«Die Erhöhung des Rentenalters hat einen bemerkenswerten Effekt»

Warum die Chancen der Ü-50 auf dem Arbeitsmarkt steigen und was Norwegen vormacht, sagt Job-Expertin Elisabeth Michel-Alder.

Arbeiten bis das Licht ausgeht? Büros im Zürcher Prime Tower.

Arbeiten bis das Licht ausgeht? Büros im Zürcher Prime Tower. Bild: Ennio Leanza/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Rentenreform des Nationalrats stellt eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre in Aussicht. Wie gross ist der Widerstand in der Bevölkerung gegen diesen Tabubruch?
Eine neue Axa-Studie hat gezeigt, dass zwar nur 28 Prozent eine gesetzlich fixierte Erhöhung der Schwelle zum Ruhestand befürworten. Die Alternative allerdings, freiwillige Teilzeitarbeit von über 64- oder 65-Jährigen, unterstützten 85 Prozent der Befragten. 41 Prozent würden gerne über die Pensionierung hinaus arbeiten.

Würden alle, die arbeiten wollen, auch eine Stelle finden?
Die Erhöhung des Rentenalters hat einen bemerkenswerten Effekt: Die Chancen von über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt steigen. In der Schweiz lässt sich heute rund ein Drittel der Arbeitnehmer frühpensionieren. Deshalb sind Arbeitgeber sehr skeptisch, über 50-Jährige anzustellen und einzuarbeiten, nur um sie dann wieder zu verlieren. In Norwegen etwa ist das Pensionsalter seit 2007 an die Lebenserwartung gebunden. Mit dem Effekt, dass die Menschen für die Arbeitgeber eine längere berufliche Verlässlichkeit haben und leichter eine Stelle finden.

Viele körperlich Arbeitende sind mit 65 verschlissen. Kann ihnen zugemutet werden, noch länger zu arbeiten?
Natürlich gibt es Bauarbeiter mit einem kaputten Rücken. Sie müssen umsteigen können, geschult werden, um nicht schon mit 55 zum alten Eisen zu gehören. Aber der Prozentsatz dieser Menschen wird kleiner. Im letzten Jahrhundert war die körperliche Belastung in vielen Berufen grösser und das Ansehen tiefer. Heute stehen bessere Hilfsmittel zur Verfügung, was die Arbeit erleichtert.

Umfrage

Können Sie sich vorstellen, über 65 hinaus zu arbeiten?







Werden wir dem zunehmenden Druck auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft noch gewachsen sein?
Wir werden nicht nur älter, sondern wir bleiben auch länger jung. Heute laufen Rentner Marathon, das gab es in den 70er-Jahren kaum. Zu einer Einschränkung der Belastbarkeit kommt es deshalb später. Ausserdem neigen ältere Menschen auch viel weniger dazu, sich Belastungssituationen auszusetzen, denen sie nicht gewachsen sind. Sie können ihre Fähigkeiten besser einschätzen und wissen nach vier schweren Konflikten am Arbeitsplatz, dass sie auch einen fünften lösen können.

Dass Menschen länger belastbar sein sollen, steht im Widerspruch zur Tatsache, dass immer mehr Menschen unter Stress leiden und ausbrennen.
In der Tat ist die psychosoziale Bedrohung grösser als die physische. Insbesondere wenn man langfristig immer derselben Belastung ausgesetzt wird, ermüden die Menschen. Ein Steuerkommissär steht im ständigen Druck, so viele Dossiers zu bearbeiten wie seine unzähligen Kollegen, die dasselbe tun wie er. Das führt zu hohem Vergleichs- und Konkurrenzdruck. Viele arbeiten im Rahmen genau definierter Prozesse ohne Gestaltungsspielraum, erfahren kaum Wertschätzung – so ist ihr Schicksal in der Routine eine vorzeitige berufliche Alterung.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit im Alter ist allgegenwärtig. Zu Recht?
Heute ist es ausgesprochen schwierig, über 50 in grossen, globalisierten Unternehmen eine Neuanstellung zu bekommen. Viele dieser Firmen vermarkten sich als jung und innovativ, dort ist Jugendlichkeit per se eine Qualifikation. Die Mitarbeiter sollen das Image der Firma vermitteln. 60-Jährige werden alleine durch ihren Auftritt nicht als Träger einer solchen Unternehmenskultur angesehen. Bei IT-Unternehmen oder Werbeagenturen müssen sogar die CEOs jugendlich sein.

