«Wir lassen uns zu schnell aufs Trottoir drängen»

Veloexperte Pete Mijnssen sagt, weshalb die Schweizer kein einig Volk von Radlern sind.

Eng bemessener Platz in Zürich: Velofahrer auf dem Trottoir der Langstrasse. (Screenshot TA)

Eng bemessener Platz in Zürich: Velofahrer auf dem Trottoir der Langstrasse. (Screenshot TA)

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Im europäischen Vergleich ist die Schweiz ein Velo-Entwicklungsland. Weshalb sind Schweizer kein einig Volk von Fahrradfahrern?
Am Wetter kann es nicht liegen. Das zeigen die Nordeuropäer, die trotz garstigem Wetter zu den fleissigsten Velofahrern der Welt gehörden. Der Nordfriese sagt: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. In Wahrheit ist es der Reichtum, der eine Entwicklung zum Veloland verhinderte.

Wie meinen Sie das?
Unser Wohlstand ermöglichte die Investition in ein bestausgebautes ÖV-System. Selbst entlegene Orte sind heute mit dem Bus erreichbar. Doch der ÖV ist eine tolle Errungenschaft und deshalb nicht wirklich zu kritisieren. Das wirkliche Versäumnis ist die mangelnde Veloförderung: Die Schweizer Schulen und mit ihr die Politiker haben es verschlafen, die Jugend für das Velofahren zu begeistern. Zeitgleich fand eine Abschreckung statt: mit diversen Helmkampagnen, die vor der Gefährlichkeit des Velofahrens warnen. Als Folge: Eltern stecken ihre Kinder lieber in Bus und Zug, als sie einem vermeintlichen Risiko auszusetzen – ganz zu schweigen von den Mamataxis. So wird eine Angstmentalität kultiviert. Die Helmkampagnen haben der Veloförderung letztendlich einen Bärendienst erwiesen.

Wie oft weichen Velolenker aufs Trottoir aus? Bestandsaufnahme an der Langstrasse. (Video: Stefanie Hasler)

Sind Sie gegen Velohelme?
Jeder soll sich mit einem Helm schützen, wenn er das will. Im Sport etwa ist er Sinnvoll. Im Stadtverkehr gelten aber andere Regeln. Eine bessere Methode für mehr Sicherheit heisst «safety by numbers»: Je mehr Fahrradfahrer sich auf der Strasse bewegen, desto sicherer wird das Velofahren. Darum haben sich die Velo-Organisationen stets gegen die Einführung eines Helm-Obligatorium gewehrt. Portugal – ein Land mit wenig Velofahrern – gilt als überdurchschnittlich gefährlich. Die veloverliebten Skandinavier leben jedoch vergleichsweise sicher. Auch Temposenkungen im Autoverkehr würden mehr Sicherheit schaffen.

Wie begeistern Sie einen Velomuffel für das Zweirad?
Es gibt unzählige Argumente für das Velofahren. Etwa der Fahrtwind oder die Zeitersparnis innerhalb der Stadt. Man bekommt viel von seiner Umwelt mit, sofern man sich nicht mit einem elektronischen Audiogerät zustöpselt. Auf dem Land ist Velofahren zudem äusserst erholsam.

In der Stadt scheinbar nicht. In Zürich legen nur 4,9 Prozent der Bevölkerung mehr als die Hälfte ihrer Wegstrecke mit dem Velo zurück.
Das hat auch mit dem Verkehrsklima in Zürich zu tun. Es herrscht eine grosse Hektik und teilweise aggressive Stimmung. Viele potenzielle Velofahrer wollen sich dem nicht aussetzen.

Zur aggressiven Stimmung leisten auch Velofahrer ihren Beitrag. Fussgänger und Autofahrer stören sich am Rowdytum gewisser Verkehrsteilnehmer.
Das ist natürlich ein Problem für unser Image. Letztlich ist ein solches Verhalten das Resultat einer verfehlten Verkehrspolitik. Die teils prekären Verhältnisse zwingen einen geradezu auf das Trottoir. Als Folge davon gehen Velofahrer und Fussgänger aufeinander los.

Wie stark ist die Anti-Velo-Lobby in der Schweiz?
Eine Anti-Velo-Lobby existiert höchstens in der SVP-Ursuppe. Leute, die ständig ideologisch aufgeladen gegen Velofahrer hetzen. Der grösste Feind der Velofahrer ist die Autolobby, die in der Schweiz traditionell sehr stark ist. Dabei sollten sich Autofahrer über jeden freuen, der aufs Velo umsteigt. Im knapp bemessenen Platz auf der Strasse stehen sich ja in erster Linie Autofahrer selber im Weg und deshalb stundenlang im Stau. Doch statt sich darüber aufzuregen, lassen sie ihren Frust an den Velofahrern aus. Dabei gilt: Jedes Velo mehr, ist ein Auto weniger.

War die Schweiz schon immer ein tendenziell velounfreundliches Land?
Das Velo wurde im deutschen Sprachraum schon früh als unbotsmässige Erscheinung dargestellt. Populär waren etwa die Sketches des deutschen Komikers Karl Valentin, der die Fahrradfahrer als undiszipliniert darstellte. Dennoch war das Velo bis zum Zweiten Weltkrieg ein Massenverkehrsmittel. Als in den 1960er-Jahren das Auto populär wurde, galt das Velo fortan als unschicklich. Gerade für junge Frauen gehörte es sich nicht, auf ein Fahrrad zu steigen. Nicht in jeder Stadt war dies gleich ausgeprägt: Während in der Industriestadt Basel auch der Fabrikdirektor aufs Velo stieg, hatte das Fahrrad in der Bankenstadt Zürich seit jeher einen schweren Stand.

Radfahrer und Verkehrsschutzmann: Sketch von Karl Valentin. (Quelle: Youtube)

Das E-Bike erlebt zurzeit einen Boom. Wie wird das in der Veloszene aufgenommen?
Viele, die heute ein E-Bike kaufen, sind vorher kaum Velo gefahren, sind im Grunde gar überzeugte Autofahrer. Sie verkörpern eine neue Velokultur, die nicht nur gut ankommt. Gewisse Fahrradfahrer fühlen sich gekränkt, wenn sie von einem E-Biker überholt werden – auch wenn dieser im Grund weniger fit ist. In Wahrheit sind die E-Biker eine grosse Chance für die Velolobby.

Weshalb?
Ein Astra-Studie besagt, dass in ein paar Jahren rund 30 Prozent aller Fahrräder E-Bikes sein werden. Es wird rund eine Million E-Biker geben, die im Strassenverkehr vorwärtskommen wollen. Dadurch entstehen hoffentlich mehr Veloschnellstrassen. E-Biker sind unbescheidener. Wir «normalen» Velofahrer lassen uns zu schnell aufs Trottoir drängen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2016, 17:11 Uhr

Pete Mijnssen ist Herausgeber des Fachmagazins Velojournal und Vorstandsmitglied von Pro Velo Schweiz.

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