffen wollen, «nach dem Untergang der Sowjetunion hatten sie ja keines mehr». Ist das wirklich die Aufgabe des Internationalen Olympischen Komitees?

Tages-Anzeiger

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