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Recherche aus LausanneEx-Polizist: «Ziel war, Druck auf Afrikaner auszuüben»

Was Opfer von rassistischer Polizeigewalt erleben – eine Anwältin, Sozialarbeiter aus der Notschlafstelle und ein ehemaliger Beamter berichten.

Mutmassliche Drogendealer wie Trophäen präsentiert: Die Lausanner Stadtpolizei verhaftete bei einer Polizeiaktion im November 2012 Dutzende Schwarzafrikaner und reihte sie sitzend auf dem Place Chauderon auf.
Mutmassliche Drogendealer wie Trophäen präsentiert: Die Lausanner Stadtpolizei verhaftete bei einer Polizeiaktion im November 2012 Dutzende Schwarzafrikaner und reihte sie sitzend auf dem Place Chauderon auf.
Foto: Philippe Maeder (24 Heures) 

Lausanne steht politisch links. Die Studentenstadt ist progressiv, gilt als tolerant, hat eine starke Frauen- und Klimabewegung. Doch da ist diese verborgene Seite: Wie Recherchen dieser Zeitung zeigen, kommt es in Lausanne immer wieder zu Polizeigewalt gegen Dunkelhäutige.

Es sind Fälle, wie es sie laut dem Verband Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) eigentlich kaum geben dürfte. Als nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd im US-Bundesstaat Minnesota eine weltweite Debatte über Rassismus und Polizeigewalt gegen Andersfarbige entbrannte, betonte VSPB-Präsidentin Johanna Bundi Ryser: «Natürlich kann ich nicht behaupten, dass es nie vorkommt, dass ein Polizist oder eine Polizistin jemanden aufgrund der Hautfarbe anders behandelt. Aber wenn dies jemand tut, dann hat er keinen Platz bei uns.»

In Lausanne ist die Notschlafstelle Sleep-In einer der Brennpunkte: ein baufälliges Haus in einer Industriebrache, zwischen einem einstigen Schlachthof und einer Abfallentsorgungsstelle gelegen. Im Garten des Sleep-In schlafen oft Afrikaner: Nacht für Nacht, in Schlafsäcken, bei Regen unter Plastikblachen. Für sie bleibt im Haus meist kein Bett frei. Frauen, Kinder und Familien werden alleinstehenden Männern vorgezogen, so verlangt es ein Reglement der Stadtregierung.

Polizisten sprühten mit Pfeffersprays in Schlafsäcke bei der Notschlafstelle, damit man darin nicht mehr schlafen konnte.

Die Sozialarbeiter Malick Gehri und Marina Ukaj arbeiten im Sleep-In. Sie zeigen Fotos afrikanischer Reisepässe. «Polizisten haben sie zerrissen», sagt Malick Gehri. Die Sozialarbeiter schildern, wie Polizisten Leuten Finger zertrümmerten und wie Beamte Afrikanern bei Kontrollen regelmässig Geld abnähmen, ohne Bescheinigungen auszustellen, mit der Begründung, sie hätten keine Aufenthaltsbewilligung, könnten das Geld also nicht auf legale Weise verdient haben. «Ich habe Leute 15 Minuten nach einer Geldentnahme auf den Polizeiposten begleitet, um den Fall zu melden», sagt Marina Ukaj. Von einer Konfiszierung habe niemand etwas gewusst. Das Geld sei nie mehr aufgetaucht. Mit den Aussagen konfrontiert, sagt Polizeisprecher Jean-Philippe Pittet: «Wir haben keine Kenntnisse von solchen Fällen.» Die Polizei könne Geld legal beschlagnahmen, aber nur gemäss der gesetzlichen Grundlage und gegen eine Quittung.

Malick Gehri macht weitere Vorwürfe. «Vor drei Jahren sind Polizisten während Monaten jede Nacht mehrere Male im Garten vorbeigekommen, haben Schlafende mit Fusstritten geweckt und zum Bahnhof gefahren. Dort sagte man ihnen: Nehmt den Zug zurück nach Italien», erinnert er sich. Doch die Leute gingen nicht. Auch während des Corona-Lockdown waren Polizisten im Garten der Notschlafstelle, um 100-Franken-Bussen zu verteilen, weil Leute die Distanzregeln nicht einhielten. Kurz vor Ausbruch der Krise hatten sie mit Pfeffersprays in Schlafsäcke gesprüht, damit man darin nicht mehr schlafen konnte.

Bei Kontrolle gestorben

2018 kam es bei einem Polizeieinsatz zu einem Drama. Der 40-jährige Nigerianer Mike Ben Peter starb nach einer Polizeikontrolle mitten in Lausanne. Er wehrte sich, in Handschellen abgeführt zu werden. Fünf Polizisten drückten ihn bäuchlings auf den Boden. Gemäss dem Autopsiebericht starb Mike Ben Peter an einem Herzstillstand. Der Mann war verheiratet und Vater zweier Kinder. Wegen des Todesfalls läuft eine Strafuntersuchung gegen die Polizisten.