Wieviel brauchts im Alter zum Leben? Die Video-Umfrage.

In welcher Situation sind ältere Arbeitnehmer besonders von Jobverlust gefährdet?
Die jungen, hoch qualifizierten Akademiker mit einer Summa-cum-laude-Dissertation in der Tasche wollen Jobs bei Glamour-Arbeitgebern wie SwissRe, Nestlé, Roche, Novartis. Sie erhalten früh Führungsverantwortung und stehen unter Druck, ihre Teams auf Produktivität zu trimmen. In solchen Umstrukturierungen geraten ältere Arbeitnehmer viel schneller auf die Abschussrampe als jüngere.

Eine Studie des Bundes sagt, ältere Arbeitnehmer hätten ein geringeres Risiko, arbeitslos zu werden. Wo sind über 65-Jährige noch gefragt?
Grundsätzlich überall, wo persönliche Vertrauensbeziehungen wichtig sind. Der reiche Kunde einer Privatbank möchte einen Kundenberater mit einem Verständnis für die eigene Generation. Der Bauherr einer Alterssiedlung erwartet von einem Architekten, dass er die Bedürfnisse der künftigen Bewohner versteht. Und der 60-jährige Kunde eines Fitnesscenters möchte seinen Trainingsplan nicht unbedingt von einem 24-jährigen Bodybuilder zusammenstellen lassen.

Heisst das im Umkehrschluss: Mit ihrer Fachkompetenz gibt es für Ältere nichts zu holen?
Doch, und zwar überall dort, wo sie Technologien beherrschen, bei denen es keinen Nachwuchs gibt. Ich kenne einen Maler, der auf Naturkalkputz spezialisiert ist. Weil diese Technik bei der Sanierung von denkmalgeschützten Häusern verlangt wird, ist er mit über 70 Jahren noch ein äusserst gefragter Unternehmer.

Sie sagen, wir müssen uns darauf einstellen, dass wir weit länger als bis 67 arbeiten werden. Wie lange denn?
Jeder zweite Mensch mit Jahrgang 1997 wird 100 Jahre alt. Es ist schwer vorstellbar, dass sie 33 Jahre lang im Ruhestand verharren werden. Wir müssen unsere heutige Lebensplanung – Ausbildung, Erwerbstätigkeit, Ruhestand – überdenken und uns auf 60 Jahre wechselvolle Erwerbstätigkeit einstellen. Vielleicht absolvieren wir diesen Zyklus künftig zwei- oder dreimal, durchlaufen mehrere Ausbildungen, Phasen von längerer Erholung und substanzieller Standortbestimmung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2016, 06:01 Uhr

Artikel zum Thema

Rentenreform der FDP kommt Junge teuer zu stehen

Das Bundesamt für Sozialversicherungen warnt: Der neue, alternative Vorschlag zur Altersvorsorge kostet rekordhohe 4,5 Milliarden Franken. Mehr...

Rentenalter 67 und mehr Geld für zweite Säule

Der Nationalrat verpasst der AHV eine Schuldenbremse, die den Anstieg des Rentenalters bis auf 67 Jahre vorsieht. Den AHV-Zuschuss von 70 Franken lehnt er ab. Mehr...

Und jetzt, lieber Nationalrat?

Kommentar Der Rat hat die Rentenreform zu einem Kaleidoskop aller denkbaren antilinken Provokationen umgestaltet. Mehr...

Die Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Michel-Alder ist Unternehmensberaterin und Mitinitiantin des Netzwerks Silberfuchs. (Bild: pd )

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Verzweiflungstat: Ein Anwohner leert im Stadtteil Quezon der philippinischen Stadt Manila einen Einer voll Wasser ins Flammenmeer. Gegen 300 Familien wurden durch den Grossbransd obdachlos.(23.Mai 2018)
(Bild: Aaron Favila/AP) Mehr...