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Kommentar zu «Der dressierte Mann»Sie beleidigt Frauen – und hilft ihnen wie kaum eine Zweite

Geistig verarmt, hinterhältig und käuflich: Wer Esther Vilar liest, kommt zum Schluss, dass die Autorin Frauen hassen muss. Dabei hat sie ihnen einen Dienst erwiesen.

Esther Vilar hat sich mit Feministinnen angelegt – und dabei wichtige Fragen gestellt.
Esther Vilar hat sich mit Feministinnen angelegt – und dabei wichtige Fragen gestellt.
Foto: Martin Müller (Imago Images)

Vor 50 Jahren schockierte sie mit ihrer Streitschrift «Der dressierte Mann»: Nicht die Frau sei das Opfer und der Mann der Unterdrücker, schrieb die damals 35-jährige Ärztin und Autorin. Sondern umgekehrt. Die Frau beute den Mann aus, lasse ihn für sich arbeiten. Vilar bezeichnete Frauen als geistig verarmt, hinterhältig und käuflich. Der gewöhnliche Weg einer Frau sei der einer Prostituierten. Sie suche sich einen Ernährer und stelle diesem ihren Körper zur Verfügung. Esther Vilar beleidigt die Frauen durchgehend, während sie Männer auf ein Podest hebt. Manche finden das lustig, andere weniger. Doch die Autorin half dem Feminismus erst richtig auf die Sprünge. Und sie hatte in manchen Punkten recht:

Privilegien sind ein Nachteil

Wenn eine Bevölkerungsgruppe besondere Privilegien geniesst, ist sie auch besonders unfrei. Etwa Minderjährige, die nur bedingt straffähig sind, die nicht selber für sich sorgen können und müssen, die aber auch nicht über ihr Schicksal entscheiden dürfen. In anderem Ausmass gilt das auch für Frauen. Sie werden früher pensioniert, haben eine höhere Witwenrente und müssen nicht ins Militär.

Was auch immer zuerst war, Privileg oder Benachteiligung – beides gehört abgeschafft.

Dafür verdienen sie weniger als Männer und haben geringere Karrierechancen. Im bis 1989 geltenden Eherecht war der Mann verpflichtet, seine Frau zu ernähren – und konnte dafür über alles, was das Ehepaar betraf, allein entscheiden.

Was auch immer zuerst war, Privileg oder Benachteiligung – beides gehört abgeschafft. Es ist auch nicht so, dass ein Privileg wie das tiefere AHV-Alter als Pfand taugt, um den politischen Druck für mehr Lohngleichheit zu erhöhen. Das funktioniert nicht. Privilegien sind Stolpersteine auf dem Weg zur Emanzipation und Gleichstellung.

Der Mann ist nicht nur Täter, die Frau nicht nur Opfer

Während der Emanzipationsbewegung zu Beginn der Siebzigerjahre galt die Frau als das unterdrückte Geschlecht. Esther Vilar kehrte den Spiess um. Der Mann sei das wahre Opfer. Die Frau hingegen die kalt berechnende Täterin. Ihre Schilderungen muten teilweise grotesk an – und zeigen, wie unpassend solche Klischees sind, ob sie nun Männer oder Frauen betreffen. Natürlich werden Frauen Opfer von Gewalt und oder leiden unter schwierigen Bedingungen.

Doch es gibt auch Männer, die durch die herrschende Gesellschaftsordnung benachteiligt werden. Indem sie dies aufgezeigt hat, war die Autorin ihrer Zeit voraus. Erst Jahrzehnte später haben Feministinnen gemerkt, dass Gleichstellung nicht durch einen Geschlechterkampf erreicht wird. Dass es nur ein gemeinschaftliches Fortkommen gibt: Teilen der Kinderzeit, Entlastung des Mannes von der Ernährerlast, gleiche Chancen für Frauen im Berufsleben. Esther Vilar vertrat ihre auf den ersten Blick sehr frauenfeindlichen Thesen mit einer Ungerührtheit, die vermuten liess, dass sie Frauen hasst. Doch in Wahrheit half sie ihnen wie kaum eine Zweite.

Unfreiheit ist auch eine Lust

Sehr treffend sagt sie im Interview mit der «SonntagsZeitung», wer glücklich sei als Arbeitssklave, solle so weitermachen. «Doch diese Leute sollen wissen, dass es auch eine andere, freiere Form zu leben gibt. Wenn sie sich dann trotzdem für die klassische Aufteilung entscheiden, ist das natürlich in Ordnung. Man kann niemanden zur Freiheit zwingen.» Sie meinte damit die Männer, doch das gilt auch für Frauen. Beide geben mit den traditionellen Rollen ein Stück Freiheit auf. Der eine verzichtet auf Kinder und Familienzeit, die andere auf Selbstständigkeit. Beides veranlasst durch gesellschaftliche Erwartungen, aber dennoch freiwillig.

Ganz im Kontrast zu den schockierenden Aussagen im Buch ertönt heute die Stimme der 85-Jährigen am Radio sanft, klug und versöhnlich. Es habe sich so vieles verändert, sagt sie im Talk mit Roger Schawinski, und es sei ein Glück, dass sie da habe mitmachen dürfen. Der «dressierte Mann» werde nach und nach verschwinden, und es werde ein ganz anderes Leben sein, wenn Männer und Frauen ihr eigenes Geld verdienten. «Dann wird die Welt sich ändern.» Ja, das wird sie. Und Esther Vilar hat einen grossen Anteil daran. Man müsste sie zur Ikone des Feminismus erheben.

42 Kommentare
    Georg Stamm

    Kürzlich brachte der Tages Anzeiger ein längeres Interview mit E. Vilar. Was sie da sagte, tönte vernünftig, einleuchtend. Frauenhass war nicht zu erkennen. Vieles, nicht alles, konnte man nachvollziehen. Ihr berühmtes Buch habe ich allerdings nicht gelesen.