Weniger deutsche Einwanderer

Wie sich die Arbeitsmigration in die Schweiz verändert und welche Regionen die grössten Auswirkungen spüren.

Gute Wirtschaftsentwicklung: Kennziffern des Schweizer Arbeitsmarkts im europäischen Vergleich.

Gute Wirtschaftsentwicklung: Kennziffern des Schweizer Arbeitsmarkts im europäischen Vergleich.

Raphaela Birrer@raphaelabirrer

Die politische Grosswetterlage ist heikel: Der Bundesrat befindet sich mitten in den Verhandlungen mit der EU zur Lösung der Zuwanderungsfrage. Die SVP verpasst keine Gelegenheit, um gegen die negativen Folgen der Migration zu wettern. Die restlichen Parteien schweigen das Thema im Wahljahr aus, um der Volkspartei keine Gratismunition zu liefern. Das Bundesamt für Statistik korrigiert derweil seine Bevölkerungsprognose nach oben: Im Jahr 2045 dürfte die Schweiz wegen der Migration bereits über 10 Millionen Einwohner haben. Und: Seit Ende März dieses Jahres leben erstmals über 2 Millionen Ausländer in der Schweiz.

Vor diesem Hintergrund wählten die Vertreter des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) heute ihre Worte mit Bedacht, als sie den diesjährigen Observatoriumsbericht zum Freizügigkeitsabkommen präsentierten. Seco-Direktorin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch betonte, die Personenfreizügigkeit habe in den letzten 13 Jahren das Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum in der Schweiz begünstigt. Und Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit, sagte, die Nachfrage nach Arbeitskräften könne auch künftig nicht ausreichend im Inland gedeckt werden. Kurz: Gemäss Seco hat die Zuwanderung kaum negative Folgen für die Löhne, die Beschäftigung und die Arbeitslosigkeit in der Schweiz.

Mehr Süd- und Osteuropäer

Der Bericht zeigt detailliert auf, wie sich die Personenfreizügigkeit letztes Jahr auf den Schweizer Arbeitsmarkt ausgewirkt hat. Die Nettozuwanderung blieb mit 73’000 Personen anhaltend hoch. 50’600 Einwanderer stammten aus dem EU-Efta-Raum – das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um 25 Prozent. Die Zahl der Deutschen, die in die Schweiz übersiedelten, war 2014 mit 6800 besonders rückläufig (2008: 29’000 Personen). Dafür kamen mehr Portugiesen, Italiener und Spanier. Ihre Anzahl stieg von 13’500 im Jahr 2008 auf 22’300 im letzten Jahr. Auch die Nettozuwanderung aus Osteuropa erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 4600 auf 10’500 Personen. Nach wie vor sind die ausländischen Arbeitskräfte gut ausgebildet: Mehr als die Hälfte hat einen Universitäts- beziehungsweise Tertiärabschluss.

Über 60 Prozent der Zuwanderer aus dem EU-Raum kommen gemäss dem Bericht zum Arbeiten in die Schweiz. Weil sie der Nachfrage der Wirtschaft folgten, würden die einheimischen Arbeitnehmer nicht verdrängt, sagte Zürcher. Das zeige etwa der Verlauf der Erwerbstätigenquote: Zwischen 2003 und 2014 erhöhte sie sich nicht nur bei den EU-Bürgern, sondern auch bei den Schweizern.

Die lateinische Schweiz ächzt

Nur einen Bereich nennt das Seco vorsichtig «eine Herausforderung», dem «besonderes Augenmerk» gelten müsse: Die Grenzregionen der lateinischen Schweiz ächzen ob der Last der Grenzgänger. Dort geht die starke Zuwanderung mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitskräfte einher, die morgens zur Arbeit in die Schweiz fahren und abends wieder nach Italien oder Frankreich zurückkehren. Seit 2004 ist deren Anzahl schweizweit von 176’000 auf 288’000 gewachsen – eine Zunahme um 64 Prozent. Das Tessin ist besonders betroffen: Im Südkanton sind heute mehr als ein Viertel der Erwerbstätigen Grenzgänger. In Genf und in Basel-Stadt sind es je ein Fünftel. In diesen Regionen ist auch die Erwerbslosenquote in den letzten sechs Jahren überdurchschnittlich gestiegen.

Diese Entwicklung bereitet dem Gewerkschaftsbund Sorgen. «In den Grenzregionen stellen wir einen verstärkten Lohndruck fest. Besonders krass ist die Lohnentwicklung bei den Grenzgängern im Tessin», sagt Chefökonom Daniel Lampart. Dort seien beispielsweise auf dem Bau quasikriminelle Firmen verbreitet, die Mindestlöhne durch gefälschte Arbeitsverträge oder Stundenabrechnungen zu umgehen versuchten. Die Frankenüberbewertung dürfte gemäss Lampart die Situation noch verschärft haben; nun haben ausländische Firmen einen Lohnkostenvorteil, wenn sie nicht gezwungen sind, Schweizer Löhne zu bezahlen. Und in gewissen Branchen ohne allgemeinverbindliche Mindestlöhne habe das geradezu System, so der Gewerkschafter. «Im Gartenbau, im Handel, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der Informatik drücken viele Arbeitgeber die Löhne – und können dafür nicht gebüsst werden.»

Trotzdem sieht Lampart in der von der SVP geforderten Kontingentierung ausländischer Arbeitskräfte keine Lösung. «Zu Zeiten des Kontingentsystems waren in der Schweiz Lohndruck, Schwarzarbeit und Arbeitslosigkeit stark verbreitet.» Lampart plädiert vielmehr für Gesamtarbeitsverträge, systematische Kontrollen und Berufsregister, die schwarze Schafe ausweisen.

SVP warnt vor verdeckten Folgekosten

Die SVP ist mit den Aussagen der Seco-Vertreter nicht einverstanden. «Dass das Seco zum Schluss kommt, auf dem Schweizer Arbeitsmarkt laufe alles prima und wir könnten so weitermachen wie bisher, ist eine sehr kurzfristige Sichtweise», sagt SVP-Wirtschaftspolitiker Thomas Aeschi. «Wir warnen davor, nur an die Arbeitskräfte von heute zu denken und dabei die versteckten Folgekosten der hohen Einwanderung zu vergessen.» Ausländische Arbeitskräfte würden später die Altersvorsorge und das Gesundheitssystem belasten, so der Zuger Nationalrat. Angesichts der stark wachsenden Bevölkerung stünde der Schweiz in diesen Bereichen eine Kostenexplosion bevor. «Das Volk hat darum deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es die Zuwanderung beschränken will. Auch das Seco sollte das ernst nehmen.»

Um die Probleme im Tessiner Arbeitsmarkt zu entschärfen, fordert Aeschi eine Kontingentierung der Grenzgänger, wie sie in der Zuwanderungsinitiative vorgesehen ist. Doch erst gerade letzte Woche sah sich der Ständerat zu keiner Neuregelung für das Tessin veranlasst: Der Kanton hatte in drei Standesinitiativen Massnahmen gefordert, um die negativen Auswirkungen der Personenfreizügigkeit abzufedern – unter anderem jährliche Höchstzahlen und Kontingente für Grenzgänger. Die kleine Kammer lehnte den mehrfachen Hilfeappell aus dem Süden indes ab. Das «besondere Augenmerk», für welches das Seco plädiert, ist in Bundesbern offenbar noch nicht angekommen.

DerBund.ch/Newsnet

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