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Kurzfilmfestival erfindet sich neuShnit soll zum Festival für Kinder und Jugendliche werden

Letztes Jahr gabs kein Geld von Stadt und Kanton, nun versucht das Berner Kurzfilmfestival Shnit den Relaunch mit anderer Ausrichtung. Wie stehen die Chancen für den Festival-Sprössling? Und wer steckt hinter Shnitly?

Neustart in Grün: Laura Hoffman ist Co-Präsidentin des Vereins Shnitly. Co-Präsident Beni Lehmann fehlte beim Fototermin krankheitshalber.
Neustart in Grün: Laura Hoffman ist Co-Präsidentin des Vereins Shnitly. Co-Präsident Beni Lehmann fehlte beim Fototermin krankheitshalber.
Foto: Franziska Rothenbühler

Das Kinderfahrrad ist grün, knallgrün, auch wenn an einigen Stellen noch pink Flecken durchscheinen. Es gehörte ursprünglich zur Flotte ausgedienter Velos, die seit 2003 jeweils im Oktober überall in der Stadt parkiert waren und in grellem Pink das Kurzfilmfestival Shnit ankündigten.

Nun bekommen die Velos eine andere Farbe, und nicht nur das. Shnit erfindet sich neu, indem aus dem alten Festival ein frisches ausgekoppelt wird: Es heisst Shnitly und richtet sich an Kinder und Jugendliche. Auf dem Programm stehen Kurzfilme für vier Alterskategorien von 4 bis 18 Jahren, flankiert von Angeboten für Schulklassen und Lehrpersonen. Also keine Film-Slams, keine Partys im Progr-Innenhof, kein Shnit-Bier, keine Erwachsenenfilme mehr.

Warum unternimmt Shnit diesen Schritt? Ganz freiwillig ist er nicht. Im letzten Jahr haben Stadt, Kanton und Burgergemeinde die Fördergelder nicht mehr gesprochen. Ausschlaggebend waren die chronischen organisatorischen Defizite und ein mangelhaftes Finanzierungsgesuch. Das Festival fand im Oktober trotzdem statt, dank eiligst umgesetzten Sparübungen und privaten Geldern.

Ein neuer Verein

Publik wurde die Finanzierungslücke erst diesen Januar. Im Fokus der Diskussionen stand der langjährige künstlerische Leiter Olivier van der Hoeven, unter dessen Leitung das Festival immer noch der leicht chaotischen Liebhaberveranstaltung glich, die es in den Gründungsjahren war. Allerdings war Shnit dafür längst zu gross geworden, man verzeichnete jeweils um die 20’000 Eintritte, und es gab Spielstätten rund um den Globus.

Eine Professionalisierung des Festivals sei dringend nötig, sagte die städtische Kulturchefin Franziska Burkhardt im Januar, und damit schwang die Forderung nach einer neuen personellen Aufstellung mit.
Nun also steht mit Shnitly ein neu konzipiertes Festival am Start, mit neuen Gesichtern und mit neuer Trägerschaft. Dem eben gegründeten Verein Shnitly stehen Beni Lehmann und Laura Hoffman in einem Co-Präsidium vor. Lehmann ist Filmproduzent und Location-Scout und stand mit Shnit bisher in keiner Beziehung; Hoffman hat Ethnologie und Religionswissenschaft studiert und arbeitete schon seit neun Jahren in unterschiedlichen Funktionen bei Shnit, in den letzten drei Jahren im Organisationskomitee.

«Shnitly ist personell, strukturell und von der Rechtsform her völlig unabhängig von Shnit. Ich selber werde nicht mitarbeiten.»

Olivier van der Hoeven, langjähriger künstlerischer Leiter von Shnit

Fürs Treffen im Shnitly-Büro an der Marktgasse muss sich Lehmann krankheitshalber entschuldigen; anwesend sind Laura Hoffman – und Olivier van der Hoeven. Dieser sagt, er habe in der neuen Organisation allerdings keine Funktion: «Shnitly ist personell, strukturell und von der Rechtsform her völlig unabhängig von Shnit. Ich selber werde nicht mitarbeiten.»

