«Unser Gehirn ist auf schlimme Einzelereignisse gut eingestellt»

Einmaliger sexueller Missbrauch erhöhe das Risiko psychischer Störungen nicht, sagt der Psychiater Gregor Hasler.

Bild: Ruben Wyttenbach

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Herr Hasler, ein Mann hat Ihnen unter Einfluss von Kokain einst einen lebensgefährlichen Schlag ins Gesicht verabreicht. Wie haben Sie das Erlebnis verarbeitet?
Ich kann mich gut daran erinnern. Es war an einem Karneval in Brasilien. Nach dem Schlag lag ich am Boden. Der Täter, ein englischer Tourist, der viel Kokain konsumiert hatte, machte Anstalten, mich mit Füssen zu treten. Zum Glück hat sich eine Gruppe Brasilianer für mich eingesetzt. Sie hielten ihn fest. Der Mann schrie, dass er mich verfolgen und umbringen wolle. Die Brasilianer haben mich zu einem sicheren Ort begleitet. An den Täter kann ich mich nicht mehr gut erinnern. Sehr wohl aber an den Mann, der mich gerettet hat.

Hat dieses Ereignis Ihre Haltung als Psychotherapeut beeinflusst?
Ja. Zur gleichen Zeit besuchte ich einen Kurs in humanistischer Psychotherapie. Ein Gebet von Fritz Pearls (1893–1970), einem der Mitbegründer dieser Psychotherapie, fasst deren Haltung zusammen. Es beginnt so: «Ich lebe mein Leben, und du lebst dein Leben. Ich bin nicht auf dieser Welt, um deinen Erwartungen zu entsprechen.» Wenn alle Karnevalbesucher diese individualistische Ideologie verfolgt hätten, würde ich vermutlich nicht mehr leben. Mein Buch «Resilienz: Der Wir-Faktor» ist unter anderem eine Kampfansage an diese Art von Individualismus.

Im Buch setzen Sie sich kritisch mit der Traumaforschung auseinander. So schreiben Sie, dass der Zusammenhang zwischen Kriegserfahrung und Suizidrisiko bei Irakveteranen geringer ist als ursprünglich angenommen. Wie kommen Sie darauf?
Unser Gehirn ist evolutionär auf schlimme Einzelereignisse gut eingestellt. Brände, Überschwemmungen und Angriffe durch Tiere haben die Menschheit seit je geprägt. Wir sind aber schwach, anhaltenden sozialen Stress auszuhalten, zum Beispiel Arbeitslosigkeit und Vereinsamung. Bezogen auf die Kriegsveteranen in den USA, bedeutet dies, dass für sie weniger die im Krieg erlebte Gewalt wichtig ist, sondern das, was sie nach dem Krieg erleben.

Es ist ein Privileg der Reichen, geografisch immobil zu sein.

Warum sind denn Kriegsveteranen psychisch oft derart gestört?
Viele US-Soldaten sind bereits vor dem Eintritt in die Armee psychisch gestört. Studien mit Veteranen des Irakkrieges zeigen, dass es weniger die Gewalt im Krieg als die fehlende soziale Unterstützung und Integration nach dem Krieg ist, die den Soldaten zu schaffen macht. Die Suizidrate nimmt zu, wenn die Soldaten aus der Armee ausgetreten sind. Die Amerikaner sind zwar stolz auf ihre Soldaten. Aber nach dem Krieg will man nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Ex-Soldaten in den USA sind viel schlechter integriert als englische Soldaten. Amerikanische Veteranen können sich nicht in ihr Dorfpub zurückziehen, weil es dieses Pub meist nicht mehr gibt.

Aber jedes Kind kennt doch die posttraumatische Belastungsstörung?
Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine reale Krankheit. Im Kern ist sie eine Gedächtnis- und Bewusstseinsstörung. Erinnerungen an ein gewaltsames Ereignis drängen sich ins Bewusstsein. Die Erinnerung ist oft verzerrt. Das geschieht fast nur bei Personen, welche die Erinnerung an das Trauma vermeiden wollen. Die Prognose ist meistens gut. Aktuell wird die Diagnose aber zu häufig gestellt. Jede Verstimmung, die mit einem schlimmen Ereignis oder einer traurigen Erinnerung zusammenhängt, wird von gewissen Fachleuten als posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet.

Zurzeit sind Missbrauchstraumata ein grosses Thema. Viele Prominente bekennen, Sie seien in der Kindheit missbraucht worden? Was ist davon zu halten?
Diese Bekenntnisse sind eindrücklich. Sie sind ein wichtiger Beitrag zur Verhinderung von sexueller Gewalt und emotionalem Missbrauch. Oft sind diese Berichte aber auch Berichte über Isolierung und Entwurzelung. Der letztes Jahr erschienene Roman «Hunger» der US-Schriftstellerin Roxane Gay zum Beispiel ist nicht nur die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs, sondern auch die Geschichte einer Familie, die jährlich umzieht, um ihren ökonomischen Wert zu maximieren.

Sie bezeichnen in Ihrem Buch die geografische Mobilität als wichtigen Stressfaktor, der als solcher aber oft vertuscht werde. Warum sollte er vertuscht werden?
Neuere Studien zeigen, dass die geografische Mobilität ein wichtiger Killer von Resilienz ist. Sie schwächt genau die sozialen Bindungen, die für unsere psychische Widerstandskraft wichtig sind, nämlich die Beziehungen zu geografisch nahen Personen. Jugendliche, die mehrfach umziehen müssen, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, gegen sich oder andere Gewalt anzuwenden. Der Effekt ist deutlich grösser als die Folgen eines einzelnen Gewaltereignisses auf die Psyche. Darüber wird kaum gesprochen. Amerikanische Autoren eines neuen sozialpsychiatrischen Lehrbuches haben mir bestätigt, dass geografische Mobilität als Risikofaktor für psychische Störungen in den USA ein Tabu sei.

Für religiöse Menschen gibt es immer eine Erklärung.

Zum Glück ziehen die Schweizerinnen und Schweizer selten um.
Ja. Die Menschen zügeln zwar oft, aber meist im gleichen Kreis – von einer Wohnung im Breitenrain in eine andere. Daher sind die Menschen vergleichsweise psychisch gesund – entgegen dem Ruf der Schweizerinnen und Schweizer.

Sie waren zu Forschungszwecken in den USA. Wäre es für Ihre Karriere nicht förderlicher gewesen, in den USA zu bleiben?
Vermutlich schon. Ich war drei Jahre in den USA, habe es aber nicht länger ausgehalten. Ich war in Washington D.C., dann hiess es, ich müsse weiter nach Chicago oder San Diego, wenn ich forschungsmässig am Ball bleiben wolle. Da habe ich gemerkt, dass ich das nicht will und kann. In einem solchen Umfeld erhält die Kernfamilie eine übermächtige Bedeutung. Die kleinsten Eheprobleme werden zu grossen Stressoren.

Die erwähnten Missbrauchstraumata wurden im Zuge der #MeToo-Bewegung publik. Was halten Sie von dieser Bewegung?
Das ist eine enorm wichtige Bewegung. Sexuelle Gewalt an Abhängigen ist mit oder ohne psychiatrische Erklärung verabscheuungswürdig. Tragisch ist, dass die #MeToo-Bewegung psychiatrische Erklärungsmodelle braucht, damit sie überhaupt gehört wird.

Aber sexueller Missbrauch führt doch immer zu psychischen Störungen?
Nein. Einmaliger sexueller Missbrauch erhöht das Risiko psychischer Störungen bei sozial gut integrierten Opfern nicht. Zu diesem erstaunlichen Ergebnis ist eine grosse amerikanische Studie gelangt. Der US-Kongress hat aber entschieden, dass dem nicht so sein darf, und die Publikation verboten. Wenn solche Daten verwendet werden, um Gewalt und Missbrauch zu rechtfertigen, ist es tatsächlich besser, solche Studienergebnisse zu verbieten. Für viele Opfer ist es aber auch gut, zu wissen, dass Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit das Trauma überwinden können.

Sind die USA eine potenziell gewalttätigere Gesellschaft?
Das dürfte zutreffen. Gewalt ist ein Zeichen von Beziehungslosigkeit. Arbeitnehmer in den USA müssen ihrer Firma oft nachziehen. Dadurch sind sie nicht nur beruflich, sondern auch sozial völlig abhängig von der Firma. Das kann schon eine grössere Gewaltbereitschaft erzeugen. Depressionen sind in den USA übrigens viel häufiger als bei uns. Auch die Suizidhäufigkeit steigt dort an – im Gegensatz zur Schweiz.

Macht der Föderalismus in der Schweiz glücklich?
Studien des Zürcher Ökonomen Bruno Frey sprechen dafür. Er belegte dies anhand von Unterschieden innerhalb der Schweiz. Im förderalistischen Appenzell gibt es weniger Depressionen als im zentralistischen Genf.

Macht der Kapitalismus krank?
Nein, nein. Aber Stress und Angst sind ein Stück weit der Preis, den wir für unsere Autonomie und Flexibilität bezahlen. Der Kapitalismus hat aber auch Vorteile. So kennt er in Reinform keine soziale Diskriminierung. Man nimmt die Leistungsfähigsten und lehnt Arbeitskräfte nicht wegen ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts ab.

Sie sagen aber auch, dass Einkommensunterschiede unglücklich machten. Dann wären die Menschen in der DDR glücklich gewesen? Das klingt eher unglaublich.
In der DDR waren die Menschen womöglich gelangweilt, weil es kein Unternehmertum, keine freie Forschung und keine freie Kunst gab. Sie waren aber psychisch relativ gesund. In der Schweiz passt die Mischung aus staatlichen Eingriffen und Freiheit aber wohl am besten: Hier gibt es einen gesetzlich gedämpften Kapitalismus ohne grosse geografische Mobilität. Heute gehört es zum Privileg der Superreichen, geografisch immobil zu sein.

