«Wir steuern auf einen Prämienschock zu»

Interview

Die Krankenkassenprämien steigen 2014 um 2,2 Prozent. Experte Felix Schneuwly ist überzeugt, dass die Kosten damit nicht gedeckt werden – und die Versicherten bald die Retourkutsche erhalten.

  • loading indicator
Felix Schindler@f_schindler

Die Krankenkassen steigen 2014 um 2,2 Prozent. Die Aussicht auf einen Prämienschock lässt diese Erhöhung als gering erscheinen. Trotzdem belasten die Krankenversicherungen das Budget der Versicherten immer stärker. Beunruhigt Sie das? Es ist wahr, dass es eine steigende Anzahl Leute gibt, für die die Prämien kaum mehr finanzierbar sind. Aber es wäre falsch, wenn wir nur von den Prämien reden würden. Das Problem sind ständig wachsende Kosten, die insbesondere in den Spitälern stark steigen – ausgerechnet dort, wo die Kantone am meisten Einfluss ausüben.

Warum steigen die Prämien um 2,2 Prozent, während viele einen Kostenanstieg von bis zu fünf Prozent erwarteten?
Es ist tatsächlich sehr überraschend, wenn Bundesrat Alain Berset sagt, dass Krankenkassen von einem Kostenwachstum von 2,2 Prozent ausgehen, das deckt sich nicht mit dem, was die Santésuisse gestern gesagt hat. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Die Kassen machen bewusst zu tiefe Schätzungen, damit sie die Genehmigung für die tiefen Prämien bekommen.

Zum dritten Mal in Serie fallen die Prämienerhöhungen relativ moderat aus, während die Kosten immer stärker ansteigen. Kommt nächstes Jahr die Retourkutsche?
Wir steuern auf jeden Fall auf einen Prämienschock zu. Wir gehen von einem Kostenwachstum von drei bis fünf Prozent aus, das durch die Prämien nicht einmal zur Hälfte gedeckt wird. Daraus entsteht ein grosser Nachholbedarf. Wenn man es nicht schafft, das Kostenwachstum langfristig zu senken, dürfte das in den nächsten Jahren zu Prämienanstiegen im Rahmen von 9 Prozent führen.

Ist das nicht Schwarzmalerei? Ist es nicht so, dass Comparis von hohen Prämien profitiert, weil es dadurch zu mehr Wechseln kommt? Das ist wahr, aber wir sind nicht an einem kurzfristigen Geschäft interessiert, das bei einem Prämienschock möglich wäre. Comparis profitiert von einem System, das langfristig funktioniert, sonst gibt es für uns bald nichts mehr zu vergleichen. Wir streben deshalb ein kontinuierliches Wachstum an, das parallel zu den Kosten verläuft. Wir wollen ein System, das auch dem Konsumenten nützt.

Wie kommen Sie zur Annahme, dass es zu einem Prämienschock kommen wird?
Beim letzten Prämienschock im Jahr 2010 stiegen die Prämien um durchschnittlich 8,7 Prozent. Damals sind zwei Probleme zusammengefallen. Einerseits waren die Reserven der Krankenkassen weitgehend ausgeschöpft, andererseits belastete die Finanzkrise die Wirtschaftslage, weshalb die verbleibenden Reserven noch geringere Erträge abgeworfen haben. Zu diesem Szenario kann es durchaus erneut kommen.

Laut Bundesrat haben die Krankenversicherer ihre Reserven erhöht. Reicht das als Puffer nicht aus?
Die Krankenversicherer bilanzieren die Reserven aufgrund gesetzlicher Bestimmungen neu nach dem Marktwert. Dadurch sind die Reserven direkt den Schwankungen der äusserst volatilen Kapitalmärkte ausgesetzt. Meiner Meinung nach haben die Risiken zugenommen, dass die Reserven zu knapp werden.

Mit am stärksten wachsen die Kosten in der Spitalbehandlung. Hat die neue Spitalfinanzierung versagt?
Ein Systemwechsel führt immer zu höheren Kosten. Inzwischen hat man die Kosten auf einem hohen Niveau einigermassen im Griff. Aber der Wettbewerb spielt noch nicht genug. Vor allem die Spitäler und die Kantone stellen sich quer. Die Spitäler wollen ihre Umsätze sicherstellen, die Kantone ihre Strukturen erhalten. Paradoxerweise steigen die Kosten dort am stärksten, wo es am meisten Spezialärzte gibt. Das zeigt, dass es sich nicht um einen Nachfragemarkt handelt, sondern einen Angebotsmarkt. Wenn mir ein Arzt eine Operation empfiehlt, dann lasse ich den Eingriff in den meisten Fällen machen.

Hat die Fallpauschale versagt?
Die Fallpauschale führt immerhin dazu, dass die Spitäler zu einem guten Controlling und einem guten Kostenmanagement gezwungen werden. Aber es ist noch nicht gewährleistet, dass das zu guter Qualität und tiefen Behandlungskosten führt. Insgesamt schafft die Fallpauschale aber einen ökonomischen Fehlanreiz. Es wird einfach zu viel operiert. Hier müssen die Krankenkassen reagieren.

Wie?
Etwa, indem sie unabhängige Zweitmeinungen anbieten und den Patienten beim Entscheid helfen, ob eine Operation wirklich nötig ist. Viele glauben, dass die Krankenkassen vor allem ihre Zahlungen drücken wollen. Es muss das Vertrauen geschaffen werden, dass die richtigen Entscheide im Vordergrund stehen.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt