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Comic über StalkingSehen und gesehen werden

Nina Bunjevac erzählt in wunderschönen Schwarzweissbildern von ekliger Perversion. Ihr Comic «Bezimena» zeichnet das Bild eines Triebtäters – mehrfach gebrochen durch Rahmenhandlungen, in denen Frauen das Wort haben.

Benny beobachtet die «weisse Becky» durchs Fenster.
Benny beobachtet die «weisse Becky» durchs Fenster.
Illustration: Avant-Verlag

Puh, denkt man sich nach der Lektüre dieser Graphic Novel. Und wäre diese Rezension ein Comic, würde sich das Soundwort in Luft auflösen und dahinter ein grosses Fragezeichen erscheinen. «Bezimena», das dritte Buch der kanadisch-jugoslawischen Zeichnerin Nina Bunjevac, ist auf den ersten Blick grossartig, auf den zweiten gruselig und auf den dritten widersprüchlich.

Doch von Anfang an – und da muss man unbedingt über das sprechen, was einem bei Bunjevacs Comics stets ins Auge stach, hier aber nochmals eine neue Qualität erreicht: Es gibt nicht viele Künstlerinnen, die derart bestechende Schwarzweissbilder zeichnen. Hyperrealistisch wirken sie im Detailreichtum, und doch zerfällt jedes Panel beim näheren Hinsehen in eine schier unendliche Zahl von Punkten und Schraffuren, als würde dahinter der unheimliche Untergrund der Wirklichkeit erkennbar.

Im Unterschied zu früheren Arbeiten vergrössert Bunjevac im aktuellen Band die Wirkung ihrer Illustrationen noch, indem sie auf jeder der Doppelseiten links auf schwarzem Hintergrund den Text in weissen Sprechblasen wiedergibt, rechts indes steht nur ein einziges grosses Bild.

Der «Gesegnete» ist ein kleiner Teufel

Die Ästhetik dieses schauerlichen Realismus passt hervorragend zur Geschichte: In einer namenlosen Grossstadt, wohl am Anfang des 20. Jahrhunderts, bekommt ein Paar, das eigentlich keine Kinder kriegen kann, doch noch einen Sohn, Benny. Aber der ist mitnichten ein «Gesegneter», sondern ein kleiner Teufel. Schon in der Grundschule fummelt er beim Anblick der niedlichen «weissen Becky» in seiner Hose rum. Später beobachtet der einsame Spanner als Hausmeister im Zoo junge Frauen in luftigen Sommerkleidern. Eines Tages trifft er hier Becky wieder, die wie zufällig ihr Skizzenbuch vergisst.

Als Benny darin blättert, traut er seinen Augen nicht. Nicht nur ist auf den Zeichnungen er selbst beim Fetisch-Sex mit Becky und anderen Frauen dargestellt; neben jedem Bild steht auch noch eine genaue Datumsangabe. So findet sich Benny zur fraglichen Zeit bei Becky ein, und alles geschieht wie beschrieben. Dann steht eines Tages die Polizei vor Bennys Tür, er wird des Mordes an drei kleinen Mädchen angeklagt. Benny will sich auf Beckys Buch berufen, aber auf einmal sind darin nur mehr Kinderzeichnungen von Eisbären…

Anklänge an die Brüder Grimm und Fritz Langs «M»

Bei so viel Perversion in schönem Gewand ist man bei der Lektüre zumindest beruhigt, dass man das alles kunstgeschichtlich einigermassen einordnen kann. Im Märchenton der Erzählung klingen die Brüder Grimm an, einsamer Wald, Mondnacht, verirrte Kinder. Und natürlich weckt der junge Benny, der als trauriges Opfer seiner Triebe dargestellt wird, Assoziationen an Fritz Langs «M».

Zudem setzt Bunjevac in ihren Zeichnungen auf filmspezifische Stilmittel wie Kreisblende, Rückprojektion oder Bild-in-Bild-Montage. Auch die fragwürdige pädophile Ästhetik der letzten Installation Marcel Duchamps ist nicht weit, «Etant donnés», wo man durch ein Guckloch einen nackten Mädchenleib mit gespreizten Beinen betrachten kann.

Diese männliche Perspektive wird aber durch die archaisch anmutende Rahmenhandlung gebrochen: Bennys Geschichte ist die Erzählung der weisen Bezimena, zu Deutsch «Namenlos», und zugleich rätselhafte Antwort auf die Klage einer Priesterin über die Verwüstung ihres Tempels. Damit wird die Binnenhandlung zum Gleichnis – für was genau, bleibt allerdings unklar.

Um die Sache noch zu verkomplizieren, kommt ein zweiter und dritter Rahmen hinzu. Die Sprechblasen auf den linken Buchseiten lassen auch die Episode mit Bezimena und der Priesterin als Geschichte in der Geschichte erkennen, als weitere Parabel, die sich zwei unsichtbar bleibende Freundinnen erzählen. Und im autobiografischen Nachwort beschreibt Bunjevac erschütternd, wie sie als Jugendliche knapp einer Vergewaltigung entging. Sie beschliesst den Text mit der Widmung an alle «vergessenen und namenlosen Opfer sexualisierter Gewalt».

Das Psychogramm eines Getriebenen

Schon einmal, in ihrem Memoir-Comic «Vaterland», hatte Bunjevac die einfühlsame Annäherung an einen Täter gewagt: Ihr Vater war als Mitglied in einer Terrorzelle serbischer Nationalisten in Kanada beim Bombenbau ums Leben gekommen. Das Buch ist die differenzierte Analyse eines Verbrechers, eines vermeintlich starken, brutalen Mannes, der zugleich das Opfer seiner Kindheit und einer unglücklichen Verkettung von Zufällen war.

Versucht der vorliegende Band als Psychogramm eines Getriebenen etwas Ähnliches? Dazu passt weder die Lust der Autorin am virtuosen Jonglieren mit surrealistischen Stilmitteln noch der völlige Verzicht auf eine starke weibliche Perspektive. So demonstriert «Bezimena» am Ende unbeabsichtigt, in was für Widersprüche sogar ein handwerklich meisterhafter Comic gerät, soll er an eindeutige ideologische Diskurse angeschlossen werden – selbst wenn die besten Absichten im Spiel sind.

Nina Bunjevac: Bezimena. Aus dem Englischen von Benjamin Mildner. Avant-Verlag, Berlin 2020. 224 S., ca. 45 Fr.