Wie giftig ist der Dünger im Essen?

Die Spermienqualität bei Schweizer Männern ist schlecht. Nun will der Bund untersuchen, wie stark Chemikalien in Essen, Kosmetik und Kunststoffprodukten der Gesundheit schaden.

Über die Gründe für die schlechte Spermienqualität weiss man noch wenig. Foto: Sebastian Kaulitzki

Über die Gründe für die schlechte Spermienqualität weiss man noch wenig. Foto: Sebastian Kaulitzki

Claudia Blumer@claudia_blumer

Qualität von Spermien – wie misst man die? Wissenschaftler der Universität Genf, die während 13 Jahren die Spermienqualität von über 2500 Rekruten untersucht haben, orientierten sich an folgenden Kriterien: Form der Samen, Geschwindigkeit und Konzentration. Das Ergebnis: Nur 38 Prozent der 18- bis 25-Jährigen erfüllen die Normen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese Nachricht, publiziert vor wenigen Tagen, schreckte die Öffentlichkeit auf. Schlechte Spermien bedeuten verminderte Fruchtbarkeit. Droht die Schweiz langsam auszusterben?

Es besteht zumindest Grund zur Sorge. Männer mit tieferen Werten als die 2010 von der WHO publizierten Normen könnten Probleme haben, ein Kind zu zeugen. Die Zeugungsfähigkeit der jungen Männer in der Schweiz werde «höchstwahrscheinlich beeinträchtigt sein», schrieb Reproduktionsbiologe und Studienmitautor Alfred Senn in einer Mitteilung.

Chemie im Essen

Über die Gründe für die schlechte Spermienqualität weiss man noch wenig. Es gilt als erwiesen, dass Nikotin während der Schwangerschaft die Zeugungsfähigkeit des Nachwuchses beeinträchtigt. Allgemein gibt es vier Faktoren, von denen die Spermienqualität abhängt: der eigene Lebensstil, der Lebensstil der Mutter während der Schwangerschaft, genetische Voraussetzungen sowie Schadstoffe im Essen, in Kosmetikprodukten und Kunststofferzeugnissen wie PET-Flaschen. In welcher Konzentration sich die Chemikalien im Körper ablagern und was sie dort anrichten, ist nicht bekannt.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will dies nun untersuchen, wie der «SonntagsBlick» berichtet und das Amt bestätigt. «Das BAG plant ein Pilotprojekt zum sogenannten Human-Biomonitoring», sagt Sprecher Gregoire Gogniat. Dies mit dem Ziel, allenfalls Massnahmen zu treffen und den Gebrauch von Giftstoffen einzuschränken.

Das Monitoring selber soll zehn Jahre dauern und geschätzte 100 Millionen Franken kosten. Das Pilotprojekt wird diesen Herbst mit Blut- und Urinproben von rund 1000 Freiwilligen starten. Ergebnisse liegen frühestens Ende 2020 vor. Der Bundesrat hat das Pilotprojekt bereits im Mai 2017 aufgegleist – ein direkter Zusammenhang mit der Spermienstudie der Universität Genf von vergangener Woche besteht also nicht.

Auf der Politagenda

Vielmehr ist das Thema schon länger auf der politischen Agenda, und das Tempo der Bundesverwaltung beim Erarbeiten wissenschaftlicher Grundlagen und beim Reglementieren des Giftstoffeinsatzes erscheint manchen Beobachtern zu langsam.

Deshalb sind mittlerweile zwei Volksinitiativen im Parlament hängig, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Antibiotika in der Landwirtschaft verbieten oder die Subventionen an einen Verzicht knüpfen wollen: Die Initiativen «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» und «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung».

Mittlerweile erhält das Anliegen auch Support von der FDP. Das zeigte sich letzte Woche bei der Behandlung der Volksinitiativen in der nationalrätlichen Wirtschaftskommission. Die FDP stimmte gemeinsam mit der CVP und der Linken für einen Gegenvorschlag, der knapp scheiterte. Nur verbindliche Vorgaben könnten den Pestizideinsatz spürbar senken, sagte FDP-Fraktionschef Beat Walti. Er habe den Eindruck, dass die Landwirtschaft das Problem «auf die lange Bank schiebt».

«Es bleibt nur der Verzicht»

Dass der Bund das Problem erkenne, sei begrüssenswert, sagt Tierarzt und Politaktivist Rolf Frischknecht aus Laupen BE. Er unterstützt das Westschweizer Bündnis Future 3, das die Pestizidinitiative lanciert hat. Doch Frischknecht erhofft sich wenig vom Biomonitoring des Bundes. Denn das Problem sei, dass wir nicht wüssten und auch nicht ­herausfinden würden, wie die vielen Giftstoffe zusammenwirken: «Es wäre möglich, dass sie sich gegenseitig potenzieren. Wir wissen es nicht.»

Wenn man das Risiko eines Mittels nicht abschliessend abschätzen kann und der Einsatz nicht zwingend notwendig ist, dann bleibe nur der Verzicht, sagt Frischknecht, der auch eine Ausbildung in Toxikopathologie ­absolviert hat. «Dass es ohne Giftmittel geht, beweisen die 6'000 Bio- und 18'000 IP-Bauern in der Schweiz, die erfolgreich wirtschaften.»

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