Sie sammelt Blut, um Leben zu retten

Eine junge Frau steht hinter einem Technologie- und Logistik-Start-up, das es sich zum Ziel gemacht hat, Nigerias dringenden Bedarf an mehr und sichereren Blutkonserven zu decken.

«Jeder Dritte, der in ein Krankenhaus kommt, braucht eine Blutspende», sagt Temie Giwa-Tubosun. Fotos: LifeBank

«Jeder Dritte, der in ein Krankenhaus kommt, braucht eine Blutspende», sagt Temie Giwa-Tubosun. Fotos: LifeBank

Die 32-jährige Temie Giwa-Tubosun ist der kreative Kopf hinter LifeBank, einem innovativen Ansatz im Gesundheitswesen, der den Unterschied zwischen Leben und Tod machen kann.

Giwa-Tubosun wurde in Ila Orangun geboren und lebte bis zu ihrem 15. Lebensjahr in Nigeria. Dann zog sie zu ihren Eltern in die USA. Sie wollte Anwältin werden, bis sie an einer UNO-Modellkonferenz teilnahm – da wusste sie plötzlich, dass Afrika ihr Schicksal war.

Auf einem Kurztrip nach Kano in Nigeria arbeitete Giwa-Tubosun für eine Nichtregierungsorganisation, die verarmten Frauen im Norden Nigerias medizinische Versorgung anbietet. Eine dieser Frauen war Aisha, die infolge einer Hämorrhagie nach der Geburt verstarb. Da kein Spenderblut zur Verfügung stand, konnten Giwa-Tubosun und die anderen medizinischen Hilfskräfte nur hilflos dabei zusehen. «Ich werde ihren Mut angesichts dieser unvorstellbaren Schmerzen nie vergessen», sagt Giwa-Tubosun. «Sie inspiriert meine Arbeit jeden Tag.»

Giwa-Tubosun war entschlossen, eine Antwort zu finden. Ihre Entschlossenheit wuchs, nachdem sie bei der Geburt ihres eigenen Sohnes dasselbe erlebte wie Aisha. «Ich habe überlebt, weil ich in den Vereinigten Staaten lebte und das Glück hatte, Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung zu haben», sagt Giwa-Tubosun. «Danach habe ich beschlossen, in meine Heimat zurückzukehren und das Problem der Müttersterblichkeit zu bekämpfen.»

Jährlich 26'000 Todesfälle bei der Geburt

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation verursacht eine schlechte medizinische Versorgung und insbesondere der Mangel an Blutspenden in Nigeria jedes Jahr 26'000 Todesfälle bei der Geburt; weltweit ist eine unzureichende lebenswichtige medizinische Versorgung der Hauptgrund für die Müttersterblichkeit. Um das Problem anzugehen, verbrachte Giwa-Tubosun zunächst ein Jahr damit, sich mit Experten zu beraten und so viel wie möglich zu lernen.

«Mir wurde schnell klar, dass das Problem noch viel grösser war, als ich gedacht hatte. Natürlich betrifft es die Frauen, aber auch Kinder unter fünf Jahren, die an Malaria erkrankt sind, Unfallopfer, Krebspatienten, Dialysepatienten, Menschen nach Autounfällen ... Tatsächlich braucht jeder Dritte, der in ein Krankenhaus kommt, eine Blutspende.»

Sie stellte ausserdem fest, dass das Problem über den reinen Mangel an Blutkonserven weit hinausging. Die Krankenhäuser wussten nicht, welche Blutbank die von ihnen benötigte Blutgruppe gerade vorrätig hatte. Ausserdem wurde das Blut nicht unter den richtigen Bedingungen transportiert oder nicht schnell genug geliefert.

Die Auslieferung erfolgt mit Motorrädern, um den Verkehr von Lagos zu meistern.

