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Wie DJ Bobo die Schweizer Armee besiegte

101 Jahre lang galt sie als die Seele der Nation. Kein Hitler, kein Russe, kein Langhaariger konnte sie entwaffnen. Doch nun erliegt die stolze Schweizer Armee der Arglist der Zeit.

Schweizer Füsiliere im Ersten Weltkrieg: Viel Frust im Feld.
Schweizer Füsiliere im Ersten Weltkrieg: Viel Frust im Feld.
Keystone
Einsatz gegen den «inneren Feind»: Der Bundesrat setzt die Armee während des Landesstreiks im November 1918 gegen Arbeiter ein.
Einsatz gegen den «inneren Feind»: Der Bundesrat setzt die Armee während des Landesstreiks im November 1918 gegen Arbeiter ein.
Dina Haas
Wie lange kann er sich noch halten? Samuel Schmid, BDP-Bundesrat.
Wie lange kann er sich noch halten? Samuel Schmid, BDP-Bundesrat.
Keystone
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«Ka! Ta! Stro! Phe!», schreit der Präsident der Aktion Aktivdienst in die Sprechmuschel. Und noch einmal: «Ka! Ta! Stro! Phe!» Es ist, als würde sein beschaulicher Wohnort Stein am Rhein gerade von den Alliierten aus der Luft angegriffen. Doch der alte Divisionär am anderen Ende der Leitung brüllt nicht, weil feindliche Geschwader Bomben abwerfen. Der Herr von 88 Lenzen beklagt den Zerfall der so lange, so stolzen Schweizer Armee. Ein Monolith wurde zu Staub. Und ein Augenzeuge des Niedergangs schreit, denn er kann nicht verstehen, wie es so weit kommen konnte.

Sinndeuter aus Politik und Presse vermittelten in diesen schweren Stunden den Eindruck, ein untauglicher Departementsvorsteher, die elektronische Hasspost eines im Herzen getroffenen Armeechefs und allenfalls ein paar Zecken hätten die Armee in die grösste Krise seit Menschengedenken gestürzt. Doch die Troika aus Selbstverteidigungsminister Samuel Schmid, Alt-Armeechef Roland Nef und blutrünstigen Tierchen sind nur die Akteure im letzten Akt eines Dramas. Die stolze Armada Svizra - so die rätoromanische Bezeichnung - versenkte sich nicht selbst. Auch im Feld blieb sie unbesiegt.

Früher waren die Offiziere noch Männer

Alles ist viel schlimmer: Heutzutage hopsen Soldaten des Betriebsdetachements «Öffentlichkeitsarbeit» als Militärmodells zu DJ Bobos «Freedom» über die Bühne und veranstalten lustige Tänze zum Volksliedkracher «Mir sind mit em Velo do». Angesichts solcher Darbietungen erinnern sich nicht nur Nostalgiker gerne an die guten alten Zeiten. Alt-Skiakrobat Art Furrer schwärmt von «damals, als die Generäle noch Männer waren - geachtet, diszipliniert. Echte Vorbilder. Hart im Geben, hart im Nehmen.»

Die Schweiz ist keine Armee mehr, sie hat nur noch eine. Das ist für ein Land, das sich so stark über das Militär definiert hat wie die Eidgenossenschaft, fürwahr eine Ka! Ta! Stro! Phe! Höchste Zeit für einen Nachruf und für eine Anklageschrift gegen die Mörder, die Weltpolitik und Globalisierung heissen.

Der Kettenhund des Kapitals

Anno 1907 erblickt die stolze Schweizer Armee das Licht der Welt. Das Kind hat einen überehrgeizigen Vater namens Ulrich Wille. Der spätere General will um jeden Preis, dass sein Sprössling so diszipliniert, so gehorsam, so kampfeslustig wird wie die Reichswehr seines grossen Vorbilds Preussen. Die Antimilitaristische Liga warnt vergebens vor dem «Hofhund des Kapitals». Nach gewonnener Abstimmungsschlacht um Willes Armeereform frohlockt Staatsrechtler Carl Hilty: «Die Nation hat ihre Seele wiedergefunden.»

Die germano-helvetische Züchtung durchlebt eine schwierige Kindheit und Jugend, angefeindet von Linken, angefeindet von Welschen, die sich statt des preussischen Drills einen republikanerischen Kasernengeist wünschen. Der Erste Weltkrieg wird zum Debakel. Das Schweizer Militär ist schlecht gewappnet, der Sold so erbärmlich, dass unzählige Familien von Eingezogenen am Hungertuch nagen. Das einzige Glück: Schon damals verfolgt niemand ernsthaft die Idee, in der Schweiz einzufallen.

