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Wirtschaft fordert weniger Ausländer – beim Staat

Die Verwaltungen schaffen zu viele Arbeitsstellen und befeuern so die Zuwanderung, kritisieren die Wirtschaftsverbände. Ihre Hausaufgaben haben sie selbst nur teilweise gemacht.

Ältere Arbeitnehmende könnten in der Schweizer Wirtschaft besser gefördert werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
Ältere Arbeitnehmende könnten in der Schweizer Wirtschaft besser gefördert werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Vor fast elf Monaten hat das Schweizer Stimmvolk der Masseneinwanderungs­initiative der SVP zugestimmt. Seitdem zerbrechen sich Politik wie Wirtschaft den Kopf, wie sich das Volksbegehren umsetzen lässt, ohne dass es zum Bruch mit der EU kommt und das Wirtschaftswachstum erlahmt. Gestern haben mit Economiesuisse, Swissmem, Schweizerischem Arbeitgeberverband und Scienceindustries Switzerland vier Wirtschaftspitzenverbände ihren Lösungsvorschlag präsentiert: eine Schutzklausel und freiwillige Massnahmen der Wirtschaft. «Konkret bedeutet dies, dass bis zu einer festgelegten Obergrenze der Nettozuwanderung aus der EU die volle Personenfreizügigkeit gilt, das Freizügigkeitsabkommen mit der Schweiz somit nicht geritzt wird», sagte Swissmem-Präsident Hans Hess. Erst bei Überschreitung der festgelegten Schwelle würde die Gesamtzuwanderung temporär durch Kontigente begrenzt.

Während die Europäische Union eine Schutzklausel kaum akzeptieren wird, hat es die Wirtschaft selbst in der Hand, die Einwanderung zu senken. Hess sagt denn auch: «Gleichzeitig muss es unser Ziel sein, durch freiwillige Massnahmen der Wirtschaft diese Obergrenze gar nicht zu erreichen.» Die Wirtschaft müsse aktiv zur besseren Nutzung des inländischen Arbeitskräftepotenzials beitragen. Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, bekräftigte dabei den Willen der Unternehmen: «Sie können mir glauben, dass die Schweizer Wirtschaft alles daransetzt, das Potenzial der Inländerinnen und Inländer besser zu nutzen.» Man unterstütze deshalb die Fachkräfteinitiative des Bundes oder die geplante eidgenössische Konferenz für ältere Arbeitnehmende.

Firmen agieren unterschiedlich

Doch welche konkreten Massnahmen wurden bisher in den Unternehmen eingeleitet? Für «Details» verwies Vogt an eine weitere Medienkonferenz am 21. Januar. «Viel Substanzielles und Neues ist nicht festzustellen», sagte der Vertreter eines gewichtigen Arbeitnehmerverbandes über die Pressekonferenz. Eine Stichprobe des «Tages-Anzeigers» bei mehreren grossen Firmen bestätigt diesen Eindruck. «Wir haben keine neuen Massnahmen ergriffen», heisst es bei Swisscom, Siemens oder Zürcher Kantonalbank. Viele Firmen betonen aber, sie hätten sich bereits vor der Abstimmung darum bemüht, mehr Frauen anzustellen oder ältere Arbeitnehmer bewusst zu fördern.

Der Anteil der in- und ausländischen Angestellten variiert zwischen den Firmen enorm, wenn sie überhaupt bereit dazu sind, über die Verteilung Auskunft zu erteilen. Hoch scheint der Anteil der Ausländer speziell bei Nestlé zu sein. «Aktuell arbeiten hierzulande mehr als 11'600 Angestellte für die Nestlé-Gruppe, wovon rund 60 Prozent aus dem Ausland stammen», sagt Sprecher Philippe Aesch­limann. Bei Siemens arbeiten in den Regionalgesellschaften rund 80 Prozent Schweizer – im Hauptquartier in Zug rund 65. Die UBS gibt an, von den 22'000 Mitarbeitern stammten fast 5000 aus dem Ausland. Bei der ABB Schweiz ist es seit zehn Jahren mehr oder weniger stabil ein Drittel. Bei Swisscom waren es Ende 2013 exakt 17,2 Prozent.

