Wirtschaft warnt: Essen wird 50 Prozent teurer

Mehr Öko-Food zum Nachteil der Schwachen? Die Fair-Food-Initiative stürzt uns ins Dilemma. Nun heizt Economiesuisse den Zwist an.

Alle Lebensmittel sollen fair produziert werden. Economiesuisse warnt vor einer massiven Verteuerung der Nahrung. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Alle Lebensmittel sollen fair produziert werden. Economiesuisse warnt vor einer massiven Verteuerung der Nahrung. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

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Der Pfeil zeigt nach unten. Die Bevölkerung gibt verhältnis­mässig immer weniger Geld fürs ­Essen aus. Flossen von den Haushaltsausgaben 1945 durchschnittlich 35 Prozent in Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke, sind es inzwischen weniger als 7 Prozent, das sind 627 Franken pro Monat (2015).

Doch dieser Trend wird sich in sein Gegenteil verkehren, sollte das Stimmvolk am 23. September die von den Grünen lancierte Fair-Food-Initiative gutheissen; das behauptet zumindest Economiesuisse. «Die Lebensmittelpreise werden langfristig um rund 50 Prozent steigen», sagt Roger Wehrli, der das Dossier beim Wirtschaftsdachverband betreut. Die Umsetzung der Initiative werde Mehrkosten generieren. Preistreibend seien insbesondere die Einhaltung höherer Lebensmittelstandards und deren Kontrolle.

Die SP im Dilemma

Schmerzen wird der skizzierte Preisanstieg laut Economiesuisse insbesondere Familien mit kleinem Geldbeutel. Ein solcher Haushalt mit einem monatlichen Budget von unter 5000 Franken gebe 12 Prozent für Nahrungsmittel aus, sagt Wehrli. «Bei einer Annahme der Initiative könnte dieser Anteil bis auf 20 Prozent steigen.» Dass sozial Schwächere überproportional viel fürs Essen ausgeben, bestätigt das Bundesamt für Statistik (BFS). So sind es etwa bei einem Rentnerpaar mit einem Einkommen von weniger als 4900 Franken pro Monat 15 Prozent.


Video: Das will die Fair-Food-Initiative

Nicht nur für heimische, sondern auch für importierte Produkte sollen Anforderungen festgelegt werden. Video: Tamedia/SDA


Mehr Fair Food in der Schweiz – zum Nachteil der sozial Schwächeren im Inland? Dass die Gegner diese Frage prominent bespielen, kommt nicht von ungefähr. Die Angst vor teurerem Essen scheint in einem Teil der Bevölkerung ausgeprägt. In der ersten Tamedia-Abstimmungsumfrage vom 6. und 7. August war dieser Aspekt der am häufigsten genannte Grund für ein Nein zur Initiative. Die Frage aufs Tapet bringen die Gegner aber auch, weil sie damit das links-grüne Lager in Verlegenheit bringen wollen. Denn jene Kreise streben gleichzeitig mehr Ökologie und soziale Gerechtigkeit an. Doch was, wenn sich die beiden Ziele nicht vereinen lassen?

Offenkundig wird das Dilemma bei der SP, die sich als Vertreterin der sozial Schwachen sieht. Zwar haben die Delegierten die Ja-Parole gefasst. Doch die SP-Fraktion hatte im Parlament Stimmfreigabe beschlossen, entsprechend tun sich manche ihrer Exponenten nach wie vor schwer mit dem Anliegen, zum Beispiel Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo. Im Parlament hat sie sich der Stimme enthalten. Höhere Anforderungen an importierte Produkte würden sich in den Lebensmittelpreisen bemerkbar machen, sagte sie in der Debatte und mahnte: «Höhere Lebensmittelpreise aber sind für sozial schwächere Menschen ein Problem.» Im Hinblick auf den 23. Sep­tember empfiehlt Birrer-Heimo Stimmfreigabe – gleich wie die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), die sie präsidiert.

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Eine andere Akteurin im ­Lager der Konsumentenschützer sieht das freilich anders. Die Konsumenten-Vereinigung Schweiz plädiert für ein Ja zur Initiative. Präsidentin Erika Städeli Scherrer hält es für falsch, dass weltweit «Menschen aufgrund miserabler Arbeitsbedingungen ihre Gesundheit zerstören oder gar ihr Leben verlieren, damit ‹sozial schwache Menschen› in unserer zivilisierten Welt ihre Lebensmittel günstig kaufen können, weil deren Löhne, Renten oder Sozialleistungen zu niedrig sind».

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Vor keinem Dilemma sehen sich dagegen die Initianten. Grünen-Präsidentin Regula Rytz bezeichnet die von Economiesuisse prognostizierte Verteuerung der Nahrungsmittel als «absurd». Seine Prognose leitet der Verband aus einem Vergleich ab, den das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) regelmässig zieht. Demnach kostete, Stand Februar 2018, ein typischer Einkaufskorb mit 25 Bio-Lebensmitteln rund 50 Prozent mehr als derselbe Einkaufskorb mit konventionell hergestellten Lebensmitteln. Diesen Umstand verknüpft der Verband mit seiner Annahme, das Ziel der Initianten sei Bio-Standard bei allen Lebensmitteln. Rytz bestreitet das. Die Initiative schreibe keine Bio-Lebensmittel vor. «Sie will mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit und legt sich nicht auf Labels fest.»

In der Tat steht im Initiativtext nichts von «Bio». Wehrli von Economiesuisse entgegnet: «Die Initianten schrieben in ihren ersten Argumentarien, dass sie langfristig den Bio-Standard möchten.» Die Initianten bestreiten das nicht, haben sich davon aber inzwischen distanziert. «Auch ohne Bio-Standard», kontert Wehrli, «würden die Preise steigen, da alle Importe, also mehr als die Hälfte aller konsumierten Lebensmittel, rigoroser Kontrolle unterstünden, an der Grenze und im Ausland am Produktionsort.»

Kampf um Lufthoheit

Die Initianten taxieren das Kostenargument als haltlos. Sie verweisen auf eine GFS-Studie, welche den Stand der Meinungsbildung vom 5. August abbildet. Demnach sind höhere Einkommensgruppen gegenüber der Initiative skeptischer als tiefere. Rytz erwähnt zudem eine Studie des Westschweizer Konsumentenschutzes. Diese zeigt: Die Lebensmittelpreise hängen stark vom Einkaufsverhalten ab. Wer saisonale Produkte kauft und Lebensmittelverschwendung vermeidet, spart Geld. Die Initia­tive, so Rytz, wolle aber auch die Direktvermarktung fördern. «Auch das wirkt sich positiv aufs Portemonnaie aus.»

Wer die Lufthoheit in dieser wohl entscheidenden Frage erringen wird, ist noch unklar. Fakt ist: Ob und wie stark die Bevölkerung die Umsetzung der Initiative spüren wird, lässt sich kaum beziffern. Das räumt man selbst im gegnerischen Lager ein: Der Bundesrat warnt zwar vor einer möglichen Verteuerung der Lebensmittel. «Es wäre aber unseriös, zu sagen, was im Fall einer Annahme der Initiative wie viel teurer würde», sagt Kathrin Naegeli, Sprecherin des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). «Denn das wäre letztlich auch abhängig davon, wie das Parlament die Initiative umsetzen würde.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2018, 07:16 Uhr

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