Gegen Rote und Nazis

Die Seele der Nation führt ihren ersten Kampf gegen das Volk, vulgo innerer Feind. Wieder und wieder zerschlagen Einheiten sozialistische Kundgebungen und Streiks. Im November 1932 kommt es zur Genfer Blutnacht: Rekruten erschiessen 13 antifaschistische Demonstranten.

Mit den Nazis taucht bald einmal ein äusserer Feind auf. Die Sozialdemokraten stellen ihr verbales Sperrfeuer gegen die Armee ein. Das Land rüstet sich spät, aber es rüstet sich richtig. General Henri Guisan lässt eine gigantische Alpenfestung errichten. Sogar ein Max Frisch leistet überzeugt Dienst. Ein halbes Jahrhundert später umfasst das Réduit 13'500 Anlagen.

Im Zweiten Weltkrieg ist die Armee, obwohl verbuddelt, eine Macht im Staat. Sie bewacht Grenzen und Felsen, sie holt deutsche Kampfflieger vom Himmel, sie erschiesst 17 Landesverräter, sie beobachtet, wie das grössenwahnsinnige Deutschland untergeht. Irgendwie fühlt man sich in der Schweiz als Sieger. In der Erinnerung wird die eigene Abschreckungswirkung Jahr für Jahr glorreicher.

Das zweitgrösste Heer der Welt

Der Krieg ist kaum vorbei, da erteilt der helvetische Militärminister der «Studienkommission für Atomenergie» den streng geheimen Auftrag zur «Schaffung einer schweizerischen Uran-Bombe oder anderer geeigneter Kriegsmittel, die auf dem Prinzip der Atomenergie-Verwendung beruhen». Auf verschlungenen Wegen werden zehn Tonnen uranhaltiges Material ins Land eingeführt. Oberst Gustav Däniker, einer der führenden Militärköpfe, träumt schriftlich von 200 Atombomben. Die Schweizer Männer lehnen es zweimal ab, Nuklearwaffen zu verbieten.

In unzähligen Übungen lässt die Armee der anderen Seite, supponiert, keine Chance. Ungarn 1956 führt vor die Augen, wo der böse Feind - kurz BöFei - hockt. Im Gleichgewicht des Schreckens driftet die antikommunistische Schweiz westwärts. Im Topsecret-Unternehmen «Matterhorn» arbeitet sie neutralitätswidrig mit der Nato zusammen. Die Eidgenossenschaft will 100 Mirage-Kampfflieger anschaffen, um im Ernstfall - so sagt der Kommandant der Fliegertruppen - «mit Atombomben nach Moskau» zu fliegen. Doch so weit kommt es nicht. Die Militärmaschinerie des Ostens - so offenbaren später Geheimpläne - plant auch nicht, die Schweiz zu durchqueren, wenn sie nach einem atomaren Überraschungsschlag innert neun Tagen nach Lyon vorstösst. Umgekehrt verzichtet auch das zweitgrösste Heer in Europa (das der Schweiz) auf einen Überfall auf das grösste (das der UdSSR).

Skandale und Agitatoren

Am 6. September 1970 gilt es für Helvetias Männer Ernst. Terroristen für einen Staat Palästina haben über dem aargauischen Würenlingen eine Swissair-Maschine in die Luft gejagt. Die Armee bewacht bei minus 20 Grad die Flughäfen in Kloten und Genf. Doch es läuft längst nicht mehr alles rund: Der Mirage-Kauf ist wegen Fehlkalkulationen so teuer geworden, dass ihn sich nicht einmal die Wirtschaftswunderschweiz leisten möchte. Der Verteidigungsminister, der Waadtländer Weinhändler Chaudet, tritt zurück.

Die Welt verändert sich. Vor den Kasernen verteilt die rebellische Jugend armeefeindliche Flugblätter gegen das «Herrschaftsinstrument kapitalistischer Ausbeuterkreise», drinnen agieren die Soldatenkomitees. Es gibt kleinere Konzessionen: Zuerst wird der Taktschritt geopfert, dann der Gewehrgriff, ein nutzloses Exerzierritual. Später dürfen die Soldaten sogar am Wochenende die Uniform ablegen. Und es wird ihnen erlaubt, statt «Zu Befehl!» «Verstanden!» zurück zu brüllen.

1989: Feier zum Kriegsausbruch

Doch insgesamt sind diese ohne regelmässigen Coiffeurtermin für die stolze Schweizer Armee kein gravierendes Problem. Selbst stramme 68er dienen als Offiziere. Und der Zuspruch der breiten Bevölkerung kennt ohnehin kaum Grenzen.

Die fetten Jahre sind zwar vorbei, aber die stolze Schweizer Armee lebt weiterhin in Saus und Braus. In den 80er-Jahren ist sie so gut gerüstet wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ganze Land weiss: Es gibt keine Skiferien ohne Kampfflugzeuglärm, keine Sommerferien ohne wegen Schiessübungen gesperrte Wanderwege. Um die Bevölkerung an den Gefechtslärm zu gewöhnen, befiehlt ein Divisionär in der Artillerieschule Frauenfeld Nachtübungen (es ist der eingangs erwähnte Präsident der Aktion Aktivdienst).

