«Wie erfolgreich man ist, hängt vom Ort der Geburt ab»

Wer eine Insel des Wohlstands aufrechterhalten wolle, könne dies nur mit Krieg tun, sagt Schriftsteller Ilija Trojanow.

Ilija Trojanow im Interview.

Ilija Trojanow im Interview. Bild: Caro/Waechter

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Herr Trojanow, Sie sagen, es habe seit jeher ein Zusammenfliessen der Kulturen gegeben. Die These vom «Clash of civilizations» sei Unsinn. Die Ängste sind aber grösser denn je.
Mit der These vom Zusammenprall der Kulturen kann man eine Politik der Angst betreiben, um von den echten Problemen abzulenken. Die These hat aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Es ist vielmehr Realität in Europa, dass es keine kulturelle Entwicklung gibt ohne intensive Begegnung und Vermischung von Kulturen.

Inwiefern?
Ein Beispiel dafür ist der Mittelmeerraum, der Europa geprägt hat. Was wir vereinfachend als Abendland bezeichnen, ist das Resultat einer Vielzahl von kulturellen Einflüssen, die über den Mittelmeerraum stattgefunden haben. Das Mittelmeer war über Jahrhunderte eher eine Brücke als eine Grenze.

Welche Einflüsse waren denn prägend für Europa?
Die islamische Philosophie hat über Jahrhunderte hinweg zu einer Förderung des kritischen und wissenschaftlichen Denkens in Europa geführt – genau das Gegenteil von dem, was heute stattfindet. Das zeigt, dass unsere Wahrnehmung des Fremden immer auf einer Momentaufnahme beruht. Kulturelle Identitäten sind etwas sehr Dynamisches.

Unser Bild vom Islam ist demnach nur ein vorübergehendes?
Dem ist so. Unser Bild vom Islam unterliegt Konjunkturen. Es hat stets zwischen Phasen der Faszination, der Exotisierung, der Bewunderung und der Verachtung abgewechselt.

Gibt es weitere Beispiele für den Wandel in unserer Wahrnehmung des Fremden?
Ein Beispiel aus dem Alltag ist das Kulinarische. Vor ein paar Jahrzehnten gab es eine unglaubliche kulinarische Monokultur in der Schweiz und in Deutschland. Das hat sich grundlegend verändert. Und wir akzeptieren das, weil es eine schöne Erweiterung des Angebots ist. Dabei wird das Kulinarische aus der Frage der kulturellen Identität ausgeklammert. Auch Nationalisten gehen zum Thailänder essen. Niemand will mehr in die Zeit zurück, als es überall Kotelett mit einer Einheitssauce gab.

Was gefällt, wird integriert?
Genau. Aber nationale Identität hat immer etwas Opportunistisches, weil sie ein Konstrukt ist. Und Konstrukte sind immer abhängig von bestimmten Interessen und Machtverhältnissen. Sie haben wenig zu tun mit den tatsächlich gelebten Beziehungen.

Ihr erstes Werk handelt von Flucht. Dort steht der Satz: «Und wer hat es gern, Unsicherheit aufzunehmen. In Zeiten, in denen ein Bürgerrecht auf totale Sicherheit eingeklagt wird.» Was heisst das heute?
Das ist ein wichtiges Zitat für mich. Die moderne Gesellschaft verspricht den Bürgern wohlhabender Länder, dass die unzähmbaren Naturgewalten, dass Krankheiten und selbst das Schicksal durch Gesetze, soziale Netzwerke und Versicherungen reguliert werden können. Dieses Versprechen kollidiert heute mit dem Zusammenbruch der jahrhundertelangen Dominanz Europas. Europa hat seit dem Kolonialismus und Imperialismus eine enorme Entwicklung erlebt. Heute aber geraten die europäischen Staaten allmählich ins Hintertreffen. Die Bürger Europas müssen akzeptieren, dass die Tage ihrer Vorherrschaft und ihrer Privilegien vorbei sind.

Wie meinen Sie das?
Es ist einer der Mythen des Kapitalismus, dass man durch Leistung aufsteigen kann. Das gilt aber nur für einen kleinen Teil der Menschheit. Wie erfolgreich man ist, hängt zu 80 Prozent vom Ort der Geburt ab. Wenn Sie als fleissiger und begabter Journalist in Katanga leben müssten, hätten Sie extreme Schwierigkeiten, eine Karriere wie in der Schweiz zu absolvieren. Wir müssen aber akzeptieren, dass in einer globalisierten Welt die ganze Welt an Wohlstand und Mitbestimmung teilhaben muss. Die Alternative wäre das Errichten von Mauern überall und Krieg. Wer eine Insel des Wohlstands aufrechterhalten möchte, kann dies auf Dauer nur mit Mitteln der Gewalt tun.