Also setzte sie sich mit zwei jungen IT-Experten an ihren Küchentisch in Lagos, und bei vielen gemeinsamen Abendessen und langen Diskussionen kam eine App heraus, die das Fundament legte für das im Dezember 2015 gegründete Unternehmen LifeBank. «Grundsätzlich nutzen wir unsere Plattform, um Krankenhäusern bei der Suche nach wichtigen medizinischen Hilfsgütern wie Blut, Sauerstoff und Impfstoffen zu helfen. Wir liefern ihnen diese dann schnell und bieten die richtigen Konservierungsbedingungen für den Transportweg», so Giwa-Tubosun. Einnahmen erhalten sie durch die Lieferkosten, die den Krankenhäusern in Rechnung gestellt werden.

Das LifeBank-Team kombiniert dabei Technologie, Big Data und gute Logistik. «Wir haben ungefähr 40 Blutbanken auf unserer Plattform», sagte Giwa-Tubosun. «Jede befindet sich in einer anderen Gegend. Wenn zum Beispiel ein Krankenhaus in Epe Blut braucht, setzen wir uns mit unseren Blutbanken in der Nähe von Epe in Verbindung und schicken einen Fahrer zur Abholung.» LifeBank garantiert ein Lieferfenster von maximal 55 Minuten und nutzt ein Kühlsystem, das Blut, Plasma und Blutplättchen sogar in Nigerias heissem und feuchtem Klima frisch hält. Die Auslieferung erfolgt mit Motorrädern, um den Verkehr und die schlechte Infrastruktur von Lagos zu meistern. Die Transportkisten haben Bluetooth-Vorhängeschlösser, die sicherstellen, dass nur der vorgesehene Empfänger sie öffnen kann.

«Wie wir alles andere machen, ist unser Geheimnis!» erklärt Giwa-Tubosun. Sie bestätigt jedoch, dass Blutspenden auch für die Strategie von LifeBank lebenswichtig sind. «Wir organisieren jedes Jahr vier grosse Spendenmarathons. Beim letzten Mal haben wir dabei über 60 Liter Blut gesammelt - ein halber Liter Blut kann bis zu drei Leben retten! Wir haben auch etwa 5000 freiwillige Spender auf unserer Plattform. Wir verdienen damit kein Geld. Wir tun es, weil wir glauben, dass es wichtig ist dafür zu sorgen, dass genug gutes Blut auf dem Markt ist.»

Giwa-Tubosun sagt, dass ihre Innovation die Arbeitsweise von Blutbanken und Krankenhäusern verändert. «Blutbanken mit ausgezeichneten Produkten und Vorgehensweisen werden auf unserer Plattform höher bewertet», erklärt sie. «Dadurch erhalten sie Zugang zu Hunderten potenziellen neuen Kunden, was wiederum dazu beiträgt, dass sie mehr verdienen und mehr in bessere Tests und Vorgehensweisen investieren können.»

Den Krankenhäusern hilft LifeBank dabei, Leben schneller, sicherer und kostengünstiger zu retten. «Die Krankenhäuser, mit denen wir arbeiten, müssen keinen Krankenwagen mit anderweitig benötigtem Personal schicken, nur um ein paar Liter Blut abzuholen, wenn ein Patient es braucht», sagt Giwa-Tubosun.

Mehr als 8000 Einheiten Blut geliefert

Sie würde es gerne erleben, dass ihr Konzept für alle nigerianischen Krankenhäuser Realität wird – doch das wird seine Zeit brauchen. Die Bevölkerung des Landes beträgt fast 200 Millionen, Lagos State, die Basis für die Geschäftstätigkeit der LifeBank, hat knapp 18 Millionen Einwohner. Die Zahlen könnten entmutigend wirken, doch in den ersten zwei Jahren und mit weniger als 50'000 Dollar Finanzierung hat die Life Bank schon Verträge mit 94 Krankenhäusern gemacht, mehr als 8000 Einheiten Blut geliefert und dadurch 1800 Menschenleben gerettet.

Im vergangenen Januar haben die Anleger der LifeBank weitere 200'000 Dollar zugesagt. Giwa-Tubosun plant nun, den Betrieb auf die nigerianische Hauptstadt Abuja und den nördlichen Staat Kaduna auszuweiten. Eine wahre Glanzleistung in einem Land, in dem es eine tägliche Herausforderung sein kann, einfach nur eine Frau zu sein - geschweige denn eine Unternehmerin.

www.lifebank.ng

Àtoke/Bella Naija, Nigeria

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