Neue Programme für die Nutzung des inländischen Potenzials geben Credit Suisse und Roche bekannt: «Wir sind bei der Einführung der Initiative ‹Real Returns›, die talentierten Frauen, die aufgrund familiärer Verpflichtungen den Beruf in den Hintergrund gestellt haben, die Wiedereingliederung erleichtern soll», verrät ein CS-Sprecher, ohne Details zu nennen. Das Programm startet dieses Quartal. Roche sagt, die Firma würde ältere Mitarbeiter mit einem neuen Projekt «noch besser» fördern. ABB bekennt sich explizit dazu, im Nachgang des 9. Februar bemüht um «eine bessere Nutzung des Potenzials im Inland» zu sein. Andere Firmen betonen bisherige Programme. Mehrere ermöglichen es, auch im Kader Teilzeit zu arbeiten, meistens zu mindestens 80 Prozent. Andere betonen Weiterbildungsprogramme für Mitarbeiter ab 45 und die Möglichkeit, Kinder in firmeneigenen Krippen betreuen zu lassen oder von zu Hause aus zu arbeiten. Novartis erklärt, laut einer Studie der Hochschule Luzern jene Firma zu sein, die «Diversity» am besten vorlebe und sowohl beim Altersmix als auch bei der Geschlechterverteilung bestens abschneide.

Aeschlimann macht als Einziger klar, dass Nestlé keinerlei spezifische Förderung von Inländern anstrebe: «Als multinationales Unternehmen sind wir darauf angewiesen, international rekrutieren zu können, und dies in allen Ländern, in denen wir tätig sind. Also vor allem auch an unseren Schweizer Forschungsstandorten und an unserem Hauptsitz.»

Genaue Zahlen fehlen

Ihre Hausaufgaben hat die Wirtschaft also nur teilweise gemacht. Dies hindert sie jedoch nicht daran, den Staat unter Druck zu setzen. 2013 waren rund 1,04 Millionen Personen beim Staat, den Kantonen, Gemeinden oder bei staatsnahen Betrieben angestellt. Seit Mitte der 90er-Jahre sei die Zahl staatlicher Stellen um 40 Prozent gewachsen, während die Erwerbstätigkeit in der Schweiz insgesamt um bloss 17 Prozent zugenommen habe, rechnen die Verbände vor. Einen Beitrag zur Lösung des Problems sehen sie daher in einem «Nullwachstum der Stellen im Staatssektor». Neue staatliche Arbeitsplätze sollen nur noch in Bereichen geschaffen werden, die der Ausbildung dienen oder «produktive» Leistungen wie etwa Spitalangestellte erbringen.

Damit ist allerdings noch nicht eruiert, wie viele Arbeitnehmer der Staat aus dem Ausland rekrutiert. Die Verbände sprechen pauschal von einem «grossen Teil» der Zuwanderung. Nicht zufällig. So zeigen Anfragen des «Tages-Anzeigers» bei verschiedenen Verwaltungen: Es liegen keine entsprechenden Statistiken vor. So können etwa die kantonalen Verwaltungen Berns und Zürichs nur Angaben zum Ausländeranteil insgesamt machen; dies schliesst aber auch jene Ausländer mit ein, die bei ihrer Anstellung bereits in der Schweiz wohnten. In der Zürcher Verwaltung mit 25'000 Vollpensen liegt dieser bei 8 Prozent, in Bern mit 15'000 Angestellten bei 7 Prozent.

Die Kritik der Wirtschaftsverbände zielt gleichwohl nicht ins Leere. So etwa harzt die Umsetzung der Fachkräfteinitiative, die der Bund 2011 lanciert hat. Zudem rekrutieren staatsnahe Betriebe wie Spitäler häufig im Ausland. Ein Beispiel: Pro Jahr werden durchschnittlich 3500 Pflegefachkräfte ausgebildet, was jedoch nur etwa der Hälfte des Bedarfs entspricht. Gleichzeitig haben letztes Jahr 4500 Jugendliche, die einen Pflege- oder Betreuungsberuf erlernen wollten, keine Lehrstelle gefunden. Alt-Nationalrat Rudolf Strahm (SP) fordert daher die kantonalen Gesundheitsdirektoren dazu auf, den Spitälern die Vorgabe zu machen, mindestens 8 Lehrstellen pro 100 Beschäftigte anzubieten.

VBZ geben sich Mühe

Doch Bemühungen sind vorhanden, etwa bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ). Noch 2009 hatten die VBZ in Ostdeutschland für Jobs als Busfahrer in Zürich geworben. Heute versuchen sie – nicht zuletzt auf Druck des Stadtparlaments –, das inländische Potenzial besser zu nutzen. Binnen dreier Jahre haben sie den Frauenanteil beim Tram von 23 auf 28 Prozent erhöht. Zudem arbeiten sie mit den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren zusammen und haben das maximale Eintrittsalter für Tramfahrer von 53 auf 56 Jahre angehoben. Die Zahlen zeigen trotzdem eine durchzogene Bilanz: So ist der Anteil der Deutschen von 6 Prozent (2009) auf 11 (2014) gewachsen, beim Rest der Ausländer hingegen von 12 auf 11 Prozent gesunken. Die VBZ begründen den Anstieg bei den Deutschen nicht nur mit der Werbeaktion von 2009. Sie hätten in den letzten Jahren viele Deutsche mit jahrelangem Wohnsitz in der Schweiz eingestellt.

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