Grossen Einfluss auf die Widerstandsfähigkeit hat wohl auch die Religion. Macht Religion widerstandsfähig?
Ja. Es kommt darauf an, welche Bedeutung man Schicksalsschlägen gibt. Wer glaubt, dass alles, was passiert, von Gott kommt, hat einen guten Stressschutz.

Im «Bund» hat jüngst jemand erzählt, er sei nur deshalb bei einem Unfall verschont worden, weil er von Gott bewahrt worden sei.
Wäre er verletzt worden, hätte er es als Prüfung Gottes gesehen. Für religiöse Menschen gibt es immer eine Erklärung. Religiöse Systeme wirken sich daher psychisch stabilisierend aus. Sie verwandeln unberechenbaren und zufälligen Stress in sinnvollen Stress. Für viele Menschen heute gibt es Bedeutung aber nicht mehr «einfach so». Sie muss erarbeitet werden.

Wie wird man psychisch robust?
Wichtig sind positive Ereignisse und die Fähigkeit, diese auch zu sehen. Zudem propagiere ich eine gewisse Fadheit. Ein gutes Leben ist nicht ein Leben mit möglichst intensiven Gefühlen. Psychische Widerstandskraft hat schon auch mit Selbstkontrolle zu tun. Es geht zum Beispiel darum, wie man auch im Kleinen Freude empfinden kann. Es kann doch nicht sein, dass man dauernd gestresst ist im reichsten Land der Welt.

Wie kann man mangelnde psychische Widerstandskraft therapieren?
Es ist wichtig, Ziele und Pläne im Leben zu haben. Ferner ist die Präsenz von Bezugspersonen wichtig, die in der Nähe wohnen. Neue Psychotherapiestudien belegen, dass das aktuelle Umfeld, die jetzigen sozialen Beziehungen, wichtiger ist als die Kindheit. Religion kann man nicht einfach aus dem Hut schütteln, das wäre vermutlich auch nicht gut. Eine demütige und dankbare Lebenshaltung hilft aber, resilient zu bleiben. Auch Humor kann vor Stress schützen.

Soziale Beziehungen sind wichtiger als die Kindheit? Was nützen mir denn gegenwartsbezogene Therapien, wenn ich mit mir selber nicht versöhnt bin?
Früher dachte man, man müsse die ganze Kindheit in intensiven Therapien aufarbeiten. Heute hingegen betont man mehr die Selbstversöhnung im Hier und Jetzt.

So löse ich mich aber nie von den Eltern ab.
Auf eine Art eben schon. Wenn ich in einer klassischen Therapie Fehlentwicklungen in der Vergangenheit verstehe, beeinflusst dies mein Verhalten in der Gegenwart nicht unbedingt. Erst als Therapeuten anfingen, den Klienten konkrete Verhaltensänderungen vorzuschlagen, ist das gelungen. Bei der Ablösung von den Eltern ist geografische Distanz entscheidend. Man muss nicht gerade an den Nordpol ziehen, aber in eine Wohnung eines anderen Stadtteils. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Eltern sich von den Kindern ablösen müssen. In diesem Prozess sind die Erwachsenen oft verletzlicher als die Kinder. Der Tod eines Kindes zum Beispiel führt oft zu schwerwiegenden psychischen Problemen.

Wichtig wäre aber doch, dass ein gestresster Klient selber versteht, was er verändern muss?
Psychotherapie sollte immer eine Hilfe zur Selbsthilfe sein. Psychotherapeuten sollten nicht zum Teil des sozialen Unterstützungsnetzes werden. Ihre Aufgabe ist es, dem Klienten zu zeigen, wie er oder sie selber die Resilienz steigern kann. Die Erfahrung, dass man selber etwas bewältigen kann, erhöht die Selbstwirksamkeitserwartungen. Dies ist ein wichtiger psychologischer Resilienzfaktor.

Mit Ihrem Buch wollen sie nun ebenfalls Tipps für ein resilientes Leben geben wie die von Ihnen erwähnten Psychiater?
Jedes Kapitel des Buches basiert aber auf wissenschaftlich fundierten Studien, die zugegebenermassen in Tipps münden – unter anderem: eine gute Selbststeuerung, nicht zu viel umziehen, kein statusorientiertes Leben führen, im Moment leben, dankbar sein und das Positive sehen. (Der Bund)

Erstellt: 09.06.2018, 08:18 Uhr

Gregor Hasler

Der 49-jährige Professor für Psychiatrie und Psychotherapie ist Chefarzt der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD). Im seinem Buch «Resilienz: Der Wir-Faktor. Gemeinsam Stress und Ängste überwinden» (Schattauer Verlag) sucht Hasler Antworten auf die Frage, warum die psychische Widerstandskraft abnimmt, obwohl der Stress seit der Zwischenkriegszeit nicht zugenommen hat.

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