Wie lustig darf der Staat sein?

Die Eidgenössische Finanzkontrolle verschickt einen ziemlich aufwendig gemachten Aprilscherz. Soll sie das?

Da war die Verwaltung schon einmal lustig. 2009 verkündete die Stadt Zürich, dass zwei ihrer Mitarbeiter Gold im Abfall gefunden hätten. War natürlich erfunden.

Da war die Verwaltung schon einmal lustig. 2009 verkündete die Stadt Zürich, dass zwei ihrer Mitarbeiter Gold im Abfall gefunden hätten. War natürlich erfunden.

(Bild: Stadt Zürich)

Philipp Loser@philipploser

Normalerweise liest sich eine Medienmitteilung der Eidgenössischen Finanzkontrolle so: «Die rund hundert Mitarbeitenden der EFK werden 2016 über 150 Prüfungen durchführen, von denen etwa die Hälfte zur Veröffentlichung bestimmt ist. Diese Anstrengungen bezüglich Publikation und Transparenz sind eine strategische Priorität der EFK.»

Harter Stoff. Umso erstaunlicher, was die «Anstrengungen bezüglich Publikation und Transparenz» den Schweizer Redaktionen am Donnerstag bescherten. Eine Medienmitteilung eben dieser Finanzkontrolle mit dem ziemlich reisserischen Titel «Der Bund erwirbt im Geheimen Kunstwerke». Der Bestand an Kunstwerken im Eigentum des Bundes belaufe sich laut einer Schätzung der EFK auf rund 17,5 Milliarden Schweizer Franken, hiess es da plötzlich ganz untechnokratisch. «Die EFK stellt im Rahmen einer Prüfung erstaunt fest, dass diese Vermögenswerte nicht bilanziert sind und eine Rechtsgrundlage für diese Anschaffungspolitik fehlt.»

Plötzlicher Geldsegen

Das ist: ein Knaller. 17,5 Milliarden Franken? Und das bei einem Anschaffungspreis von weniger als 273 Millionen? Was das für Perspektiven schafft! Adieu Probleme bei der AHV, endlich eine anständige Sanierung für die Duro-Flotte der Armee, die nächste Gotthardröhre – alles finanziert.

Wir wollen ernst sein: An der donnerstäglichen Morgensitzung der Inlandredaktion waren ein paar Kollegen für einen kurzen Moment ziemlich elektrisiert. Was für eine grossartige Geschichte. Und diese Details! Auf Empfehlung der Schweizerischen Spionagekommission (kannten Sie nicht?) habe der Bund den Schwerpunkt bei den geheimen Kunstkäufen ab 1971 auf die zeitgenössische Kunst gelegt und konnte darum vom «weltweiten Boom» dieser Kunstrichtung profitieren. In den Lagern des Bundes hätten die Experten der Finanzkontrolle nun wahre Schätze entdeckt. Die «berühmte» Pop-Art-Skulptur «Naked Gotthardo» von Jeff Koons etwa, über 18 Meter hoch und schätzungsweise 380 Millionen Franken wert. Oder, noch besser: das «bekannte» Gemälde «Origine monétaire du monde», ein Akt von Konrad Abendrot (kannten Sie nicht?) von unschätzbarem Wert.

Ein aussergewöhnlicher Scherz

Und so geht das weiter und weiter. Über zwei Seiten (so lange Medienmitteilungen macht die EFK selten), übersetzt in drei Landessprachen und Englisch, alles perfekt mit Briefkopf und einer bilanzierenden Forderung im letzten Abschnitt. So schlägt die EFK vor, die Werke der breiteren Öffentlichkeit und nicht nur den Schatzsuchern der Finanzkontrolle zugänglich zu machen und den Geldwert in die Bundesbilanz aufzunehmen. Finanzminister Ueli Maurer wird sich freuen.

Ist natürlich, und ziemlich offensichtlich, ein Aprilscherz. Ein ziemlich aufwendig gemachter Scherz von einem aussergewöhnlichen Absender. Soll ein Teil der Verwaltung, ein derart ernster und technokratischer Teil der Verwaltung noch dazu, lustig sein? Darf er – mit Steuergeldern finanziert! – Mitarbeiter zur Scherzproduktion abstellen?

Mit ähnlichen Fragen sah sich Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) 2009 konfrontiert, und die Antworten fielen gemischt aus. Damals teilte die Stadtbehörde einen Tag vor dem 1. April mit, dass zwei ERZ-Mitarbeiter Gold im Abfall gefunden hätten. Die Nachricht wurde von verschiedenen Nachrichtenagenturen und Medien weiterverbreitet, und die hatten keine Freude am Spässchen, «weil man von der Stadt keine Scherze erwarte», wie der «Tages-Anzeiger» damals schrieb. Später löste die Behörde den Scherz auf. Man habe mit den Goldbarren eine Botschaft vermitteln wollen: Das Heizen mit Abfall spare jedes Jahr 40’000 Tonnen Heizöl.

Kein Steuergeld

Die Eidgenössische Finanzkontrolle will mit ihrem Spass keine Botschaft verbreiten. Sondern nur lustig sein. «Wir lieben Humor. Und das ist unser Beitrag an diesen Tag des Humors», sagt EFK-Direktor Michel Huissoud. Die gesamte Direktion der EFK stehe hinter dem Scherz und auch die mögliche Kritik wurde in der Verwaltung antizipiert. «Der Scherz kostet den Staat keinen Rappen.» Die Medienmitteilung sei ausserhalb der Bürozeiten verfasst, die Übersetzungskosten von Privaten übernommen worden. Weil: Lustig ist ja schon gut. Aber bitte nicht auf Kosten des Steuerzahlers.

Kleines Update: Auch in Basel gibt es staatliche Aprilscherze. Es geht um eine Katze, und Auskunft gibt der Regierungspräsident Guy Morin gleich selber.

DerBund.ch/Newsnet

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