«Der Bund» im Gespräch

Religion: Kitt oder Spaltpilz?

Die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle der Religion zieht sich durch die ganze Geschichte der Menschheit. Auch am gestrigen «Bund»-Gespräch in Bern prallten kontroverse Meinungen aufeinander.

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«Nun sag, wie hast dus mit der Religion?», fragte Gretchen bei Goethe den Dr. Faustus. Zwei Jahrhunderte später scheint die Frage des Mädchens kaum an Sprengkraft verloren zu haben. Auch in der Schweiz ist die Diskussion über den Platz der Religionen in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren immer wieder aufgeflammt – an Minaretten, Kopftüchern, Kreuzen in Schulzimmern oder staatlich bezahlten Pfarrern.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler stellte deshalb gestern im Berner Kornhausforum die Gretchen-Frage erneut. Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, Michael Köpfli, GLP-Stadtrat und Vorstandsmitglied der Berner Freidenker und Michael Graf, reformierter Pfarrer von Kirchlindach, gaben ihre Antworten.

Die Dominanz der Symbole

«Es gibt keine Stelle im Koran, welche der Frau die Verhüllung vorschreibt», relativierte Keller-Messahli die Diskussion um eines dieser kontroversen Symbole. Folglich sei es weder förderlich noch legitim, mit diesem Unbehagen die Ablehnung einer ganzen Weltreligion zu begründen. Mit der Fokussierung auf einzelne «Schauergeschichten» sei letztlich keinem gedient. Nicht nur, dass dadurch der Blick auf die «zivilisatorische Leistung» des Islams verunmöglicht werde.

Auch an den Interessen der grossen Mehrheit der Muslime in der Schweiz ginge diese Diskussion vorbei. «Die Bedürfnisse der überwältigenden Mehrheit der 400'000 Muslime in der Schweiz sind nicht in erster Linie religiöser Natur.» Vielmehr ginge es für sie um dieselben Fragen, welche Christen, Atheisten und Hindus gleichermassen beschäftigen – nämlich Teilhabe an der Gesellschaft, Existenzsicherung oder persönlicher Respekt. Dass in der Schweiz trotzdem im Zusammenhang mit dem Islam stets über Symbole diskutiert werde, sei mitunter die Schuld einer kleinen Minderheit – meist Schweizer Konvertiten – welche sich selbst zum Sprachrohr einer unpolitischen Mehrheit ernannt habe, diese Symboldiskussion gezielt befeuere und programmatisch «ins 8. Jahrhundert zurückkehren möchte».

Sie selbst, sagte Keller-Messahli, versuche dem auf dem einzigen Weg entgegenzuwirken, den sie als wirkungsvoll erachte: die Anpassung des Islam an die heutigen Umstände. «Den interreligiösen Dialog habe ich in Vergangenheit eher als enttäuschend erlebt», sagte sie. Stattdessen bedürfe es einer Aufklärung des Islams von innen heraus, wie sie das Christentum seit Jahrhunderten durchlaufe. «Weltweit sind Muslime derzeit daran, dies zu tun», sagte Keller-Messahli.

Umstrittene Pfarrerlöhne

Dass dem Christentum dieser Schritt in die Gegenwart bereits gelungen sei, bezweifelte hingegen Freidenker Köpfli. Während den Schweizer Landeskirchen die Schäfchen davonliefen, seien weltweit eher erzkonservative Freikirchen und evangelische Strömungen auf dem Vormarsch. Die «ganz grosse Gefahr» sehe er aber in der Verbindung von Religion und Politik, welche umso verheerender wirke, wenn ein zweitausend Jahre altes Buch zitiert werde, das «im Kontext einer Hirtengesellschaft» geschrieben wurde und «unumstössliche Wahrheiten» verkünde.

Auch der Kanton Bern habe in der Frage zur Trennung von Kirche und Staat noch Nachholbedarf. So forderte Köpfli Pfarrer Graf, als Befürworter von staatlich bezahlten Pfarrerlöhnen, dazu auf, künftig freiwillig auf Staatsmittel zu verzichten. Gerade jetzt, wo bei psychisch kranken Menschen gespart werden müsse, sei für die Kirchen eine sture Besitzstandwahrung mit «christlichen Werten» kaum mehr zu begründen.

Kontroverse über Christentum

Erstens bezahle jeder Steuerzahler auch Dinge, die er selbst nicht nutze, setzte Graf zu seiner Replik an. Zweitens seien die Landeskirchen nicht «irgendeine fremde Institution», sondern umfassten rund vier Fünftel der Kantonsbevölkerung, welche ebendieses Finanzierungssystem grossmehrheitlich unterstütze. Und schliesslich sei die Finanzierung von Pfarrerlöhnen nicht nur eine Unterstützungsleistung für die sozialen Dienste der Kirchen, sondern auch ein Instrument für die Qualitätskontrolle. Das heutige System schaffe ein Maximum an Transparenz und garantiere, dass keine religiösen Eiferer die Seelsorge untergraben könnten. «Eigentlich sollte der Kanton insofern auch Imame ausbilden», sagte Graf.

Keller-Messahli stimmte dem zu und konnte zur Kenntnis nehmen, dass über den Abend hinweg für einmal deutlich kontroverser über das Christentum als über den Islam gestritten wurde. (Der Bund)

Erstellt: 24.05.2012, 09:17 Uhr

Video

Das gesamte Gespräch als Video unter www.gespraech.derbund.ch

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