War was? Wie SRF eine Sendung über sich selber machte

In der Schweiz endet auch die grösste Hysterie meistens so wie dieser Sonntag im TV-Studio Leutschenbach: sehr unaufgeregt.

Doris Leuthard äussert sich zu den Plänen der SRG. Video: Tamedia/SDA

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Die Deutschen können es kaum fassen. Also so würden sie das nie machen, wirklich nicht. Wie können die nur?

Es ist der Sonntag der Entscheidung, D-Day für die SRG, ein schöner Wintertag, an dem das Ende der Zwangsgebühren eingeläutet werden soll, wie ein ­No-Billag-Befürworter am Morgen noch voller Hoffnung twittert. Das Tram zum Fernsehstudio ist brechend voll, aber die Leute wollen ins Hallenstadion, Art on Ice zeigen sie da, nicht in den Leutschenbach, wo sie heute nur eine Sendung über sich selber machen.

Doch noch ist es nicht so weit. In der hübsch gestylten Lounge des Fern­sehens (Sparpotenzial?) haben die Kollegen von SRF den Kollegen von den privaten Medien Sandwichs aufgetischt, einmal Schinken, einmal vegetarisch. «Bekommen die vom ‹Blick› daheim nichts zu essen?», wird sich später ein SRF-Mensch fragen, aber das sagt er ­natürlich erst, als die Leute vom «Blick», wohlgenährt nun, wieder weg sind.

Mit einem Sandwich in der Hand sitzt man dann also in der Lounge und wartet auf etwas Politik. Vor der ersten Schaltung ins Abstimmungsstudio um 12 Uhr darf sich allerdings noch Rolf Dobelli durch die Sternstunde Philosophie optimieren, und auf dem Zwei zeigen sie ein Skirennen, denn Fussball spielen sie erst am Nachmittag. Es ist die Kombination der Frauen in Crans-Montana, und die Stimme des Moderators wird bei der Nummer 25 genau jenen Tick höher, der einem anzeigt, dass jetzt eine Läuferin aus dem Goms oder dem Diemtigtal am Start ist und es wichtig wäre, dass sie schon im oberen Streckenteil «zuefahrt».

Wie kann man nur?

Dann ist es 12 Uhr, Urs Leuthard begrüsst die Schweiz und erlaubt sich ­jenen subtilen Scherz, den die Deutschen, ein Kamerateam des Medien­magazins Zapp, nicht begreifen wollen. Warum redet der nicht über No Billag? Um was geht es da? Leuthard lächelt süffisant, sagt etwas über einen «spannenden Abstimmungssonntag» und beginnt über die Abstimmung zur Finanzordnung zu sprechen. Ha! Die arme Finanzordnung, so wichtig und so unbeachtet.

Und ähnlich deutlich entschieden wie No Billag. Exakt um 12.04 Uhr lässt Leuthard die Luft aus dem Abstimmungssonntag. No Billag: chancenlos.

Abstimmung verloren, die Schlacht geht weiter: No-Billag-Initiant Olivier Kessler. Video: Tamedia-Webvideo / SRF

Die folgende Berichterstattung über das eigene Unternehmen steht in einem angenehmen Kontrast zur hysterisch geführten Debatte. Ein Heimkommen. Man weiss, wie das läuft, weil es an einem Abstimmungssonntag von SRF immer so läuft. Im Studio steht jetzt ein neuer Claude Longchamp, der hat keine Fliege, dafür eine schöne Brille und erklärt, warum wir so abgestimmt haben, wie wir abgestimmt haben. Es folgen Schaltungen nach Bern, einmal zu den Gegnern, einmal zu den Befürwortern, und wenn man nicht ganz genau hinhört, ist es durchaus möglich, die beiden Lager zu verwechseln. Ist halt so. Das Resultat ist zu akzeptieren. Jetzt schauen wir weiter.

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Nach zehn Minuten ist eigentlich alles zum Thema gesagt, und man schaltet nun in jene Kantone und zu jenen Korrespondenten, die viel zu selten einen Auftritt im Fernsehen haben. Da wird einem dann erklärt, warum es für die SP in Obwalden schwierig ist, genügend Kandidaten zu finden und warum die Waadtländer über eine obligatorische Zahnversicherung abstimmen. Das alles wird mit einer Ernsthaftigkeit und Lust verbreitet, dass man sich schon fragen kann: Worüber haben wir im vergangenen halben Jahr eigentlich diskutiert?

12.31 Uhr: Es werden 70 Prozent gegen No Billag sein, wahrscheinlich mehr. Fernsehdirektor Ruedi Matter taucht auf, zählt die verbliebenen Sandwiches und schaut tadelnd zu den Leuten vom «Blick». Macht er natürlich nicht, sondern erzählt, man müsse nun bescheidener werden. Auf dem Sender läuft jetzt, da alles entschieden ist, ein Film über ein Skirennen. Untertitel: Wie die SRG die WM zum Spektakel macht. Am Schluss sieht man zwei SRG-Leute, die sich verschämt abklatschen. So viel Euphorie darf heute dann schon sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2018, 19:20 Uhr

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