«Wir haben keine Chance, so etwas zu verhindern»

Nach dem Angriff im Zug bei Salez spricht Martin Graf, Chef von Securitrans. Er erklärt, worauf sich das Sicherheitspersonal in Zügen und Bahnhöfen konzentriert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist es möglich, mit zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen bei der Bahn eine Tat wie diejenige im St. Galler Rheintal zu verhindern?
Wir haben keine Chance, solche Fälle zu verhindern. Es ist kaum möglich, dass die Sicherheitsorgane am richtigen Ort sind, wenn jemand, der den Behörden nie aufgefallen ist, völlig überraschend kriminelle Handlungen begeht.

In der Sonntagspresse haben Sie angeregt, dass die Securitrans oder die Bahnpolizei auch tagsüber an kleinen Bahnhöfen präsent sein sollten.
Das ist nicht zuletzt eine Kostenfrage. Die Strecke, auf der das passiert ist, war bisher absolutes Friedensgebiet. An solchen Orten gibt es für die Sicherheitsorgane keinen Grund, präsent zu sein. In der Regel kontrollieren wir zu jenen Zeiten und an jenen Orten, wo am meisten passiert. Das ist zu den Stosszeiten, vor allem abends und an den Wochenenden. Damit liegen wir zu 99 Prozent richtig. Die BLS gibt uns allerdings mehr Spielraum als die SBB. So können wir selbst darüber entscheiden, ob wir situativ Personal an einen kleineren Bahnhof schicken, wenn sich dort etwas zusammenbraut. Aber dies ändert nichts daran, dass wir bisher auf der Strecke im St. Galler Rheintal keinen Anlass für mehr Präsenz hatten.

«Wenn niemand auffällt und sie jemanden ohne Grund kontrollieren, ernten sie meist nur Unverständnis.»

Würde mehr Videoüberwachung an den Bahnhöfen etwas bringen?
Die Kameras gibt es ja. Falls der Täter an einem grossen Bahnhof eingestiegen ist, wurde er aufgenommen, wenn er an einem kleinen Regionalbahnhof zustieg, nicht. Dort wäre es auch unverhältnismässig, Kameras anzubringen. Zudem verhalten sich solche Täter am Bahnhof und selbst bei einer Billettkontrolle im Zug meist völlig unauffällig. Dann verhindert auch eine Überwachung die Tat nicht. Für unsere Leute ist das die alltägliche Schwierigkeit. Wenn niemand auffällt und sie jemanden ohne Grund kontrollieren, ernten sie meist nur Unverständnis.

Als Passagier fragt man sich nach einem solchen Verbrechen, ob die Bahn noch sicher ist.
Im Zug ist es nicht gefährlicher als an anderen Orten, etwa in Einkaufszentren. In Städten sind Bahnhöfe sogar die sichersten Orte. Aber im Gegensatz zum Flugverkehr kann man sich mit der Bahn ano­nym bewegen, es gibt keine Passagierlisten. Das wäre nicht praktikabel.

Im Zug fühlt man sich einem Täter ausgeliefert, weil man nicht fliehen und keine Hilfe von aussen kommen kann. Sollen sich Passagiere mit Pfefferspray bewaffnen?
Für jede Ausrüstung ist ein Training nötig. Wer einen Pfefferspray besitzt, aber keine Übung in der Anwendung hat, gefährdet unter Umständen sich selbst, vor allem in einer Stresssituation. Ich vergleiche das mit der Handhabung von Feuerlöschern. Diese stehen in allen Gebäuden, aber die meisten Leute wären überfordert, diese beim Brandfall richtig zu gebrauchen.

Dennoch: Gibt es Verhaltensregeln für den öffentlichen Verkehr?
Am besten setzt man sich an einen Ort, an dem man von anderen Passagieren gesehen wird. Man sollte sich die Umgebung anschauen, in der man sich hinsetzt. Wenn aufgrund anderer Passagiere ein ungutes Gefühl aufkommt, sollte man sich ein anderes Abteil suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2016, 22:20 Uhr

Martin Graf ist CEO der Securitrans AG. Die gemeinsame Firma von SBB und Securitas ist für die Sicherheit im öffentlichen Verkehr zuständig.

Artikel zum Thema

Es geschah am helllichten Tag

Nach einer Brand- und Messerattacke in der Südostbahn sterben eine 34-jährige Frau und der Täter. Sie haben sich nach heutigem Erkenntnisstand nicht gekannt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Wettbewerb

Gratis nach Singapur fliegen

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...