Ein anderer Fall, der die Gerichte beschäftigte, spielte sich in der Neujahrsnacht 2006 ab. Der zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Kaled Mohamed Ali wurde von Polizisten in einen Wald gefahren, wo sie ihn mit Pfefferspray einnebelten und im Schnee stehen liessen. Der Jugendliche verlief sich, alarmierte die Notrufzentrale, doch fand am Ende selbst zurück. Beim Polizeihauptquartier wollte er Anzeige erstatten. Doch man verwehrte ihm den Einlass. Stattdessen verzeigte ihn die Polizei wegen Nachtruhestörung. Er musste einen halben Tag gemeinnützige Arbeit leisten. Anzeige gegen die Stadtpolizisten erstattete er dennoch. Die Staatsanwaltschaft und die Kantonspolizei untersuchten den Fall. Es kam zur Anklage wegen einfacher Körperverletzung und Amtsmissbrauchs.

«Zieh dich zurück, sonst …!!!»

Anonyme Drohung gegen eine ehemalige Lausanner Polizistin

2009 sprach das Bezirksgericht Lausanne die Polizisten frei. Doch nach dem Freispruch tauchte eine ehemalige Polizistin als neue Zeugin an. Die Frau sagte, sie wisse, was die Polizisten mit Kaled Mohamed Ali angestellt hatten. Wegen der Zeugenaussage wurde die Klage erweitert und reaktiviert. Der Ex-Polizistin wurde nachts eine Scheibe eingeschlagen und ein Zettel zugespielt. «Zieh dich zurück, sonst …!!!» stand darauf. Sie zog sich nicht zurück.

Die Polizisten kamen in Nyon nochmals vor Gericht. Wieder gab es Freisprüche, wie auch vor dem Kantonsgericht. Doch das Bundesgericht rügte, die Richter der Vorinstanzen seien bei der Beweiswürdigung parteiisch vorgegangen. 2012 mussten die Polizisten vor das Bezirksgericht in Yverdon und wurden zu bedingten Geldstrafen von rund 1000 Franken mit zweijähriger Bewährungsfrist verurteilt. Einer der Verurteilten ist in einem anderen Polizeikorps mittlerweile befördert worden.

Aline Bonard heisst die Anwältin, die mit Kaled Mohamed Ali durch die Gerichtsinstanzen zog. Nach dem Urteil hätten sie wiederholt Opfer von Polizeigewalt kontaktiert und sie als Anwältin engagieren wollen, sagt die Lausannerin. Doch Verfahren gegen Polizisten seien schwer zu führen, darum habe sie nur Mandate angenommen, bei denen sie Chancen für einen Klageerfolg sah, so Bonard.

Stockschläge gegen Jogger

Meist sind mehrere Polizisten an einem Vorfall beteiligt und präsentieren eine gemeinsame Version der Vorkommnisse, während das Opfer alleine ist. Das schafft ein Ungleichgewicht. Gerade in Lausanne ist es Usanz, dass die Polizei eine Gegenklage einreicht, wenn jemand einen Beamten verzeigt hat. Wie im Fall eines Kapverdiers, der im Oktober 2016 joggen ging und den Polizisten für einen Drogenverkäufer hielten. Fünf Polizisten richteten den Mann mit Stockschlägen derart übel zu, dass er ins Spital musste. Es gab zwar Zeugen, aber diese wurden von der Staatsanwaltschaft erst Monate nach dem Ereignis einvernommen. Anwältin Aline Bonard kämpfte in diesem Fall vergebens. 2019 entschied die Staatsanwaltschaft, angesichts der Klage des Kapverdiers und der Gegenklage der Polizei das Verfahren einzustellen. Die Polizei warf dem Mann vor, sich einer Personenkontrolle entzogen zu haben. Es stand Aussage gegen Aussage.

«Die Lausanner Polizei ist nicht systematisch fremdenfeindlich, aber gewisse Leute wären in einem anderen Beruf besser aufgehoben.»

Aline Bonard, Anwältin

«Die Lausanner Polizei ist nicht systematisch fremdenfeindlich, aber gewisse Leute wären in einem anderen Beruf besser aufgehoben», sagt Anwältin Aline Bonard. Das bestätigt Andréas Janin, ein ehemaliger Lausanner Stadtpolizist, der 2016 das Korps verliess, weil er gewisse Praktiken mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte. «Das Ziel war, Druck auf Afrikaner auszuüben, auch wenn sie sehr ruhig und friedlich waren», so Janin. Vor Personenkontrollen habe es rassistische Äusserungen gegeben. Afrikaner seien als «Bonobo» (Zwergschimpansen) bezeichnet worden. Situationen seien regelmässig ausser Kontrolle geraten. Zur Erniedrigung seien Intimkontrollen durchgeführt und manchmal Leute auch gewürgt worden, bis sie nicht mehr sprechen konnten. Handys von Kontrollierten wurden weggeworfen und zerstört.

