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Das unendliche GedichtSchwerelos auf dem grünen Teppich

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 6: Franz Dodel über einen Frühlingsspaziergang.

Der Schweizer Schriftsteller Franz Dodel setzt täglich sein Gedicht «Nicht bei Trost» fort.
Der Schweizer Schriftsteller Franz Dodel setzt täglich sein Gedicht «Nicht bei Trost» fort.
Foto: zvg

Zeile 40849-40950

(...)

aus dem grauen Schilf

dem seichten Wasser weht mir

federleicht eine

Leere entgegen wie ein

hauchdünner Vorhang

aus geripptem Porzellan

eine nahezu

luftleere Stimmung die sich

über mich wölbt ein

Gefühl streift mich als sei ich

einen Moment lang

nicht geerdet schwerelos

und unterversorgt

ohne zu wissen womit

auf dem Weg zurück

kommt Wind auf wie stets kurz nach

Sonnenuntergang

mit argloser Anmut nimmt

die halb schlafende

Wirklichkeit mich bei der Hand

die gleichgültige

Natur wendet sich mir zu

und übersieht mich

doch vielleicht scheint es nur so

freigestellt schutzlos

bin ich empfänglicher für

das Beiläufige

das den Weitblick verkürzt auf

das Unbedingte

in den lichtkargen Lücken

auf der Nordseite

des Hügelzugs im feuchten

steilen Gelände

riecht es im Wald betäubend

nach frischem Bärlauch

so weit ich sehe hat sich

ein grüner Teppich

zwischen die Bäume gelegt

bald werden hier weiss

sternengleich Tausende von

Blüten aufgehen

und dies auch ohne dass mein

Sehen dabei ist

andererseits wie könnte

Sehen gelingen

wenn das Sichtbare ihm nicht

mithilfe des Lichts

entgegenkäme ohne

diesen Austausch von

Helligkeiten wie dunkel

bliebe es in mir?

das Instandstellen des Tags

gelänge mir kaum

auch nicht das Unterscheiden

der Blätter deren

Unterseiten beim Bärlauch

gräulich matt sind beim

Maiglöckchen jedoch glänzend

weshalb werden hier

Nichtigkeiten wie diese

erwähnt während von

den Zeitlosengewächsen

ihrem Gift weiter

nicht die Rede sein wird? der

letzteren Name

lenkt ab von der Botanik

weist hin auf Ränder

auf jenes Unfassbare

das sich wie Licht in

einem Glas Wasser verfängt

etwas Zeitloses

hellt manchmal auch unsere

Durchsichtigkeit auf

die Meinung war einst dass wir

durchlässig bleiben

Gefässe für das ein- und

ausströmende Licht

unser Wünschen muss wieder

heftiger werden

allerdings ohne sich auf

etwas Bestimmtes

zu richten so dringt ein Wunsch

doch ab und an ein

in die Substanz der Erde

seine Dringlichkeit

moduliert im Erdinnern

den Einklang sein kaum

wahrnehmbares Vibrato

erregt die Wurzeln

sie greifen geschmeidiger

ins dunkle Tote

leiten lichtempfindliche

Säfte schneller hoch

in die zitternden Triebe

gut ist wenn eine

bestimmte Art von Musik

sich einvernehmlich

aus solchen Vorgängen löst

sich wiederholend

und stets ins Unbestimmte

abgleitend festsetzt

in der unwirklichen Zeit

(...)

Seit 2002 schreibt Franz Dodel, der in Boll und Vully lebt, täglich an seinem unendlichen Gedicht unter dem Titel «Nicht bei Trost» weiter, das inzwischen über 40’000 Zeilen umfasst. Es sind Haikus mit abwechslungsweise 5 und 7 Silben pro Zeile. Unter www.franzdodel.ch kann die Arbeit mitverfolgt werden. Dort gibt es auch Bilder und Anmerkungen zu Textstellen sowie ein Verzeichnis der gedruckten Bände.