Wenn der Gemeinderat im Dorflädeli einkaufen muss

Viele Gemeinden versuchen ihren Dorfladen mit teils skurrilen Mitteln am Leben zu erhalten.

Solange im Laden das Licht brennt, bleibt das Leben in einem Dorf. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Solange im Laden das Licht brennt, bleibt das Leben in einem Dorf. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Landauf, landab grassiert das Lädeli­sterben. Sterben tun sie schon seit den 60er-Jahren, als die Preisbindung im Detailhandel abgeschafft wurde. Allein bis 1995 verschwanden in der Schweiz 20'000 Lädeli, also Läden mit einer Verkaufsfläche von weniger als 100 Quadratmetern. Zwischen 1995 und 2016 sind laut GFK Switzerland weitere 2500 Läden verschwunden. Das Fazit des Marktforschungsinstituts: «Der Tante-Emma-Laden von einst war schlicht nicht überlebensfähig.»

Dabei trifft der Strukturwandel ein Dorf viel stärker als Städte, die vor allem unter der Verdrängung des angestammten Gewerbes durch internationale Ladenketten leiden. Denn geht der Dorf­laden zu, dann droht früher oder später auch das Dorfleben zu sterben. Deshalb versuchen die Gemeinden sich mit mehr oder weniger originellen Mitteln dagegen zu wehren.

Einkaufsgutscheine statt Lohn

Einen schweizweit neuen Weg gehen einige Gemeinden im Berner Jura. Der Generalrat (Einwohnerrat) des 4500 Einwohner zählenden Tramelan hat Ende Februar einstimmig eine spezielle Motion angenommen. Danach werden alle Generalräte, die in einem Ausschuss sitzen, künftig einen Teil ihrer Sitzungsgelder in Form von Einkaufsgutscheinen ausbezahlt bekommen. Diese sind nur in Tramelan gültig. «Damit sollen auch die Politiker das einheimische Gewerbe unterstützen», sagte Mathieu Chaignat, Motionär und Präsident der Grünen im Berner Jura, in der TV-Sendung «Schweiz aktuell». Auf Anfrage erklärt er, dass der Gemeinderat nun die Höhe der Beiträge bestimmen muss. Allerdings würde es sich um eine symbolische Geste handeln, da die Kommissionsmitglieder nur 20 Franken pro Sitzung erhalten.

In Moutier wird bald ein ähnlicher Vorstoss behandelt. Auf den Geschmack ist auch die SVP im luzernischen Greppen gekommen. Der Fernsehbeitrag hat die Partei flugs inspiriert, auch ihren Gemeinderat zum vermehrten Einkauf im Dorfladen zu verpflichten. Greppen hat beschlossen, sich mit 265'000 Franken zu drei Vierteln am Aktienkapital seines Prima-Ladens zu beteiligen. Im Unterschied zu den Gemeinden im Berner Jura fliessen hier also Steuergelder. Zwar sehe es die SVP grundsätzlich kritisch, wenn der Staat privatwirtschaftliche Aufgaben übernehme, sagt Guido Heinzer, Präsident der SVP Greppen, dieser Zeitung. Man anerkenne jedoch, dass Dorfläden einen gewissen Service public erfüllten. Aber: «Wenn sich der Gemeinderat die Rettung des Dorfladens auf seine Fahne schreibt, dann soll er auch mit gutem Beispiel vorangehen und dort einkaufen.»

Dabei schwebt der SVP mehr als nur ein symbolischer Beitrag vor. «Jeder Gemeinderat sollte als Lohnbestandteil 10 Prozent des tiefsten Lohnes eines Greppener Gemeinderates als Dorfladen-Gutscheine erhalten», so Heinzer. Da das tiefste Pensum im Gemeinderat 15 Prozent beträgt, müsste jedes Exekutivmitglied wohl für deutlich mehr als 1000 Franken jährlich im Volg einkaufen.

Wie viele Dorfläden in der Schweiz subventioniert werden, ist nicht bekannt. Die Volg Konsumwaren AG, die auch die Prima-Läden beliefert, bestätigt nur, dass es Läden gebe, die von Gemeinden oder Dorfladen-Genossenschaften mittels Aktivitäten oder finanziell unterstützt würden. Der Schweizerische Gemeindeverband wiederum verweist auf seinen Leitfaden zur Revitalisierung von Ortskernen, wo der Detailhandel und das Gewerbe als wichtigste Träger der Zentrumsattraktivität identifiziert werden. «Klug finden wir insbesondere die in Deutschland verbreitete Idee, Servicecenter aufzubauen, in denen Läden, Post, Bancomat und Kitas zusammenkommen», sagt Verbandsdirektor Reto Lindegger. Dadurch müssten die Dorfläden auch nicht zwingend subventioniert sein.

Subventionierter Bancomat

Wie ein Blick in die Lokalpresse der letzten paar Monate zeigt, herrscht auf dem Lande der nackte Überlebenskampf. Im zürcherischen Thalheim an der Thur etwa hat der Gemeinderat kürzlich in der «Dorfposcht» die Bevölkerung aufgerufen, doch mehr im Volg einzukaufen. Im benachbarten Gütighausen schliesst dieser per Ende Jahr – und sollte die Thalheimer Filiale in den nächsten 15 Monaten ihren Umsatz nicht um 50 Prozent erhöhen, blüht ihr das gleiche Schicksal. In Stüsslingen im Kanton Solothurn wiederum versucht eine Eigentümerin auf Anraten des Gemeinderates mittels einer Crowdfunding-Aktion ihren Lebensmittelladen zu retten.

Einen Schritt weiter geht eine Aargauer Gemeinde: Damit der Dorfladen genügend Kunden hat, subventioniert Brunegg als Standortförderung einen Bancomaten mit jährlich 15'000 Franken – «ohne Subventionierung würde keine Bank einen Geldautomaten bei uns aufstellen», so die Gemeindepräsidentin. In Iseltwald am Brienzersee genehmigte der Souverän einen monatlichen Beitrag von 1000 Franken an den Dorfladen. Ganz tief in die Gemeindekasse greifen will Sennwald im St. Galler Rheintal und den Volg gleich für 750'000 Franken kaufen.

In Greppen wird sich der Gemeinderat – bestehend aus drei Christdemokraten, einem SVPler und einem Mitglied der IG Greppen – am 26. März mit dem Vorstoss der SVP befassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 22:59 Uhr

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