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Zürich plant gigantische Klimaanlage, um City zu kühlen

Ingenieure tüfteln daran, das Zentrum im Sommer mit Seewasser zu kühlen und im Winter zu heizen. Das steckt hinter dem 100-Millionen-Plan.

Klimafreundliche Energie aus dem Zürichsee: Das konstant fünf Grad kühle Tiefenwasser machts möglich. Foto: Dominique Meienberg
Klimafreundliche Energie aus dem Zürichsee: Das konstant fünf Grad kühle Tiefenwasser machts möglich. Foto: Dominique Meienberg

Tausende Menschen strömen täglich ins Gebiet zwischen Bahnhofstrasse und Schanzengraben, um einzukaufen, zu arbeiten, für einen Stadtbummel. Ein Drittel aller Zürcher Firmen mit über 500 Mitarbeitern hat hier ihren Sitz. Werktags staut sich der Verkehr und im Sommer die Hitze, denn Klimaanlagen von Geschäften, Büros und Wohnungen sorgen zwar für erträgliche Temperaturen in Innenräumen, blasen aber umso mehr warme Abluft nach draussen. Mit der Klimaerwärmung wird das mehr und mehr zum Problem.

Mit einem Millionenprojekt, «Coolcity» genannt, plant die Stadt nun Abhilfe: In den Büros des Departements der Industriellen Betriebe untersucht ein Team von Energiespezialisten seit rund 18 Monaten, wie sich die Gebäude der Innenstadt mit Wasser aus den Tiefen des Zürichsees im Sommer kühlen und im Winter heizen liessen.

Potenzial ist riesig, vor allem bei der Wärme

Dem über das Jahr konstant fünf Grad kalten Tiefenwasser, das sich im Sommer zum Kühlen eignet, kann nämlich im Winter mit einem Wärmetauscher immer noch genug Wärme entzogen werden, um damit Gebäude zu heizen. Im März sollen die Resultate der Machbarkeitsstudie vorliegen.

Das Interesse vonseiten der Eigentümer ist gross: 80 Prozent haben in einer Umfrage im Sommer 2018 Interesse bekundet, sich dem Verbund anzuschliessen. 270 hatte die Stadt angeschrieben, 75 haben mitgemacht. Projektleiter Reto Burkhart vom EWZ konnte sich in rund einem Dutzend Gebäuden persönlich ein Bild von der Situation machen. Sein Fazit: Auf den Dächern türmen sich die Ventilatoren der Kühlaggregate, im Keller ist oft nicht genügend Platz für eine ­klimafreundliche Wärme- und Kälteerzeugungsanlage.

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Weil schon in naher Zukunft ein Ersatz der bestehenden Öl- oder Gasheizung nur noch erlaubt sein dürfte, wenn gleichzeitig die Wärmedämmung der Liegenschaft verbessert wird, ist ein Umstieg auf umweltfreundliche Energie aus dem Zürichsee für die meisten Eigentümer eine attraktive Option.

Für Michael Baumer (FDP), Vorsteher der Industriellen Betriebe, ist es ein wichtiger Schritt in der Transformation zu einer nachhaltigen Energieversorgung. «Die vielen Klimaanlagen auf Dächern und an Fassaden sind nicht nur optisch, sondern auch energiepolitisch unschön.»

Mit Seewasser ganze Quartiere kühlen und heizen, das machen schon andere Städte, etwa Baar. In Zürich ist die Lösung auch für das Hochschulgebiet angedacht. Das Potenzial ist riesig, vor allem bei der Wärme, weshalb in den vergangenen Jahren einige Anlagen entstanden sind: Der Dorfkern von Uetikon am See zum Beispiel wird mit Wärme aus dem Zürichsee versorgt, geplant ist das auch in Thalwil. In der Stadt Zürich sind seit 2003 vier Seewasserverbunde entstanden. In der Innenstadt werden bereits das Stadthaus und nahe Büro­gebäude so beheizt und gekühlt, ebenso der ZKB-Hauptsitz.

In der dicht bebauten, von Verkehrsadern und Versorgungsleitungen durchzogenen Innenstadt mehrere solche Zentralen zu errichten, macht das Vorhaben allerdings nicht einfacher. Im Vordergrund stehen bei den Standortabklärungen deshalb Gebäude, bei denen bereits eine Sanierung geplant ist. «Im Untergeschoss lässt sich dort möglicherweise eine solche einrichten», sagt Projektleiter Burkhart. Es sind aber auch Zentralen unter Plätzen oder Freiflächen denkbar.

Der Bau der Leitungen soll möglichst zusammen mit Belags- oder Leitungssanierungen stattfinden, um Verkehr und ­Anwohner nicht übermässig mit Bauarbeiten zu belasten. Burkhart rechnet deshalb erst ab 2030 mit der schrittweisen Inbetriebnahme des Verbunds.

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Die Kosten für «Coolcity» liegen im dreistelligen Millionen­bereich. Nähere Angaben wollen Baumer und Burkhart nicht machen, bevor im März die Machbarkeitsstudie vorliegt. Nur so viel: Der Verbund muss wirtschaftlich sein. Weil mit den Kunden Verträge über 30 Jahre abgeschlossen werden sollen, könnten die Inves­titionen allerdings über eine ­lange Zeitspanne abgeschrieben werden.

Wegen der hohen Kosten wird eine Volksabstimmung nötig sein; die Ausgabenkompetenz des Parlaments von 20 Millionen Franken wird deutlich überschritten und auch der Rahmenkredit von 200 Millionen für Energiedienstleistungen wäre bald erschöpft. Der Vorsteher der Industriellen Betriebe kann einer Abstimmung aber entspannt entgegensehen. Die Zürcher schrecken vor Investitionen in die Energieinfrastruktur erfahrungsgemäss nicht zurück, auch wenn diese teuer sind: Die 129 Millionen für den Energieverbund Alt­stetten-Höngg haben im Sommer 88 Prozent der Abstimmenden gutgeheissen.

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