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Dritter Lockdown in Grossbritannien Selbst Parteikollegen kritisieren Johnson für Corona-Kurs

Immer mehr Spitäler vor allem im Süden Englands melden Personal- und Bettenmangel. Und das scheint erst der Anfang.

Experten fürchten massive Überlastungen in den Spitälern: Gesundheitspersonal betreut einen Patienten vor einer Londoner Klinik.
Experten fürchten massive Überlastungen in den Spitälern: Gesundheitspersonal betreut einen Patienten vor einer Londoner Klinik.
Foto: Facundo Arrizabalga (EPA)

Ganz Grossbritannien befindet sich seit Dienstag wieder in einem nationalen Lockdown, der auch die Schliessung aller Schulen und Universitäten umfasst. Er soll mindestens sechs Wochen dauern, könnte sich aber auch bis in den März hinziehen, wie ein Minister einräumte. Die gesamte Bevölkerung ist aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

«Die kommenden Wochen werden die bislang härtesten werden», hat Premierminister Boris Johnson erklärt. Erlaubt sind lediglich «lebensnotwendige» Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche, absolut unvermeidliche Gänge zum Arbeitsplatz und einmal am Tag «körperliche Betätigung» im Freien. Restaurants und Pubs können Take-aways oder Essensauslieferung anbieten, bleiben aber ansonsten geschlossen, ebenso wie die meisten Geschäfte.

Schottland schliesst die Grenze

Reisen ist nur noch in Ausnahmefällen möglich. Schottland hat für den Normalverkehr bereits die Grenze zu England geschlossen. Um die neuen Vorschriften für England auch vom Parlament in Westminster absegnen zu lassen, sind die Abgeordneten des Unter- und des Oberhauses für Mittwoch zu einer Sondersitzung einberufen worden.

Grund für die Rückkehr zu Massnahmen, wie sie erstmals zu Beginn der Pandemie ergriffen wurden, ist die rasch wachsende Sorge, dass alle bisherigen Restriktionen das Virus nicht stoppen können. Allein im Dezember hat sich die Zahl der täglichen Neuansteckungen mehr als vervierfacht im Vereinigten Königreich. Die Zahl der Covid-Patienten in Spitälern liegt inzwischen mit fast 25’000 höher als zur Rekordzeit im April vorigen Jahres.

Manche Patienten müssen vor den Eingängen zur Notaufnahme stundenlang in Rettungswagen warten.

Und die Gesamtzahl der Toten beträgt nach Regierungsangaben über 75’000. Britische Experten warnen, dass es bis Mitte Februar mehr als 100’000 Tote sein werden, wenn die rapide Ausbreitung sich nicht rasch stoppen lässt. Immer mehr Spitäler vor allem im Süden Englands melden Platzprobleme und Personal- und Bettenmangel. Gelegentlich müssen angelieferte Patienten vor den Eingängen zur jeweiligen Notaufnahme stundenlang in Rettungswagen warten oder sogar im Wagen behandelt werden.

In England gilt inzwischen Alarmstufe 5, die höchste Stufe. Das bedeutet, dass ohne einschneidende Massnahmen die totale Überforderung des Gesundheitswesens binnen 21 Tagen zu befürchten steht. Eine Londoner Klinik hat diese Woche dringende Krebsoperationen abgesagt.

Nicht in allen britischen Spitälern ist noch genug Platz: Ein desinfiziertes Bett steht für Corona-Patienten bereit.
Nicht in allen britischen Spitälern ist noch genug Platz: Ein desinfiziertes Bett steht für Corona-Patienten bereit.
Foto: David Goldman (AP)

Scharfe Kritik hat sich derweil Premierminister Boris Johnson zugezogen, der trotz frühzeitiger Warnungen lange zögerte mit entsprechenden Massnahmen. Als sich bereits im Oktober ein neuer Aufwärtstrend ankündigte, verwarf Johnson die Forderung der Opposition nach einem «Blitz-Lockdown» fürs ganze Land. Im November erliess er härtere Restriktionen, versprach seinen Landsleuten aber für die Weihnachtstage Gelegenheit zu Weihnachtseinkäufen und sozialen Kontakten, obwohl Experten davon abrieten.

Erst die Bestätigung einer in Südengland grassierenden «neuen Variante» des Virus liess ihn diese «Weihnachtspause» kurzfristig wieder abblasen – zum Ärger vieler Briten, die bereits Weihnachtspläne aller Art geschmiedet hatten. Schon vor Weihnachten mahnten ihn auch seine Berater, die Schulen nach den Ferien vorübergehend geschlossen zu halten. Noch am letzten Sonntag forderte Johnson aber die Eltern von Grundschülern auf, ihre Kinder am Montagmorgen unbedingt in die Schule zu schicken. Am Montagabend verkündete er dann den neuen Lockdown – mit Schulschliessungen auf unbestimmte Zeit.

Ärzte warnen vor verzögerten Impfungen

Neue Fragen gibt es auch zur Impfpolitik. Eine Million Menschen in Grossbritannien sollen inzwischen eine erste Impfdosis erhalten haben. Zweifel herrschen aber daran, dass wie von Johnson versprochen ab Montag jede Woche zwei Millionen Personen geimpft werden können. Heiss umstritten ist zudem der Entscheid, zwischen dem ersten und dem zweiten Durchgang beim Impfen zwölf Wochen zu warten. Viele britische Ärzte halten das für riskant.

Diese sprunghafte und oft verspätete Reaktion hat Johnson auch in der eigenen Partei scharfe Kritik eingetragen. Offenbar sind schon Misstrauensanträge gegen Johnson bei einem Ausschuss hinterlegt worden, der für die Abwahl von Tory-Vorsitzenden zuständig ist. 2019 hat das Gremium beim Rücktritt Theresa Mays eine wichtige Rolle gespielt.

10 Kommentare
    willi mosimann

    Johnson hat all die vergangenen Monate Corona nicht wirklich ernst genommen, jetzt erhält er die Quittung dafür.