«Wir bevorzugen kein Familienmodell»

Die Beratungsstellen reagieren auf den Vorwurf, einseitig die Interessen der Mütter zu vertreten.

Andreas Baumann ist seit 15 Jahren Mediator bei «Paarberatung und Mediation», die im Kanton Zürich neun Beratungsstellen betreibt und bei der sich auch Philipp Meier* und seine Ex-Freundin während der Trennung beraten liessen. Ihm selber, sagt Baumann, würde es nie passieren, dass er Ex-Paare im Sinne traditioneller Aufgabenteilung beraten würde. «Ich habe selber vor 30 Jahren Teilzeit gearbeitet und zu 50 Prozent zu unseren Kindern geschaut, als ich noch weit und breit der einzige Vater war an Kindergeburtstagen.»

Kinder brauchten Vater und Mutter, das sei für ihn völlig klar. «Diese Grundhaltung haben alle Mediatorinnen und Mediatoren in meinem Team, da bin ich sicher.» Dass es in einer anderen Stelle zu diesem für den Vater schwierigen Situation kam, bedaure er. «Ich weiss aber, dass die meisten Mitarbeitenden die neuen Elternmodelle sehr begrüssen und unterstützen.»

Grundsätzlich ist der 64-jährige Paar- und Familientherapeut der Ansicht, dass heute bei der Kinderbetreuung und den daraus resultierenden finanziellen Folgen zu herkömmlich «nicht im Interesse von guten Vater-Kind-Beziehungen entschieden wird». Das heisst: Die Kinder werden mehrheitlich den Müttern zugesprochen, der Kontakt zu den Vätern beschränkt sich häufig auf Besuche. «Die Einsicht, dass Kinder für eine gute Entwicklung ihren Vater gleichwertig wie die Mutter brauchen, hat sich in unserer Gesellschaft überhaupt noch nicht durchgesetzt», sagt Baumann. Hier hätten die Mediationsstellen und weitere, den Gerichten vorgelagerte Stellen, eine wichtige Funktion.

Eine solche Stelle ist das kantonale Jugendamt. Hier können sich Eltern beraten lassen, wenn sie einen Unterhaltsvertrag abschliessen. Auch das haben Philipp Meier und seine Ex-Freundin getan. Meier hat die Beratung als einseitig erlebt: Für die Beraterin sei klar gewesen, dass die Mutter bezüglich der Kinder das Vorrecht hat. Amtschef André Woodtli sagt dazu: «Den konkreten Fall kenne ich natürlich nicht, grundsätzlich kann ich mir das aber nicht vorstellen, denn in diesen Beratungen wird gerade kein Familienmodell favorisiert.

Unser einziger Fixpunkt ist das Wohl des Kindes, und das kann nicht klassisch oder modern sein, sondern sicher oder unsicher, was bei allen Familienmodellen möglich ist.» Die Jugendhilfestelle informiere die Eltern in erster Linie über die rechtlichen Rahmenbedingungen und unterstütze sie dabei, das von ihnen bereits gelebte oder geplante Familienmodell umzusetzen. Das Familienmodell soll beispielsweise den finanziellen Möglichkeiten der Eltern entsprechen. Jedenfalls rät Woodtli allen Eltern, die Kindererziehung, die Aufteilung der Betreuungsverantwortung und finanzielle Fragen verbindlich zu regeln, ­solange die Beziehung noch intakt ist.

Claudia Blumer

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