Wenn die SP wie die SVP spricht

Die intellektuelle SP hat im Abstimmungskampf mit einfachen Worten geworben – so, wie es Alt-Bundesrätin Michelin Calmy-Rey forderte. Nur waren es die Worte der SVP.

Abstimmungskampf mit Ausrufezeichen. Bürgerliche und Linke versuchen zu überzeugen.

Abstimmungskampf mit Ausrufezeichen. Bürgerliche und Linke versuchen zu überzeugen.

(Bild: Keystone Walter Bieri)

Janine Hosp

Es stand in dicken Lettern an den Plakatwänden: «Milliarden-Bschiss am Mittelstand». Die hochkomplexe Vorlage der Unternehmenssteuerreform III auf vier Worte reduziert. Die Worte hätte von der SVP sein können, tatsächlich stammen sie aber von der SP und ihren Mitstreitern, den grossen Gewinnern des Abstimmungssonntags.

Die SP hat rasch gelernt: Nach der Wahl Donald Trumps war in der Partei eine Sprachdiskussion entbrannt. Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey forderte in einem Interview, ihre Partei müsse das Erfolgsrezept der Rechten übernehmen: einfache Sprache, verständliche Sprache. Nur so könne sie die Verlierer der Globalisierung zurückzugewinnen.

«Uns versteht kein Mensch»

Das hat sie nun getan und sie tat es so gekonnt wie das Vorbild. Nur: Es sind nicht die Worte, welche zur SP passen: «Die Botschaft war klar. Aber ich selber habe den Begriff Milliarden-Bschiss nicht gebraucht», sagt SP-Ständerat Hans Stöckli. Stöckli war Journalist – er arbeitete vor vierzig Jahren für die «Weltwoche» – und erprobt im Umgang mit Sprache. Er erachtet es allerdings auch nicht als notwendig, dass die SP auf ein solches Vokabular zurückgreift; seiner Ansicht nach hätte sie auch ohne gesiegt.

«Ein Thesenpapier muss auf einer A4-Seite Platz finden, eine Parole in einem Satz erklärt werden.»

Nationalrat Matthias Aebischer, ebenfalls ehemaliger Journalist, ist in der SP der Mahner zu einer einfachen Sprache. Schon vor dem Parteitag im Dezember hatte er kritisiert: «Uns versteht doch kein Mensch.» Ein Thesenpapier müsse auf einer A4-Seite Platz finden, eine Parole in einem Satz erklärt werden. Die SP rede oft am Volk vorbei, drücke sich zu kompliziert, zu intellektuell aus. Dass es geht, hat er seiner Partei bewiesen: Er hat das 60-seitige Parteiprogramm auf eine A4-Seite verdichtet. Es wurde vom Parteitag abgesegnet.

Ist er nun mit der Sprache der letzten Abstimmungskampagne zufrieden? «Genau in diese Richtung muss es gehen», sagt er. Sie sei kurz und klar, die Kampagne selber, wie das Ergebnis zeige, ein Erfolg. Über Wörter wie «Bschiss» könne man diskutieren. «In einer Kampagne muss man provozieren. Aber ich hätte es wohl nicht verwendet.»

Die Suche nach einer neuen Sprache ist nicht gefahrenfrei. Wenn die SVP von «Bschiss» und «Klauen» spricht und stark vereinfacht, dann stimmt das mit ihrem Stil der hochgekrempelten Ärmel überein: Bei der SP hingegen irritiert es. «Wir müssen auch bei komplexen Geschäften korrekt bleiben. Nur des Erfolges willen dürfen wir unsere Grundprinzipien nicht aufgeben», warnt Hans Stöckli. Das könne sich rächen. Seiner Meinung nach ist bei der Initiative zur erleichterten Einbürgerung aber selbst die SVP mit ihren Burkagestalten einmal mehr zu weit gegangen – und hat am Sonntag prompt die Quittung dafür bekommen.

Alle brauchen Aufmerksamkeit

Was sagen die Rechten dazu, dass eine frühere SP-Bundesrätin ihr Erfolgsrezept der eigenen Partei nahelegt? Und es sich die Partei offenbar zu Herzen nimmt? «Die SP war bei dieser Abstimmung mehr beim Volk als die bürgerlichen Befürworter», sagt SVP-Präsident Albert Rösti. Das müsse er neidlos eingestehen. Geschickt habe sie den Mittelstand ins Spiel gebracht, geschickt Verunsicherung geschaffen. Aber: «Uns wirft man zuweilen Populismus. Aber wenn die Linken bei dieser Vorlage von Bschiss reden, war das mehr als Populismus.»

«Auch die SP ist auf Aufmerksamkeit angewiesen», sagt SVP-Nationalrat Luzi Stamm. Der politische Stil sei allgemein härter geworden. Und wenn auch die Linken noch pointierter und plakativer werben würden, störe ihn das nicht.

Das Gesicht einer Partei

Nach Ansicht Aebischers hätte die Sprache von verschiedenen Parteien noch Optimierungspotenzial: «Obwohl sie das Gesicht einer Partei ist, wird das Thema noch immer völlig marginalisiert», meint er. Was wäre die richtige Sprache für die SP? Um wie am Sonntag fast 60 Prozent der Wählerschaft zu gewinnen, braucht es seiner Meinung nach die ganze Palette – vom provokative Juso-Stil bis hin zum analytischen Ansatz der Intellektuellen in der Partei. Immer aber müsse die Sprache einfach und verständlich sein. Wie es die Alt-Bundesrätin forderte.

DerBund.ch/Newsnet

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