Tränen, Küsse und kleine Sensationen

Leuthard macht es noch einmal, Z’graggen sagt Adieu, und irgendwo knutscht das berühmteste Paar der Schweiz. Eindrücke von den Bundesratswahlen.

Die Wahl ist durch: Das letzte Politbüro dieses Jahres, vom Bundesplatz in Bern. Video:

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Es fällt einem erst jetzt auf, acht Jahre später: Das Genre der Johann-Schneider-Ammann-Witze ist tot. Erledigt hat das unser ehemaliger Wirtschaftsminister gleich selber. Da ist einfach kein Raum mehr für Frotzeleien über mäandrierende Hauptsätze oder seinen berühmten Jobs-Jobs-Jobs-Singsang (ein Schneider-Ammann-Standard), wenn der Mann selber seine Reden routinemässig mit einem Witz über sich selber beginnt.

Entwaffnend ist das und im Fall seiner gestrigen Abschiedsrede: sogar richtig gut. «Wenn Sie mich fragen, was mein Lieblingsmöbel ist, käme mir bestimmt kein Rednerpult in den Sinn.» Heiterkeit im Saal und Heiterkeit im Internet, wo der «Witz des Jahres» (Quelle: diverse Medienportale) so häufig wiederholt wurde, bis auch das letzte kleine herzige Fünklein Originalität fachgerecht zur Strecke gebracht war.

Frau des Herzens

Es war eine unterhaltsame Rede, und es war eine der politischsten, die Schneider-Ammann in seiner Karriere als Bundesrat gehalten hat. Nach seinen Scherzen ging es um das liebste Thema des Bundesrats. Weniger Regeln, weniger Verbote, mehr Deregulierung. Auch das ein Schneider-Ammann-Standard, sehr überzeugend vorgetragen.

Emotionaler Abschied: Doris Leuthard spricht zum letzten Mal im Parlament. Video: SDA

Kurz davor war schon einmal Heiterkeit im Saal, verantwortlich dieses Mal Nationalratspräsidentin Marina Carobbio. Sie verlas ihre sorgfältige Würdigung von Umweltministerin Doris Leuthard und sagte dann – es ging um das grosse Detailwissen der Bundesrätin –, dass Leuthard während ihrer Arbeit nie emotional geworden sei. Es dauerte einen Moment, bis der Saal den Satz richtig zu fassen bekam, die betont unschuldigen Gesten von Leuthard waren hilfreich, und dann: grosses Gelächter. Die Leidenschaft und Emotionalität von Leuthard sind eben auch ein Standard im Bundeshaus, «Frau des Herzens» nannte sie Carobbio in ihrer Rede. Sie sei nahe am Wasser gebaut, sagte Leuthard selber kürzlich in einem Dokumentarfilm, und tatsächlich waren da Tränen nach ihrer Abschiedsrede, just im Moment, als sie ihrem Mann Roland Hausin auf der Tribüne dankte, der das alles ausgehalten habe.

Gute Erfahrung, grosse Erfahrung, wichtige Erfahrung, schöne Erfahrung, sagte Z’graggen.

Keine Tränen, man entschuldige die plumpe Überleitung, gab es bei den zwei unterlegenen Kandidaten dieser Bundesratswahlen. «Wenn niemand aufsteht, dann steht der Hans Wicki auf», sagte der Hans Wicki nach seiner erwartet deutlichen Niederlage gegen Karin Keller-Sutter. Seine Kandidatur sei ein einmaliges Angebot für die Schweiz gewesen. «Ich bin der Take-it-or-leave-it-Typ», sagte Wicki und und liess sich danach von der angereisten Nidwaldner Delegation für seine Kandidatur feiern.

Ebenfalls recht entspannt reagierte Heidi Z’graggen auf ihre Niederlage gegen Viola Amherd. In jedes hingestreckte Mikrofon im Bundeshaus (und das waren deutlich mehr, als es Witze über Schneider-Ammann gibt) variierte sie den gleichen Satz in unendlicher Form. Gute Erfahrung, grosse Erfahrung, wichtige Erfahrung, schöne Erfahrung. Das Bundeshaus scheint ihr gut zu gefallen, eine Rückkehr als Ständerätin ist nicht auszuschliessen. Als sie danach ins Bundeshaus Ost entschwand, verabschiedete sie sich gut hörbar mit «Auf Wiedersehen». Wir sind ziemlich sicher, dass das kein akustisches Missverständnis war.

Als Heidi Z’graggen sich vorübergehend aus der Bundes­politik verabschiedete, zeigte die Uhr übrigens erst 10.30 Uhr am Vormittag an, und das Hauptgeschäft des Tages war bereits erledigt. Auf dem Bundesplatz formierten sich die angereisten Schlachtenbummler aus den Bergen und den St. Galler Voralpen, schwangen Kuhglocken und warfen Fahnen in die Luft. Bundesratswahlen sind immer auch gelebte Folklore. Freudige Tage, an denen die Zeit zwischen dem ersten Kaffee und dem ersten Glas Fendant nicht für grosse Sprünge reicht und auch nicht für kleine.

Not happy

Es sind schöne Zeiten für glückliche Bundesrätinnen. Die glücklichsten. Die «NZZ am Sonntag» erinnerte kürzlich an Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, der gesagt haben soll: «Es gibt nur zwei glückliche Phasen im Leben eines Bundesrats: jene zwischen seiner Wahl und dem tatsächlichen Amtsantritt. Und die Zeit nach der Rücktrittserklärung, während der er aber noch im Amt ist.»

Leider fehlen ähnliche Lebensweisheiten von früheren Bundeskanzlern. Der breiteren Öffentlichkeit ist darum bisher verborgen geblieben, wann die Männer und Frauen im Hintergrund der Bundesrätinnen und Bundesräte so richtig glücklich sind. Einen kleinen Hinweis gab gestern Walter Thurnherr, der noch am Tag vor der Wahl von der NZZ grossflächig porträtiert wurde und dabei ganz entspannt an einem Grüntee nippte (so der Text).

Tamy Glauser an der «Nacht der langen Messer»: Die Freundin von Dominique Rinderknecht genehmigte sich einen Drink im Bellevue. Video: Anja Ruoss, Nicolas Fäs

Am Tag der Wahl war es dann vorbei mit der Entspannung. Thurnherr, der CVP-Schattenbundesrat, der während der vergangenen Wochen stets als Alternative zum offiziellen Ticket seiner Partei über den Dingen schwebte, manchmal bedrohlich, manchmal ganz leicht, empfing die neu gewählten Bundesrätinnen zum ersten Fototermin. Und schaute dabei drein, als hätte ihm eben jemand einen wirklich schlechten Witz erzählt. Die Arme überkreuzt, die Lippen zusammengepresst, die Backen aufgeblasen. Not happy.

Promifaktor

Sehr happy dagegen (schon wieder so eine Überleitung, sorry): Dominique Rinderknecht und Tamy Glauser, «Tamynique», das aufregendste und glamouröseste Paar der Schweiz. Die beiden waren während dieser Bundesratswahlen so präsent wie früher Sven Epiney zu seinen schlimmsten Zeiten: immer. Das Paar war auf Einladung der Grünen an der Nacht der langen Messer im Hotel Bellevue und während der Wahl im Bundeshaus. Es gab dabei mindestens so viele Interviews wie Heidi Z’graggen (und deutlich mehr als Hans Wicki) und verlieh dem Bundeshaus einen Promifaktor, den es sonst selten hat. Also nie.


Video: Leuthard lacht, Parmelin ist wütend – die Computeranalyse

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 22:10 Uhr

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