Witz, wo bist du?

Wo Doris Fiala klaut, Toni Bortoluzzi betrügt und der fiese Hans-Ulrich Bigler schubst, wird gegen die Altersreform gekämpft. So ein Theater!

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Fabian Renz@renzfabian01

Da stehen sie nun auf der Bühne vor dem Bundeshaus: FDP-Nationalrätin Doris Fiala als aufgebrezelte Businessfrau, SVP-Jungspund Erich Hess als Wutbürger mit Schnauz, seine Parteifreundin Nadja Pieren im schrillen Touristenoutfit, SVP-Veteran Toni Bortoluzzi als Greis mit Doppelkrücke und so weiter. Da stehen sie, und man denkt: Das könnte lustig werden. Je nach dem, was sie sagen und tun.

Sie sagen dann Dinge wie: «Die Rentenreform ist Diebstahl an den Jungen» und Ähnliches. Und sie schlagen je einen Nagel in die Mazze. Die Mazze ist eine Holzfigur aus dem Walliser Brauchtum: Wollten sich Dorfbewohner eines Despoten entledigen, traktierten sie eine Skulptur, die den Verhassten symbolisieren sollte, mit Nägeln. An diesem Montagabend auf dem Berner Bundesplatz steht die Mazze für die Altersvorsorge 2020, über die am 24. September abgestimmt wird.

Bigler schubst den Bortoluzzi

Die Analogie mag hinken, genau wie bei der Zuckerwatte, die die Jungfreisinnigen verteilen und die den geplanten AHV-Zuschlag von 70 Franken («Zückerchen») symbolisieren soll. Ähnliches gilt für die zuvor produzierten Kurzfilmchen auf Facebook, die mit der Kostümierung beworben werden.

Da schubst Gewerbeverbandsboss Hans-Ulrich Bigler als fieser Rowdy den Rentner Bortoluzzi vom Billettautomaten weg, Bortoluzzi wiederum gibt als Stammtischbruder Bestellungen mit dem Geld seines schlafenden Tischnachbarn auf, Doris Fiala beklaut den Strassenmusikanten Andri Silberschmidt und stiehlt einem arglosen Sonnenanbeter das Sandwich.

Was das alles mit der Rentenreform zu tun hat? Hängen bleiben soll wohl vor allem, dass Nein stimmen noch nie so spassig war. Vor allem: Es soll etwas hängen bleiben. Und es stimmt ja: Die klassischen Abstimmungsmedienkonferenzen, bei denen sieben bis neun Gleichgesinnte zwei Stunden lang den Journalisten dieselben Argumente in die Mikrofone sprechen, finden kaum noch ein Publikum.

Medienschaffende und ein Pulk verwunderter asiatischer Touristen stellen das Gros der wenigen Zuschauer.

Das dürfte auch für die üblichen Facebook-Kampagnen gelten. Die meisten Politiker-Posts seien langweilig, kaum origineller als beim Start von Facebook anno 2004, erklärte Politikberater Mark Balsiger am Wochenende der «Zentralschweiz am Sonntag».

Vor diesem Hintergrund darf man die Spasskampagne der Reformgegner als progressives Experiment betrachten, genauer gesagt: als Fortführung eines solchen. Die SVP hatte schon in ihrem Wahlkampf 2015 ein selbstironisches Video mit einigen Scherzen hart an der Geschmacksgrenze produziert. Geschadet hat es der Partei zumindest nicht, wie der Wahlerfolg zeigte.

Spassvögel, die Schlagworte herumreichen

Und die Gegner der Altersreform 2020 schaffen es an diesem Montagabend immerhin, eine stattliche Anzahl Medienschaffende auf den Bundesplatz zu locken. Sie stellen – zusammen mit einem Pulk verwunderter asiatischer Touristen – augenscheinlich sogar das Gros der wenigen Dutzend Zuschauer.

Dass es im Lauf der zwei Stunden nicht mehr werden, dass sich echter Witz trotz lustiger Verkleidungen nicht einstellen will, dürfte gleichwohl der Choreografie anzulasten sein. Denn herumgereicht, aber nicht hinterfragt, werden Schlagworte. Moderator: «Der einfache Bürger muss ein Geschenk an die Millionäre finanzieren, oder wie sehen Sie das, Herr Rösti?» SVP-Präsident Albert Rösti: «Ja, klar.»

Dabei schliessen sich Humor und Inhalt nicht aus. Es hätte für mehr Gehalt schon genügen können, auch einen Spassvogel der Gegenseite einzuladen.

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