Sind die Menschen in den reichen Ländern nicht auch durch Digitalisierung und Angst vor Arbeitsplatzverlust verunsichert?
Klar. Das Fremde wird stets als Vogelscheuche aufgebaut, um von den tatsächlichen Ängsten abzulenken. Soziale Ängste sind heute dominant. Sie werden internalisiert, weil Arbeit gegenüber Kapital zunehmend benachteiligt wird. Bei Lesungen an Schulen erlebe ich, wie viel grösser als früher die Ängste junger Menschen sind, überhaupt einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Vor dreissig Jahren haben wir als junge Menschen überhaupt nicht darüber nachgedacht. Es ist infam, wie die Rechtspopulisten diese Ängste ausnutzen und den Flüchtlingen die Schuld für diese Ängste in die Schuhe schieben wollen. Dabei verfolgt die neue Rechte eine durch und durch neoliberale Wirtschaftspolitik, die für diese Missstände verantwortlich ist.

Wie müsste die etablierte Politik darauf reagieren?
Ich sehe bei keiner der sogenannten Volksparteien die Absicht, die sozialen und ökologischen Probleme anzugehen. Die Mitte politisiert seit Jahrzehnten unverändert. Hier herrscht der totale Stillstand. Und an den Rändern haben wir eine pseudo-rebellische rechte Bewegung, die nur im kulturellen Bereich Radikales verkündet, aber in den entscheidenden ökonomischen und sozialen Bereichen den Status quo fortführen will. Es gibt einen Mangel an Alternativen im politischen Spektrum.

In Ihrem neuen Buch wird Ankunft als «Utopie aller Geflüchteten» bezeichnet. Was gehört denn dazu? Wie kann Integration klappen?
Integration ist nicht Ankunft. Ankunft ist für den Geflüchteten eine Utopie, weil es eine endgültige Ankunft nicht gibt. Es ist ein dynamischer Prozess. Es gibt nie den Moment, wo jemand sagen kann: Jetzt bin ich hier und schliesse die Tür zur Vergangenheit.

Sie sind im Alter von sechs Jahren mit der Familie aus Bulgarien geflüchtet. Warum kommen Sie in Ihren Werken stets auf die bulgarische Herkunft zurück?
Das kann ich nicht sagen. Ich weiss es nicht. «Mensch kann immer nur der andere dich nennen», lautet ein Sprichwort der Shona in Zimbabwe.

Sie haben den Begriff des «Fremdkehrers» geprägt für denjenigen, der nach langer Abwesenheit ins Land seiner Herkunft zurückkehrt.
Wenn jemand lange weg ist, wird sein Bild vom Land der Herkunft nie aktualisiert. Er ist also auch dort ein Fremder. Er ist ein Fremder, der sich einbildet, die alte Heimat sei ihm vertraut. Das gilt übrigens auch für Leute, die nicht geflüchtet sind. Neulich kam ein Zuhörer nach einer Lesung in einer Kleinstadt zu mir und wies auf eine Beule auf seiner Stirn. Er sagte, er habe viele Jahre lang in Berlin gelebt und sei wegen seiner kranken Mutter wieder zurückgekehrt. Dabei habe er sich sofort den Kopf angeschlagen. Er habe vergessen, wie es in der Provinz aussieht. Es wird oft unterschätzt, dass eine der intensivsten Entfremdungen jene von dem ist, was uns scheinbar vertraut ist.

Ein Ex-Stasi-Agent hat Ihr Buch «Macht und Widerstand» ins Bulgarische übersetzt. Die Übersetzung ist voller sinnentstellender Mängel und Fehler. Ist in Ihrer Heimat die Zeit stehen geblieben?
Da kann ich jetzt nicht widersprechen. Aber das ist nicht nur in Bulgarien so. In Russland gibt es eine Rückkehr zum Stalinismus.

Die Literatur ist in Bulgarien auch heute noch derart wichtig, dass sie von den Mächtigen «geschönt» wird?
Ich sehe da nichts Unglaubliches dran. Da geht es um die Verteidigung von Positionen und Interessen. Auch die Selbstzensur der Autoren in Bulgarien funktioniert immer noch. Es gibt keinen anderen Roman in Bulgarien, der sich so klar und kritisch mit dem Thema Überwachung beschäftigt wie «Macht und Widerstand». Immerhin soll er jetzt neu übersetzt werden.

Aus Schweizer Sicht fällt es einem schwer, sich vorzustellen, dass das System in Bulgarien hinter den neuen Kulissen gleich geblieben ist.
Das ist auch aus Schweizer Sicht nicht unglaublich. Ich kann mich gut erinnern, dass alle erstaunt waren, als Max Frisch seine Überwachung durch den Schweizer Nachrichtendienst thematisiert hat.

Sie bezeichnen sich als Weltenbürger, gelten aber als deutscher Schriftsteller. Was sind Sie?
Ich schreibe auf Deutsch und von daher bin ich in der deutschen Sprache angekommen. Die deutsche Sprache begleitet mich überall hin.

