Zum Hauptinhalt springen

«Wir wurden weggesperrt»

Bis vor 30 Jahren wurden Jugendliche, die nicht spurten, wie Straftäter weggesperrt – zum Beispiel ins Frauengefängnis Hindelbank. Dort findet in einer Woche ein Akt der «moralischen Wiedergutmachung» statt.

«Administrativ versorgt» nannte man, was Vormundschaftsbehörden zwischen 1942 und 1981 mit aufmüpfigen Jugendlichen machten. Ohne Gerichtsurteil und meist auch ohne Anhörung wurden sie kurzerhand in eine Anstalt gesperrt – in eine «Erziehungsanstalt». In Tat und Wahrheit waren es aber Strafanstalten, in denen die Jugendlichen auf den rechten Weg gebracht werden sollten. So lebten weibliche Teenager zusammen mit Mörderinnen, Diebinnen und Brandstifterinnen in der Frauenstrafanstalt Hindelbank, ohne sich selber einer Straftat schuldig gemacht zu haben. «Liederlicher Lebenswandel», «Vaganterei» oder «Arbeitsscheu» genügten als Einweisungsgrund.

Ursula Biondi beispielsweise landete in Hindelbank, nachdem sie mit 17 Jahren schwanger geworden war. Ein uneheliches Kind zu bekommen, galt als Liederlichkeit, die eine Einweisung rechtfertigte. Ursula Biondi lebte in einem andern Zellentrakt als die Strafgefangenen, und ihre Kleider waren nicht blau, sondern braun. Aber im Umgang gab es keine Unterschiede zwischen administrativ Versorgten und Straftäterinnen. Wobei: Einen wichtigen Unterschied erwähnt Ursula Biondi doch noch: «Die Eltern mussten für die angebliche Erziehung Tausende von Schweizer Franken bezahlen, während der Staat für die Strafgefangenen aufkam.» Dass die Tochter in einer Strafanstalt lebte, wurde gegenüber den in Zürich wohnhaften Eltern nie erwähnt.

Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.