«Wir dürfen das Feld nicht tatenlos den Linken überlassen»

Alle linke Politikerinnen setzen sich für das Projekt «Frauen wählen» ein. Warum sich eine Parlamentarierin der SVP für ihr Engagement fast entschuldigt.

Unterstützen das Anliegen: Die Bundesrätinnen Eveline Widmer-Schlumpf, Simonetta Sommaruga und Doris Leuthard (v. l.).

Unterstützen das Anliegen: Die Bundesrätinnen Eveline Widmer-Schlumpf, Simonetta Sommaruga und Doris Leuthard (v. l.). Bild: Walter Bieri/Keystone

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Fast entschuldigend antwortet Andrea Geissbühler auf die Frage, weshalb sie als einzige SVP-Vertreterin die Kampagne «Frauen wählen» unterstützt. Eigentlich sei sie wie ihre Partei gegen Quoten und auch dagegen, dass Frauen anders oder speziell behandelt werden. Die Berner Nationalrätin gehört zu den 51 von insgesamt 71 Bundesparlamentarierinnen, die sich zusammen mit der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen (EKF) und diversen Schweizer Frauenorganisationen für eine höhere Frauenvertretung in Bern einsetzen.

Ihr Engagement richte sich vor allem an bürgerliche Frauen, rechtfertigt sich Geissbühler weiter. «Wir haben auch gute Frauen und dürfen deshalb das Feld nicht einfach tatenlos den Linken überlassen», sagt sie. Grundsätzlich sei sie aber für ein Miteinander, bei dem nicht Frauen gegen Männer ausgespielt werden und umgekehrt.

Rickli will sich gar nicht erst mit solchen Fragen beschäftigen

Aber eben, Andrea Geissbühler ist mit ihrer Teilnahme am Frauen-Projekt eine Exotin innerhalb der SVP. Die Zürcher Nationalrätin Natalie Rickli will sich schon gar nicht erst mit solchen Fragen beschäftigen. Alles überholt, alles alt. Reine Klassenkampfrhetorik. Die Gleichstellung von Frau und Mann sei schon längst erreicht, sagt sie. Und überhaupt: «Ich habe viel zu tun im Beruf und aktuell auch im Wahlkampf. Für solche Sachen habe ich nun wirklich keine Zeit.» Die Einladung zur Teilnahme habe sie wohl gelöscht.

Dasselbe scheint der Berner SVP- Nationalrätin Nadja Pieren passiert zu sein. Die Einladung habe sie übersehen. Sie hätte aber ohnehin nicht am Projekt teilgenommen, betont sie. «Ich sehe den Sinn dahinter nicht.» Der Wähler könne selber beurteilen, welche Kandidatinnen und Kandidaten sich am besten für ein Amt eignen, und brauche dafür sicher nicht eine auf das Geschlecht reduzierte Empfehlung.

Geschlecht sei kein politisches Thema, sagt Daniela Schneeberger

Auf der Liste der Unterstützerinnen fehlt auch der Name von Daniela Schneeberger. Anders als ihre Ratskolleginnen von der SVP hat die Baselbieter Freisinnige die Einladung aber sehr wohl gesehen, sich aber nach «reiflicher Überlegung» gegen eine Teilnahme entschieden. Nicht, weil sie die Plattform schlecht findet. Im Gegenteil, sie biete eine gute Gelegenheit, sich zu präsentieren, sagt sie. «Für mich war das Thema Frauenquote aber nie ein Schwerpunkt und deshalb wäre es nicht glaubwürdig, wenn ich mir dies jetzt gerade im Wahlkampf auf die Fahne schreiben würde.» Ausserdem sei für sie das Geschlecht kein politisches Thema, bei dem sie sich engagiere. Schneeberger will sich im Wahlkampf auf ihre politischen Schwerpunkte konzentrieren. «Und man kann ja auch nicht überall mitmachen.»

Geschlossen hinter der Aktion stehen hingegen die linken Politikerinnen. Genauso wie es für die meisten SVP-Frauen nicht infrage kommt, Pro-Frauen-­Aktion zu unterstützen, ist es für SP und Grüne unvorstellbar, ja ein Vergehen, dies nicht zu tun. Die Berner Grünen-Nationalrätin Christine Häsler macht sich denn auch Sorgen darüber, wie das wohl in der Öffentlichkeit ankomme, dass ihr Name nicht auf der Projekt-Homepage zu finden ist. Weil sie als Nachrückende erst seit Juni dieses Jahres im Nationalrat sitzt, wurde sie nicht berücksichtigt. Die Einladung wurde noch im Dezember 2014 verschickt. «Ich habe mich aktiv darum bemüht, ebenfalls teilnehmen zu können, doch es war nicht mehr möglich», sagt Häsler enttäuscht.

Bundesrätinnen mit im Boot

«Schweizerinnen wählen – und wählen Frauen! Schweizer auch», heisst es auf der Homepage. Und was ist mit den Männern? Das Projekt heisse zwar «Frauen wählen», sagt Etiennette J. Verrey, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen. Gefragt seien aber durchaus auch Männer, die sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzen. Denn es bestehe nach wie vor Handlungsbedarf, gerade in der Politik. Gegenwärtig stagniere der Frauenanteil bei 31 Prozent im Nationalrat und sei im Ständerat mit knapp 20 Prozent gar etwas rückläufig.

