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Filmkritik «On the Rocks»Sofia Coppola schifft ab

Die Regisseurin hat für ihren neuen Film Bill Murray reaktiviert. Doch auch er kann «On the Rocks» nicht retten.

Rashida Jones und Bill Murray im Film «On the Rocks» von Sofia Coppola.
Rashida Jones und Bill Murray im Film «On the Rocks» von Sofia Coppola.
Foto: Apple TV+

Er tritt erst nach 20 Filmminuten auf. Präsent ist er jedoch von der ersten Sekunde an, auf der Tonspur: Vater Felix (Bill Murray) berät seine Tochter Laura (Rashida Jones) bezüglich Männern, sie solle nicht irgendeinen Typen nehmen, und zugleich mahnt er, dass sie ihm «gehöre» bis zur Heirat. Und auch später noch. – Moment, hat er das wirklich gesagt?

Als Zuschauer schluckt man leer, aber als dann Laura nach ein paar rasch übersprungenen Ehejahren an der Treue ihres Gatten Dean (Marlon Wayans) zu zweifeln beginnt, herrscht Felix sie an: «Du musst endlich anfangen, wie ein Mann zu denken!»

Stimmungen, Andeutungen, hochfrisierte Beiläufigkeiten: Sofia Coppola in einer Aufnahme vom Februar 2020.
Stimmungen, Andeutungen, hochfrisierte Beiläufigkeiten: Sofia Coppola in einer Aufnahme vom Februar 2020.
Foto: Keystone

Sind wir versehentlich in der Scherz-Manufaktur einer alten TV-Soap gelandet? Nein, «On the Rocks» von Sofia Coppola spielt im Hier und Jetzt, in New York, und meint das alles relativ ernst. Wobei man bei einem wie Bill Murray nie mit Sicherheit weiss, ob er sich nicht doch amüsiert über den Quatsch, den er da von sich geben muss.

Späte Antwort auf «Lost in Translation»

Unschwer zu erkennen jedenfalls, dass «On the Rocks» eine Antwort auf Coppolas «Lost in Translation» sein soll, jenen traumhaften Pas de deux zweier gestrandeter Seelen in Tokio, gespielt von Scarlett Johansson und Bill Murray. Das ist jetzt 17 Jahre her, und leider – man kanns nicht anders sagen – hat Coppola seither keinen annähernd stringenten, charmanten oder erfolgreichen Film zustande gebracht. Und das, obwohl sie Festivaldarling in Cannes und Venedig ist und auch oft ausgezeichnet wird.

Bill Murray und Scarlett Johansson in «Lost in Translation» (2003).
Bill Murray und Scarlett Johansson in «Lost in Translation» (2003).
Foto: Pathé

Warum sich also nicht aufs eigene Chef d’Œuvre besinnen und den beliebten Bill Murray zurückholen? Der 70-Jährige ist quasi der Inbegriff des zynischen Charmebolzens, der jener Fünfsternhotel-Gefangenschaft in «Lost in Translation» ein traurig-verlebtes Gesicht verlieh. Jetzt, in «On the Rocks», wird er zum noch verlebteren, schürzenjagenden Bonvivant, der seiner Tochter Lektionen in Männerkunde erteilt. Mehr Mansplaining geht nicht.

Surfen auf dem eigenen Ennui

Stimmungen, Andeutungen, hochfrisierte Beiläufigkeiten, Surfen auf dem eigenen Ennui – es sind sonst die typischen Merkmale eines Sofia-Coppola-Films. Und wenn sie von der inneren Ödnis ihrer Figuren berichtet, was sie fast immer tut, gibts dazu eine geballte Ladung schmissigen Pop oder melancholischen Jazz. Das dient dazu, die adrett inszenierten Gefühlslagen zu akzentuieren und dramaturgische Schwächen zu übertünchen.

Auch «On the Rocks» ist so konstruiert. Der Unterschied: Coppolas jüngster Film wirkt nochmals um Welten unspektakulärer als ihre letzten Werke, die Figuren sind von ausgesucht klischierter Schlichtheit. Hier die schüchterne Laura, die ihre beiden Kinder durch die Grossstadt schiebt und ihre schriftstellerischen Ambitionen verdämmern sieht. Dort der Ehemann und Karrierist, dem immer eine etwas zu hübsche Assistentin zur Seite steht. Schliesslich der Vater: Ex-Kunsthändler und Komplimente-Superspreader, der Laura dazu überredet, den vermeintlich untreuen Gatten zu beschatten.

So bietet «On the Rocks» im Prinzip das, wovon die Regisseurin fast immer erzählt, vom Leiden der Generationen an- und miteinander, wobei die übergrosse Vaterfigur diesmal das Zentrum beansprucht. Kein Wunder, ist man versucht zu sagen, Sofia ist schliesslich die Tochter der Filmlegende Francis Ford Coppola («The Godfather», «Apocalypse Now»).

Nun sollte man ja Fiktion nicht mit der Realität verwechseln, aber ist es Zufall, dass der Vorname des alten Playboys in «On the Rocks» ebenfalls mit F beginnt? Ist es Zufall, dass gerade Rashida Jones die Hauptfigur spielt, wo doch ihr Vater – Quincy Jones – einer der einflussreichsten Musikproduzenten des letzten Jahrhunderts ist?

Familie, das ist klar, gilt bei den Coppolas als Heiligtum – auch hinter der Kamera. Natürlich ist Bruder Roman Coppola bei «On the Rocks» wieder als Produzent an Bord. Natürlich zeichnet die Band Phoenix von Sofias Ehemann Thomas Mars einmal mehr für die Musik verantwortlich.

Kein Drive, keine Dringlichkeiten

Das alles wäre kein Problem, wenn der Film in erzählerischer Hinsicht funktionieren würde. Aber da treten die Mängel in der Arbeit der 49-jährigen Regisseurin deutlich zutage. Anders gesagt: Bisher spielten Coppolas Filme überwiegend in Edellocations; da nahm man es in Kauf, wenn die Geschichte mal holperte und stockte, solange etwas Dekoratives ins Auge sprang.

Aber in diesem Sittengemälde der oberen New Yorker Mittelschicht gibt es an optischen Auffälligkeiten höchstens das rote Cabrio von Felix zu entdecken. Von erzählerischem Drive oder anderen Dringlichkeiten fehlt jede Spur. Coppola beschränkt sich auf die Aneinanderreihung von Miniaturen, die so oder anders angeordnet sein könnten.

Manchmal ist das witzig, wenn der weit gereiste Felix bei der Beschattungsexkursion in Mexiko als Erstes in der Strandbar den Chansonnier gibt (eine weitere Anleihe bei «Lost in Translation») und dort zum Verblüffen der Tochter sofort alle Gäste kennt. Aber meistens ist es ärgerlich, wenn man sieht, mit welcher Herablassung der Vater seine Tochter triezt, belehrt und hetzt, was er tut, um sein eigenes familiäres Versagen schönzureden.

Bloss hat die Tochter solchem Gebahren nichts entgegenzusetzen. Sie ist die Passivität in Person, blickt waidwund, aber irgendwie verständnisvoll in die Gegend, und das wars dann auch. Diese nicht existente Dramatik bei solch machoidem Gebahren – es ist das eigentliche Drama dieses Films.

Ab 23. Oktober auf Apple TV+