Wenn «der Neger» zum Dienen geboren ist

Adolf Guyer verteidigte noch 1861 vollmundig Sklaverei und Menschenhandel. Ob Christoph Blocher dies in seiner Berchtoldstags-Rede erwähnen wird?

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Lassen wir Robert Grimm, über den Christoph Blocher am 2. Januar in seiner Rede zum Berchtoldstag sprechen wird, beiseite. Wenden wir uns Adolf Guyer-Zeller zu, dem auch die Ehre widerfährt, vom SVP-Welterklärer gewürdigt zu werden. Der Textilindustrielle, Politiker und Bahnpionier ist nämlich auch für die (post)koloniale Geschichtsforschung eine spannende Figur.

Als junger Mann macht sich Guyer (1839–1899) auf, um zu schauen, woher der Rohstoff kommt, den sein Vater im Neuthal bei Bauma verarbeitet. Seine Lehr- und Wanderjahre führen ihn nach Liverpool, London, Kuba und in die USA, wo er am Vorabend des Bürgerkriegs ankommt. Seine Reisetagebücher zeigen, dass er sich rasch der globalen Bedeutung der Baumwolle und der Sklaverei bewusst ist, über die Marx geschrieben hatte: «Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie.»

Die Sklaven gucken «vergnügt»

Als Guyer erstmals einen Sklavereistaat betritt, hat er «eigene Gefühle», das heisst, er stellt sich die moralisch-politische Frage.

Und er beantwortet sie rasch. Erstens mithilfe der selektiven Wahrnehmung von Sklavinnen und Sklaven: «So viel ich bis jetzt sehen konnte, waren die meisten wohlauf & sahen vergnügt in die Welt hinein.» Zweitens mit einem historischen Bezug: «Blicken wir auf (. . .) die Griechen & die Römer, so sehen wir, dass auch sie Sklaverei hatten.» Drittens mit einem Verweis auf die göttliche Ordnung, die auch bei der Sklaverei am Werk ist: «Würde er sie als seine göttlichen Gesetze verletzend ansehen, hätte er sie in der Neuzeit wieder aufkommen lassen?»

«Guyer kommen im Sklavenstaat ‹eigene Gefühle›.»

Mit dem vierten Argument hatte der Herausgeber von Guyers Reisetagebüchern seine liebe Mühe. Er nannte sie (im Jahr 2000) «rassisch», 2004 dann «rassistisch». Die Sklaverei ist für Guyer nämlich folgerichtig, denn «die Natur hat d. Neger eine Constitution verliehen, die ihm ermöglicht, da zu arbeiten, wo der Weisse es eben nicht einmal kann».

An einer Sklavenauktion in New Orleans notiert er: «Dies ist eine Institution, entsprungen aus dem grossen Unterschied zwischen dem Kaukasier & Neger.» Und dann rundet sich sein Welt- und Menschenbild: «Findet man hier im Süden nicht das mittelalterliche Ritterthum unter einer anderen Gestalt wieder? Damals waren es Schlossbesitzer & Leibeigene, jetzt sind es Pflanzer & Sklaven; das ist ein Bild des Lebens: Die einen sind zum Regieren, die andern zum Dienen geboren.»

Sklavereigelder im Bankgeschäft

1894 wurde der liberale Adolf Guyer zum Gründer der Guyerzeller Bank. So wie der liberale St. Galler Kaufmann, Sklavenhalter und -züchtiger Jakob Laurenz Gsell 1856 die Deutsch-Schweizerische Creditbank gegründet hatte, der radikal-liberale Alfred Escher mit kubanischem Sklaverei-Hintergrund väterlicherseits 1856 die Schweizerische Kreditanstalt und der liberale Ausserrhoder Johann Ulrich Zellweger mit kubanischer Sklaverei-Erfahrung 1866 die Bank für Appenzell A. Rh. Diese Gründungen waren von Dauer: Die Guyerzeller Bank ist heute Tochter der HSBC, die Deutsch-Schweizerische Creditbank und die Bank für Appenzell A. Rh. wurden Teil der UBS, und aus der Kreditanstalt wurde die Credit Suisse. Der Historiker Michael Zeuske, eine Autorität in Sachen Sklavereigeschichte, schreibt via E-Mail: «Ich bin schon lange der Überzeugung, dass die Besonderheit Europas in Bezug auf Sklaverei und Sklavenhandel darin besteht, dass man institutionell halt Banken daraus gemacht hat.»

Wie wird Christoph Blocher mit der Tatsache umgehen, dass der «autoritäre Machtmensch» («Historisches Lexikon der Schweiz») Adolf Guyer noch 1861 ein Verteidiger der Sklaverei war? Er wird sagen, man dürfe nicht von heute aus über Menschen von damals urteilen. Oder argumentieren, das sei ein erneuter Versuch der Linken, einen verdienstvollen Schweizer Wirtschaftspionier in den Schmutz zu ziehen. Oder alles ignorieren. Vielleicht aber findet er noch eine vierte Variante. Ich traue es ihm zu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2017, 18:51 Uhr

Hans Fässler

Historiker mit Schwergewicht Sklaverei und Postkolonialismus sowie Englischlehrer an der Kantonsschule AR in Trogen.

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