Die britische Premierministerin Theresa May hat «Weltenbürger» mit «citizen of nowhere» gleichgesetzt.
Der Begriff ist völliger Blödsinn, weil er ein Widerspruch in sich ist. «Citizen» heisst Bürger und als Bürger muss man Teil einer Burg sein. Wer allein in der Sahara lebt, kann kein Bürger sein. Ich verstehe mich als Kosmopolit. Als solcher bin ich der «Polis», der Gemeinde, verpflichtet, in der ich lebe. Von der Haltung her bin ich aber dem «Kosmos», dem Ganzen zugetan. Ich weigere mich, Unterschiede zwischen «wir» und den «anderen» zu akzeptieren, weil diese Unterschiede unweigerlich zu Gewalt führen. Das Trennende ist nur eine Oberflächlichkeit, eine Zufälligkeit des Augenblicks. Die universellen Menschenrechte sind unteilbar.

Vorhin haben Sie aber gesagt, dass das Wohlergehen des Einzelnen vom Ort der Geburt abhänge.
Dem ist leider so, ja. Ich war neulich in Sierra Leone. Dort werden Hunderttausende von Menschen ständig entwurzelt wegen Bergbau oder Land Grabbing. Wo bleibt denn das Recht auf ein verwurzeltes Leben im Kapitalismus? Die Vorstellung einer heilen, unbeschädigten Idylle von Heimat ist innerhalb dieses Systems nicht zu haben. Der Kapitalismus verlangt Flexibilität, er verlangt Dynamik und zerstört althergebrachte Strukturen und Gemeingüter. Daraus entsteht bei vielen eine Sehnsucht nach etwas, das es innerhalb dieses Systems gar nicht geben kann. Anstatt Mauern zu bauen, müssten diese Leute das System bekämpfen.

In der Schweiz geschieht da etwas: Zurzeit steht die Konzernverantwortungsinitiative an.
Solche Initiativen sind absolut notwendig. Ähnliche Ansätze werden auch international diskutiert. Aber sie werden sehen, dass diese Initiative an der Macht der Grosskonzerne scheitern wird. Die deutsche Regierung zum Beispiel ist gegen verbindliche Regeln, weil diese die freiwilligen Regelungen schwächen sollen. Das ist das Faszinierende an der Schweizer Demokratie: Es kommen immer wieder Forderungen auf, die zeigen, wie greifbar und praktisch utopisches Denken sein kann.

Die zuständige Kommission des Nationalrats lehnt die Initiative ab, weil sie den Wirtschaftsstandort Schweiz schwäche.
Dieses Argument ist ethisch unsinnig. Das wäre so, als würde man ein Gesetz gegen Massenmord unterbinden, weil es der Massenmörder-Industrie schaden könnte. Man kann nicht die Frage nach dem Schutz der Würde des Einzelnen mit Wirtschaftsinteressen verkoppeln. Wer das tut, handelt amoralisch und zynisch. Das System ist also nicht reformierbar. Man muss es stürzen? Na ja. Initiativen sind ja nicht der einzige Weg, um das System zu reformieren. Es gibt eine breite Palette von Widerstandsformen. Aber das Problem ist die unglaubliche Lähmung der Gesellschaft. Es gibt viele Leute, die frustriert, verärgert und verzweifelt sind. Sie können diese Unzufriedenheit aber nicht übersetzen in eigenes politisches Handeln.

Die Leute können ja wählen.
Wählen ist keine aktive Teilhabe. Erst bei einem konkreten Engagement muss man seine vage Unzufriedenheit in ein Projekt umsetzen. Da wird es spannend. Das geht über Floskeln und Allgemeinplätze hinaus.

Sie leben in Wien, wo bald die FPÖ mitregiert. Vor 17 Jahren gab es noch eine grosse Empörung dagegen. Heute hört man nichts mehr von Widerstand.
Das ist das, was man Tabubruch nennt. Beim ersten Mal gibt es eine grosse Empörung. Beim zweiten, dritten und vierten Mal geschieht nichts mehr. Die Eskalation in den Tweets von US-Präsident Donald Trump ist das krasseste Beispiel für diesen Effekt. Wenn man einen Frosch ins kalte Wasser wirft und dieses ganz langsam erhitzt, merkt der Frosch gar nicht, dass er irgendwann zu Tode kommt. Wenn man den Frosch aber direkt ins heisse Wasser wirft, hüpft er sofort wieder raus. Wir haben uns ans Unzumutbare gewöhnt, weil es uns kaum mehr auffällt. (Der Bund)

Erstellt: 16.12.2017, 08:13 Uhr

Ilija Trojanow

Im Alter von sechs Jahren ist der 1965 geborene Ilija Trojanow mit seinen Eltern aus Bulgarien nach Deutschland geflüchtet. Kurz darauf zog die Familie nach Kenia, wo Trojanow hauptsächlich aufwuchs. Als Autor machte er erstmals Mitte der Neunzigerjahre mit dem Roman «Die Welt ist gross und Rettung lauert überall» von sich reden, in den Erfahrungen der Flucht eingeflossen sind. Längere Aufenthalte in Bombay und Kapstadt und eine Pilgerreise nach Mekka wurden in Romanen, Reportagen und Reisebüchern verarbeitet. Der Roman «Macht und Widerstand» ist eine Aufarbeitung des Wirkens der bulgarischen Staatssicherheit. Zuletzt sind die Notate «Nach der Flucht» erschienen. (bob)

Die gesammelten Samstagsinterviews unter www.samstagsinterviews.derbund.ch

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