Der Armee bricht der Feind weg

Die Friedensbewegung agiert in der Schweiz zwar stärker als in anderen Ländern. Doch durch Pazifisten lassen sich die Armeeplaner zuletzt aus der Ruhe bringen. Sie wissen das Volk nach wie vor hinter sich. Die wehrhaften Eidgenossen geben ohne grösseres Murren weiterhin jeden fünften Franken für das Militär aus. Für ein paar Milliarden schafft sich die Armee 380 Leopard-II-Panzer an. Die Sozialdemokraten behaupten zwar: «Heute ist das Ozonloch gefährlicher als die Russen.» Sie werden belächelt. 1989 feiert die Schweiz als einziges Land der Welt den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Mitten in den «Diamant»-Feiern platzt eine Bombe. Von heute auf morgen verabschiedet sich das Sowjetimperium aus der Weltgeschichte. Der äussere Feind gibt auf, der innere erstarkt. Der Teufel trägt ein GSoA-T-Shirt. Die Gruppe Schweiz ohne Armee sammelt eine halbe Million Unterschriften gegen den Kauf von F/A-18-Kampffliegern. «Die Abschaffung der Armee wäre ein ungeheurer Akt der Vernunft», findet der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Doch nach einem Plebiszit darf die heilige Kuh weitergrasen.

Noch immer stehen 600'000 Mann unter Waffen. Kaum jemand merkt, dass sich auch die Elite langsam aus dem Staub macht. Als Daniel Vasella Mitte der 90er-Jahre das Zepter beim Pharmariesen Novartis übernimmt, weist das Radio darauf hin, dass er es im Militär «nur» bis zum Gefreiten gebracht hat. Der kleinere Bankverein frisst die Schweizerische Bankgesellschaft, das militärischste aller Schweizer Unternehmen. Leitender Bankgeselle wurde nur, wer es in der Armee zu etwas gebracht hatte.

Reform folgt auf Reform

Ein neues Jahrtausend kommt, der Milizgeist verflüchtigt sich. Der Offiziersrang, früher ein Karrieremotor, wird in der globalisierten Welt zum Kolbenklemmer. Die Grossbetriebe unterwerfen sich dem nationalen Imperativ nicht mehr. Gerade gut Gebildete suchen und finden Wege, dem Dienst am Vaterland auszuweichen. Gymnasiasten, Städter und Secondos geben sich Tricks weiter, wie man als Scheinuntauglicher den Militärarzt täuscht. Vierzig Prozent der Dienstpflichtigen aus der Turnschuhgeneration werden in aufwändigen Assessments ausgemustert. Die Armee wird reformiert und reformiert. Für immer treten ab: die Kavallerie, die Brieftauben, Grenz- und Réduitbrigaden, Velofahrer in Tarnanzügen und ein Waffenlauf nach dem andern. Jedes Mal verschwindet ein Stück Identifikation, Nostalgie, Stolz.

Die Armee marschiert auf, wenn die Weltwirtschaft in einem Kurort die Köpfe zusammensteckt und wenn die Schwinger zusammengreifen. Sie findet Beschäftigung am Pistenrand von Skirennen und in Kosovo. Freiwillige Frauen dürfen erstmals in allen Truppengattungen mittun.

Was bleibt, ist Nostalgie

Die Taschenmunition bleibt im Zeughaus, die 200'000 Sturmgewehre, die noch daheim lagern, vielleicht bald ebenfalls. Dem Wehrmann bleibt zur Zivilverteidigung das Sackmesser, das - gottlob! - immer noch in der Innerschweiz produziert wird. Nicht einmal die Skandale sind mehr, was sie einmal waren. Früher ging es um weiche Bunker aus minderwertigem Magerbeton, um Geheimarmeen oder wenigstens um einen Offizier, der zu gerne mit dem sowjetischen Militärattaché plauderte. Nicht um einen verletzten Liebhaber, der sich vielleicht strafbar machte!

Wer keine Feinde, keine Skandale hat, hat keine Identität, hat keine Ahnung, was er tun soll. An der Euro 08 leistet die Armee ihren grössten Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Berner Oberland langweilt sich eine Kompanie. Sie veranstaltet eine Wildwasserfahrt. Zwei Boote kentern, fünf Soldaten ertrinken. Am Tag ihrer Beisetzung lässt sich Bundesrat Schmid strahlend mit zwei Schönheitsköniginnen abblitzen.

Was bleibt, ist die Erinnerung an Abermillionen Diensttage. Die stolze Schweizer Armee wird vielleicht eines Tages auferstehen. Vorerst ruhe sie in Frieden.

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