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Satire auf Corona-LiteraturSo SM kann SMS sein

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 5. Stefanie Grob über grosse Literatur in Krisenzeiten.

Stefanie Grob kennt bereits jetzt die literarischen Meisterwerke über die Corona-Krise, die den kommenden Bücherherbst prägen werden.
Stefanie Grob kennt bereits jetzt die literarischen Meisterwerke über die Corona-Krise, die den kommenden Bücherherbst prägen werden.
Bild: Andrea Zahler

Der Bücherfrühling fiel ins Wasser. Umso verheissungsvoller wird der -herbst.

Eine der vielversprechendsten Neuerscheinungen ist sicher der Roman «Eigenbrand». Auf anrührende Weise erzählt er die Geschichte des alten Schnapsbrenners Werner Hurtig, der sein Zwetschgenwasser um keinen Preis dem benachbarten Altersheim als Desinfektionsmittelersatz zur Verfügung stellen will. Auch eine richterliche Verfügung kann ihn nicht umstimmen. Nach lautstarkem Gepolter am Gartenhag verbarrikadiert sich Hurtig in seiner Hütte, bis diese vom Sondereinsatzkommando Enzian gestürmt und niedergewalzt wird. Mutig hustet Hurtig bis zuletzt auf seine Angreifer ein.

Auf den Spuren von «Fifty Shades of Grey» bewegt sich die Story einer gelangweilten Hausfrau, die sich nach Jahren eintöniger Ehe in eine SMS-Beziehung mit einem Fremden hineinsteigert, aus der bald eine MMS-Affäre wird. Eine groteske Verschmelzung von psychologischem Kammerspiel und literarischem Softporno. So SM kann SMS sein. Immer wilder, immer heisser wird der Verkehr und immer ersehnter das näherrückende erste leibliche Treffen, bis – bwwwuuuum Lockdown – kein Hotel mehr offen hat und sie sowieso jetzt rund um die Uhr die Kinder am Hals.

Ein weiterer Roman erzählt die Geschichte einer Liebe im Alter an der Grenze von Kreuzlingen und Konstanz, wo sich die beiden greisen Verliebten jeden Tag sehnsüchtig eine Tasse Hühnerbrühe durch den Maschendrahtzaun reichen.

Ein weiterer, grosser Roman im Bücherherbst 2020 erzählt die Geschichte einer Liebe im Alter an der Grenze von Kreuzlingen und Konstanz, wo sich die beiden greisen Verliebten jeden Tag sehnsüchtig eine Tasse Hühnerbrühe durch den Maschendrahtzaun reichen, bis eines Tages ein zweiter Zaun auch diese zärtliche Geste unterbindet. Ein Melodram über 739 Seiten. Einzigartig in seiner Empfindsamkeit. In «Die Tage am Zaun» wird minuziös jede Rührung und Regung verfolgt. Gerade durch diesen Beinahe-Stillstand der Zeit entwickelt die Geschichte einen erzählerischen Sog, der einen so schnell nicht wieder loslässt.

Zahlreich erscheinen ausserdem Promi-Corona-Tagebücher und Schockbeichten – von Prinz Charles über Pink bis Boris Johnson. Den grössten Unterhaltungswert hat dabei Oliver Pochers «Lieber Carina im Bett als Corona im Hals», wobei es sich bei Carina um die einstige Bachelor-Kandidatin Carina Spack (23) handeln soll, mit der sich Oliver Pochers Partnerin (27) dieses Frühjahr einen telegenen Schlagabtausch lieferte (Eifersucht?).

An Spannung getoppt werden kann das nur noch vom Covid-19-Krimi 20: In einem Altersheim sterben zahlreiche Insassen an Corona, bis die tamilische Putzkraft Apua einen schlimmen Verdacht schöpft. Die Toten haben eins gemeinsam – alle verfügen über ein beträchtliches Vermögen, während die Krankheit Mittellose auf mysteriöse Weise verschont. Apua stellt Nachforschungen an auf eigene Faust und kommt bald einem Pfleger auf die Schliche, den sie verdächtigt, der Lungenkrankheit in ihrer zerstörerischen Letalität nachzuhelfen. Was Apua nicht weiss: Ihre Recherche blieb nicht unentdeckt. Schwebt sie nun selbst in Gefahr?

Auch der Lebenshilfe/Lifestyle-Bereich hält Überraschendes parat: Der Erfahrungsbericht einer Volksschullehrerin mit dem Titel «Burn-out geht auch ohne Kinder» hat genauso das Zeug zum Bestseller wie: «Kilos down nach dem Lockdown – weil eine Bikini-Figur auch bei geschlossenen Badis Spass macht».

Ausserdem schrieb Tom Hanks in der Corona-Quarantäne das Drehbuch zum Spielfilm «Fast Away», in dem er die mit der Erkrankung einhergehende Vereinsamung wunderbar versinnbildlicht, indem er ab Quarantäne-Tag 13 mit einem verbeulten Basketball zu sprechen beginnt, dem er später auch Augen aufmalt und einen Schnurrbart aus Pfeifenputzern bastelt. Grosses Kino!

Wir dürfen uns freuen!

Stefanie Grob (44) ist Autorin und Satirikerin. In ihrem neuen Buch «Budäässä» führt uns die schnellste Bernerin der Welt durch Kinderzimmer, Staatshaushalte, Weltwirtschaften und Gartenbeizen.