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Mächtiger Airline-AktionärSein Poker bei der Lufthansa-Rettung

Milliardär Heinz Hermann Thiele riskiert bei der deutschen Airline einen Totalverlust. Sein Plan könnte aber auch aufgehen. Morgen kommts zum Showdown.

Vor seinem sturen Kopf zittern Swiss und Lufthansa: Heinz Hermann Thiele.
Vor seinem sturen Kopf zittern Swiss und Lufthansa: Heinz Hermann Thiele.
Bloomberg/Getty

Heinz Hermann Thiele, 79, könnte Rosen züchten oder Luxusjachten sammeln. Verdient hätte er sich die Ruhe. Im Krieg als Flüchtlingskind geboren, zeigte er später so viel Biss, dass er als junger Mann den maroden Bremssystem-Produzenten Knorr-Bremse mit einem Kredit übernahm, ihn mit harter Hand sanierte und zum Weltmarktführer trimmte. Heute ist er mit einem Vermögen von über 11 Milliarden Euro der achtreichste Deutsche.

Als er im März innert weniger Wochen zehn Prozent der Lufthansa-Aktien zusammenkaufte, ahnte kaum einer Böses. Das Management der Airline freute sich gar über das Vertrauen. Beobachter schätzten, dass Thiele auf Kursgewinne auf Kosten der Steuerzahler spekuliere. Zuvor war der Aktienkurs wegen des Einbruchs des Luftverkehrs dramatisch gefallen. Sobald die Lufthansa und ihre Töchter in Österreich, Belgien und der Schweiz bald von den jeweiligen Regierungen gerettet würden, würde der Kurs wieder steigen. Danach sah es bis letzte Woche aus.

Thiele hat die Sperrminorität

Dann gab Thiele in einem Zeitungsinterview bekannt, mittlerweile gar 15 Prozent der Aktien zu besitzen. Und er griff das Rettungspaket an, das die Lufthansa-Spitze mit der Berliner Regierung ausgehandelt hatte. Er stört sich an der geplanten Mitsprache durch den Staat im Unternehmen: Erstens, weil durch die dazu nötige Kapitalerhöhung die Aktien der jetzigen Eigner verwässert werden, und zweitens, weil der Staat bei der Sanierung des Unternehmens immer auch soziale und nicht rein unternehmerische Interessen verfolgen würde. Er ziehe darum in Erwägung, das Paket an der entscheidenden Aktionärsversammlung vom Donnerstagmittag abzulehnen, sagte Thiele.

Tut er das, scheitert die Vorlage. Weil sich weniger als 38 Prozent der Aktionäre für die online durchgeführte Versammlung angemeldet haben, reichen Thieles 15 Prozent für eine Sperrminorität. Jetzt, wo er aktivistisch geworden ist, freut sich die Lufthansa-Führung nicht mehr über ihren reichen Geldgeber.

Käme es tatsächlich so weit, stünden nicht nur die Lufthansa und die deutsche Regierung vor einem Scherbenhaufen. Auch die Rettung der Swiss durch die Eidgenossenschaft wäre vorerst gescheitert, weil der Bund sie von der Einigung in Deutschland abhängig macht.

Allerdings wären die Lufthansa und ihre Töchter damit noch lange nicht am Ende. Wie es in der Schweiz weitergehen würde, ist zwar nicht bekannt – die Swiss und der Bund arbeiten für diesen Fall an einem Plan B. Sollte nicht kurzfristig eine andere Lösung gefunden werden, würde der 138’000-Mitarbeiter-Konzern in Deutschland wohl ein insolvenzrechtliches Schutzschirmverfahren mit Gläubigerschutz veranlassen. Dieses ist dem amerikanischen Chapter-11-Verfahren nachempfunden, das in den letzten 20 Jahren den drei grossen verbliebenen US-Gesellschaften United, American und Delta zu ihren späteren Erfolgen verholfen hat.

Insolvenz würde auch Chancen bieten

Wenn das Verfahren schiefgeht, besteht für Thiele und die anderen Aktionäre zwar das Risiko eines Totalverlustes. Doch bietet es auch die Chance der erzwungenen Sanierung des Unternehmens. So könnten unter anderem die alten, arbeitnehmerfreundlichen Tarifverträge der Lufthansa neu verhandelt werden.

Für die Angestellten und die Gewerkschaften ist das eine Horrorvorstellung – um die Zwangssanierung zu vermeiden, sind sie temporär zu grossen Einschnitten bereit. Für Thiele dagegen könnte gerade hier der Reiz liegen: Er gilt seit Jahrzehnten als Gewerkschafter-Schreck. Sollte er sich für dieses Risiko entscheiden und damit Erfolg haben, würde ihm eine entschlackte Lufthansa viel bessere Profitaussichten bieten, als es ihm Kursgewinne der Lufthansa-Aktie nach den Rettungspaketen der Regierungen ermöglichen würden. Aber ob man sich den Stress in diesem Alter noch antun will?