Verrey, eine überzeugte Feministin, war in den 90er-Jahren Gleichstellungsbeauftragte bei Roche. Damals hätten nur wenige Frauen den Karrieredurchbruch geschafft, sagt sie. Dies sei heute deutlich besser. Es gebe aber nach wie vor viele Frauen, denen man aufzeigen müsse, dass es genau sie brauche, um etwas zu erreichen. Ob das Projekt den erhofften Erfolg bringt, kann Verrey nicht sagen. «Aber man muss etwas tun, man kann nicht einfach nur davon reden.» Die Kampagne «Frauen wählen» sei einer von mehreren möglichen Wegen. Auch die drei Bundesrätinnen Simonetta Sommaruga (SP), Doris Leuthard (CVP) und Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) sowie Bundeskanzlerin Corina Casanova (CVP) stellen sich hinter das Anliegen. Die Gelder für die Kampagne stammen zu einem grossen Teil von der EKF, den Rest haben die verschiedenen Frauenorganisationen beigetragen.

Erstellt: 21.08.2015, 09:18 Uhr

«Nur wenige Frauen lassen sich aufstellen»

Fabrizio Gilardi, seit 2008 Professor am Institut für Politikwissenschaften der Universität Zürich, befasst sich in einem aktuellen Forschungsprojekt mit weiblichen Rollenbildern in der Politik. Für die BaZ erklärt er das Phänomen der weiblichen Untervertretung im Parlament.

Herr Gilardi, brauchen wir heute überhaupt noch Förderprogramme für Frauen in der Politik?
Ich denke, es braucht sie schon noch. Momentan sind Frauen nur zu rund einem Drittel im Parlament vertreten, das ist ein relativ tiefer Wert. Zurzeit stagniert die Zahl der Frauen in der Politik. Solange man diesen Wert als zu tief empfindet, braucht es Fördermassnahmen und Initiativen. Deswegen denke ich, es ist eine gute Sache, die Frauenvertretung zu thematisieren. Solange eine Thematik angesprochen werden muss, besteht ein Problem.

Erwarten Sie, dass die Kampagne «Frauen wählen» einen effektiven Mehrwert am Wahlsonntag generieren wird?
Kurzfristig kann diese Kampagne wahrscheinlich ein paar Prozentpunkte für die weiblichen Kandidaten gutmachen. Gemäss meiner Prognose werden nach den Wahlen etwa so viele Frauen im Parlament sitzen, wie sich zur Wahl gestellt haben. Von der Wirksamkeit der Kampagne bin ich deswegen nur bedingt überzeugt.

Wo müsste man denn Ihrer Meinung nach ansetzen, um die Anzahl Frauen im Parlament zu erhöhen?
Zuerst einmal besteht das Problem der Untervertretung nicht darin, dass Männer im Vergleich zu ihren weiblichen Kontrahenten mehr Stimmen erhalten. Männer und Frauen werden prozentual gleich gut und häufig gewählt. Stimmenanteile haben nur bedingt mit dem Geschlecht zu tun, eher noch mit dem Listenplatz. Oft schneiden Frauen auch besser ab. Bei der Wahl ist Gleichstellung also schon erreicht. Da sich aber nur wenige Frauen überhaupt zur Wahl stellen, steigt der Frauenanteil im Parlament trotz guten Wahlergebnissen nicht. Parteien müssen deswegen vermehrt Frauen mobilisieren.

«Hat eine Frau einmal einen Wahlkampf verloren, tritt sie kein zweites Mal an.»Fabrizio Gilardi

Reichen die paar Wochen bis zu den Wahlen überhaupt, um bei der Bevölkerung Aufmerksamkeit zu wecken?
Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine solche Kampagne die einzige Massnahme, mit der man überhaupt noch einen gewissen Einfluss nehmen kann.

Was hält Frauen eigentlich davon ab, sich vermehrt in der Politik zu engagieren?
Hier spielen verschiedene Faktoren mit, beispielsweise strukturelle Gegebenheiten. Ähnlich sieht es in der Wirtschaft aus, auch dort sind Frauen immer noch wegen ähnlicher Faktoren untervertreten. In beiden Gebieten fehlt es beispielsweise an umfassender Familienunterstüzung. Für viele Frauen lohnt es sich finanziell noch immer nicht, voll erwerbstätig zu sein, denn Fremdversorgung kann nur teilweise abgezogen werden. Auch das Milizsystem stellt für Frauen eher eine Hürde dar als für Männer, selbst wenn heute viele Parlamen­tarier Berufspolitiker sind. Neben Job und Familie kommt die Politik noch obendrauf.

Und das plumpe Argument, Frauen seien für die Politik halt nicht gemacht?
Studien zeigen, dass sich im Kanton Zürich auf Gemeindeebene seit 1970 keine Frau ein zweites Mal hat aufstellen lassen, wenn sie beim ersten Mal nicht gewählt worden ist. Es gilt sozusagen: Wer einmal verloren hat, tritt kein weiteres Mal an.

Sind Frauen also schlechte Verlierer?
Für viele Frauen ist der Konkurrenzkampf das Problem. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass die harte, offene Konkurrenz in der Politik auf Frauen eher abschreckend wirkt als auf Männer. In der Politik sieht man Gewinner und Verlierer ganz klar. Oft versuchen Frauen, unangenehmen Situationen oder öffentlichem Exponiertwerden zu entgehen.

Welche Rolle spielen die Medien für die Kandidatur einer Frau?
Mittlerweile eine sehr bedeutende.Insbesondere die neuen Medien. Als Politiker wird man mittlerweile praktisch zum Promi. Man exponiert sich, das empfinden Frauen oft als problematischer als Männer. (Basler Zeitung)

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