An der Konzeption des neuen Festivals war er allerdings beteiligt. Schliesslich knüpft Shnitly an eine bisherige Programmschiene von Shnit an. Seit 2014 gab es Filmblöcke, die sich an Kinder und Jugendliche richteten. Man experimentierte mit verschiedenen Formaten und kooperierte mit der Pädagogischen Hochschule und mit Schulen. «2019 besuchten rund 1000 Kinder und Jugendliche das Festival», erklärt van der Hoeven.

Trotzdem soll Shnitly etwas Neues, Eigenes werden: «Es soll eine Nische bedienen, die bisher nicht so viel Platz bekam», sagt Shnitly-Co-Präsidentin Laura Hoffman. Kinder sollen nicht bloss Filme vorgeführt bekommen, sie sollen auch Teil des Festivals werden, indem ihre Expertise schon bei der Filmauswahl gefragt ist und indem es am Festival selber eine Kinderjury gibt, die preiswürdige Filme nominiert. Dafür gibt es Vorbilder, etwa in Hamburg, wo aus dem lokalen Kurzfilmfestival 1999 das Kinder-Kurzfilmfestival Mo & Friese hervorgegangen ist, das in Sachen Popularität sein Mutterschiff mittlerweile eingeholt hat. In der Schweiz gebe es im Kurzfilmbereich nichts Vergleichbares, so van der Hoeven.

Eine Art Schattenregent?

Shnitly hat also ein durchaus innovatives Konzept, das allerdings nur dann realisierbar ist, wenn die staatlichen Förderstellen dazu Ja sagen. Anfang Woche wurden die Finanzierungsgesuche an Stadt, Kanton und Burgergemeinde verschickt – angefragt ist derselbe Betrag, wie ihn auch Shnit bis 2018 jeweils zugesprochen bekam, also insgesamt 190’000 Franken. Wenn die Finanzierung gesichert ist, soll der Vorstand vergrössert und eine Co-Geschäftsleitung installiert werden. Dazu kommt ein Team aus grösstenteils ehrenamtlich Tätigen, das sich aus bisherigen Shnit-Leuten und neuen Mitgliedern zusammensetzen soll, wie Hoffman und van der Hoeven erläutern.

Aber nochmals: Wird Olivier van der Hoeven wirklich keine Rolle spielen beim neuen Festival? Warum ist er es, der die meisten Fragen der Journalistin beantwortet? Wird er eine Art Schattenregent von Shnitly? «Nein, das ist nicht so», sagt van der Hoeven. Natürlich habe er sich intensiv mit dem neuen Konzept auseinandergesetzt, und er sei froh, dass er voll dahinterstehen könne. «Mir ist es ein riesiges Anliegen, dass es in Bern ein Kurzfilmfestival gibt.» Mit Shnitly wird er persönlich aber einen Teil des Festivals, das er seit 2005 geleitet hat, loslassen.

Verschuldete Stiftung

Die Geschichte von Shnit, dem Festival für Erwachsene, ist indes noch nicht zu Ende. Die Shnit-Foundation existiert nach wie vor, und gemäss Handelsregister ist Olivier van der Hoeven Präsident des Stiftungsrates. Doch die Hürden dabei, Shnit in seiner bisherigen Form stattfinden zu lassen, sind hoch: Nach der letztjährigen Ausgabe ist die Stiftung nur dank Privatdarlehen mit nicht mehr als 100’000 Franken verschuldet. Damit sind die Chancen auf staatliche Fördergelder nicht besonders gross.

Allerdings, so van der Hoeven, gebe es die Möglichkeit, Shnit dereinst mit privaten Sponsoren und Stiftungen zu stemmen, allenfalls als Parallelfestival zu Shnitly, indem man dieselben Spielstätten am Abend fürs Erwachsenenprogramm nutze. Klar ist jedoch: «Die Trennlinie zwischen Shnit und Shnitly soll scharf sein, das Publikum ist nicht dasselbe, die Ausrichtung auch nicht. Es wird auch kein Geld hin- und herfliessen», sagt Laura Hoffman. Ergo: Die Zukunft von Shnit ist alles andere als gewiss.

Derweil hat Shnitly, der Festival-Sprössling, in einer Stadt, die in ihrer aktuellen Kulturstrategie ein besonderes Augenmerk auf Kinder- und Jugendkultur legt, die Chance, gefördert zu werden. Aber nur, falls das Vertrauen bei den Geldgebern mit dem neuen Konzept wiedergewonnen werden kann. Grün ist bekanntlich die Farbe der Hoffnung.