Polizeisprecher Jean-Philippe Pittet sagt, von Äusserungen wie «Bonobo» wisse man nichts. «Sollten solche Bemerkungen gemacht werden, würden sie gegen die Polizeiethik verstossen und könnten unter das Strafgesetzbuch fallen. Eine Person, die glaubt, Opfer unangemessener Äusserungen geworden zu sein, kann die Angelegenheit dem Ethikbeauftragten melden», so Pittet.

«Wenn man Fälle meldet, wird man als Schwächling angesehen.»

Andréas Janin, ehemaliger Polizist

Warum hat Andréas Janin die Vorfälle nicht intern gemeldet? «Theoretisch ist das einfach. Man muss Fälle bloss dem Vorgesetzten melden. Aber psychologisch ist das sehr schwierig. Wenn jemand ausdrückt, wie er sich fühlt, bekommt er sofort ein Etikett verpasst und wird als Schwächling angesehen. Es wird einem nicht mehr vertraut.» Der Druck sei gross, das zu tun, was der ältere Gruppenführer von jüngeren Polizisten verlange. Kommandanten würden kaum je von Übergriffen erfahren, weil Informationen gar nie zu ihnen gelangten, so Janin. Als er das Korps verliess und öffentlich über seine Erfahrungen sprach, schrieben Polizeikollegen auf sozialen Netzwerken, er habe die Polizei beschmutzt und solle zu seiner Bande von Zwergschimpansen zurückkehren. «Es gab aber auch Polizisten, die mir zum Entscheid gratulierten», betont Janin.

«Wir haben die Gefahr vor Überkontrollen verringert.»

Pierre-Antoine Hildbrand, Sicherheitschef der Stadt Lausanne

Was weiss Lausannes Sicherheitschef Pierre-Antoine Hildbrand (FDP) von den Problemen bei der Polizei? Er übernahm die politische Verantwortung über die Polizei nach seiner Wahl im Jahr 2016. Seine Vorgänger gehörten der SP und der Arbeiterpartei an. Hildbrand macht im Gespräch klar: Rassismus duldet er nicht. Über einzelne Fälle will er aber nicht reden. Seine Polizei verteidigt er nicht auf der ganzen Linie, will ihr gegenüber aber auch nicht illoyal auftreten.

Beim Fall Mike Ben Peter verweist er auf das laufende Strafverfahren. Er sagt, es seien schon Polizisten versetzt, mit neuen Aufgaben betraut oder auch mit Lohnkürzungen bestraft worden. Er dementiert, dass die Polizei wegen einer hohen Kriminalitätsrate unter Druck stehe. Diese habe sich seit 2012 mehr als halbiert, so der Freisinnige. Hildbrand hat ein Konzept entwickelt, das den offenen Drogenhandel zum Verschwinden brachte. Die Polizisten müssen von morgens um 7 bis abends um 23 Uhr an festgelegten Stellen das Geschehen auf Strassen und Plätzen kontrollieren. Das hat die Dealer vertrieben und gemäss Hildbrand die «Gefahr vor Überkontrollen» dunkelhäutiger Personen verringert.

Die Stadtpolizei Lausanne liess die im November 2012 verhafteten Schwarzafrikaner minutenlang auf dem Boden sitzen, bevor sie die Männer in Polizeiautos lud und abstransportierte.
Die Stadtpolizei Lausanne liess die im November 2012 verhafteten Schwarzafrikaner minutenlang auf dem Boden sitzen, bevor sie die Männer in Polizeiautos lud und abstransportierte.
Foto: Philippe Maeder (24 Heures)

Der Tod von Mike Ben Peter hat ein schweizerisch-afrikanisches Künstlerkollekiv animiert, die Situation von Afrikanern in Lausanne zu dokumentieren. Es entstand der Film «No Apologies» (Keine Entschuldigungen). Im Film reden ausschliesslich schwarze Menschen. Im Juli wird er in der Deutschschweiz präsentiert. Polizeigewalt sei Teil ihres Alltags, sagen die Hauptdarsteller. Der Waadtländer SVP-Kantonsrat Fabien Deillon forderte von der Kantonsregierung ein Verbot, den Film in Schulen zu zeigen. Doch Lehrer von Genf bis Montreux bauten ihn in Lektionen ein. «Endlich kommen die Betroffenen zu Wort», freut sich Filmemacher Lionel Rupp.

«No Apologies» wird am 1. Juli im Kino Rex in Bern und am 5. Juli im Kino Riffraff in Zürich gezeigt.