Wohin die Entwicklungs-Milliarden fliessen

Welche Länder haben im vergangenen halben Jahrhundert am meisten Entwicklungshilfe erhalten? Das sind die Top 10.

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Felix Schindler@f_schindler

69,5 Milliarden Franken hat die Schweiz in den letzten 56 Jahren in die Bekämpfung der Armut in Entwicklungsländern investiert. Das geht aus einer Antwort des Bundesrats auf eine Interpellation des SVP-Nationalrats Andreas Glarner (AG) hervor. Glarner wollte wissen, seit wann die Schweiz Entwicklungshilfe leistet und wie hoch der «Gesamtaufwand zulasten des Steuerzahlers» bis heute war und welche Länder am meisten erhielten.

Indien an der Spitze der Empfängerländer

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), respektive deren Vorläufer, existiert seit 1960 – seither existieren verlässliche Daten. Zuvor hatte die Schweiz während 12 Jahren über verschiedene Departemente Beiträge an UNO-Organisationen bezahlt und bilaterale Hilfe geleistet. Seit 1960 floss der grösste Anteil der Gelder nach Indien, insgesamt 1,8 Milliarden (teuerungsbereinigt) oder 2,6 Prozent des kumulierten Budgets. Seit 1961 engagiert sich die Schweiz in Indien, 2007 wurde die Entwicklungshilfe reduziert, 2010 wurde die Zusammenarbeit beendet. An zweiter Stelle folgt der ostafrikanische Staat Tansania, wo sich die Schweiz mit 1,1 Milliarden Franken engagierte. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt, 28 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Danach folgt Nepal, wohin ebenfalls 1,1 Milliarden Franken überwiesen wurden. In den letzten 25 Jahren habe der Bund in die Entwicklungshilfe und die Grundlagenforschung etwa ähnlich viel investiert und etwa zweieinhalbmal so viel in die Armee.

«Die hohe Summe überrascht mich», sagt Glarner. Derzeit wolle er noch keine Schlüsse aus diesen Zahlen ziehen oder konkrete Forderungen ableiten. Zunächst werde er abklären, welchen Nutzen diese Hilfe hatte. «Ich bin in den Jahresberichten der Deza auf einige Ungereimtheiten gestossen und will nun genauer wissen, wie viel wir ausgeben und wer sich aus diesem Honigtopf bedient», sagt Glarner auf Anfrage. Als «Ungereimtheiten» bezeichnet der SVP-Mann zum Beispiel die Kulturförderung in Entwicklungsländern, namentlich einen afrikanischen Buchsalon oder fahrende Museen in Zentralasien. Auch die Unterstützung einer Organisation, die in 90 Ländern klimafreundliche Landwirtschaft fördert, weckt Glarners Skepsis. Es sei offensichtlich, dass diese Anliegen nur aus ideologischen Gründen unterstützt würden. «Solange irgendwo ein Kind verhungert, sind solche Aktivitäten nicht nachvollziehbar», sagt Glarner.

Schweiz im internationalen Vergleich knapp über dem Mittel

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Glarners Interpellation zielt nicht darauf ab, das Geld für Kulturförderung in den Kampf gegen Hunger umzuleiten. «Ich bin der Meinung, dass man die Entwicklungshilfe kürzen kann.» Die SVP will seit Jahren bei der Entwicklungszusammenarbeit sparen, in der letzten Entwicklungshilfedebatte während der Sommersession forderte sie eine Senkung der Beiträge auf 0,4 Prozent des Bruttoinlandeinkommens, was einer Kürzung von 1,5 Milliarden für vier Jahre entsprach. Die Ratsmehrheit unterstützte jedoch den Antrag des Bundesrats, die Quote bei 0,48 Prozent festzusetzen.

Damit liegt die Schweiz klar hinter der Zielvorgabe der UNO von 0,7 Prozent, zu der sich die Schweiz zu Beginn der 90er-Jahre bekannte. Im internationalen Vergleich liegt die Schweizer Quote knapp über dem Durchschnitt aller Mitgliedsstaaten des OECD-Ausschusses für Entwicklungshilfe (DAC) von 0,41 Prozent. Schweden investiert 1,4 Prozent seines BNE in Armutsbekämpfung, Norwegen 1,05 Prozent und Luxemburg 0,93 Prozent. Auch Dänemark, die Niederlande und Grossbritannien erfüllen das Ziel der UNO. Die Schweiz liegt in dieser Rangliste auf Platz 8 aller 28 DAC-Mitgliedsstaaten.

DerBund.ch/Newsnet

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