«Was hat man dann noch vom Leben? Nichts»

Fünf alte Menschen treffen sich zum Gespräch über das Sterben. Gegenüber dem begleiteten Suizid im Alter sind sie offen eingestellt – mit Einschränkungen.

«Man weiss halt nicht, was nach dem Tod kommt»: Engelgrab im Zürcher Friedhof Sihlfeld. Foto: Sophie Stieger

«Man weiss halt nicht, was nach dem Tod kommt»: Engelgrab im Zürcher Friedhof Sihlfeld. Foto: Sophie Stieger

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Wie ist Ihr Verhältnis zum Tod?
Emil: Ich war schon dreimal dabei, als Menschen gestorben sind. Das war jedes Mal schön. Ich finde den Tod an und für sich etwas Schönes.

Inwiefern war das schön?
Emil: In meinem ersten Lehrjahr kam eine Frau in unsere Molkerei und sagte, sie müsse sich setzen, ihr werde schwarz. Mein Vater sagte, wir müssten sie in die Wohnung bringen. Sie wollte den Pfarrer und einen Arzt. In der Zwischenzeit musste ich bei ihr bleiben. Das vergesse ich bis heute nicht. Sie hat meine Hand genommen und gedrückt wie verrückt. Sie wollte mich nicht mehr gehen lassen. Plötzlich wurde der Händedruck schwächer. Ich hatte das Gefühl, sie lache. So etwas Schönes.

Heda: Sie hat Halt gesucht.

Hatten andere auch schon solche Begegnungen mit dem Tod?
Resi: Als mein Vater im Sterben lag und ich ins Spital kam, war er schon fast nicht mehr da. Meine Schwester reiste aus Luzern an. Als sie ankam, hat mein Vater uns zuerst lange angeschaut. Dann hat er die Augen geschlossen und ist gegangen. Er hat gewartet, bis meine Schwester da war!

Hermine: Mein Mann war 90, als wir vor knapp zwei Jahren ins Alterszentrum gezogen sind. Nach fünf Monaten hat er gesagt: Jetzt weiss ich, wie es hier drin läuft. Für dich ist gesorgt. An diesem Abend ist er ohne etwas zu sagen ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen ist er einfach nicht mehr aufgewacht.

Emil: Ein schöner Tod für ihn.

Hermine: Ich habe es akzeptiert. Ich finde nur gemein, dass er nicht Auf Wiedersehen gesagt hat. Es ist nach wie vor schwierig. Letztes Jahr im September hatte ich einen Nervenzusammenbruch.

Marianne: Als mein Mann krank gestorben ist, war ich auch total verloren. Ich konnte nicht mehr essen und kochen. Mein Sohn fand, dass es so nicht weitergehen könne. Da habe ich mich entschieden, ins Altersheim zu gehen. Ich habe es nie bereut. Hier bin ich unter Leuten. Und es wird für mich gesorgt.

Resi: Ich kam vor sechs Jahren auch mit meinem Mann hierher. Die Ärzte liessen ihn aus dem Spital nicht mehr nach Hause, weil wir keinen Lift hatten. Aber mein Mann wollte nicht ins Altersheim. Er hatte immer das Gefühl, ich wäre schuld am Umzug. Er starb nach nur zwei Monaten.

Wie bei Hermine ist Ihr Mann nach kurzer Zeit hier gestorben.
Resi: Ja. Aber er wollte schon länger gehen. Er hat immer gesagt, ich solle zur Ärztin gehen und etwas holen, damit er sterben könne. Er hatte schweres Asthma. Es ging immer weiter runter. Damals habe ich noch nicht gewusst, dass es Organisationen wie Exit gibt. Und alle sagten immer, das sei wahnsinnig teuer, unbezahlbar.

Hätten Sie eine Sterbebegleitung in Betracht gezogen?
Resi: Ganz ehrlich: Ich weiss es nicht. Damals wussten wir jedenfalls zu wenig darüber. Es war auch kein Thema im Gespräch mit Ärzten oder im Spital. Es hat ganz klar an Informationen gemangelt.

Heda: Ich bin für die Sterbehilfe. Aber nur, wenn jemand unheilbar krank ist und ein gewisses Alter erreicht hat. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis im Seniorenturnen. Eine Frau hatte Rheuma und war auch sonst krank. Eines Tages hat sie die Leiterin des Turnens angerufen und gesagt: Ich möchte mich jetzt verabschieden – am Freitag um zehn Uhr sterbe ich. Die konnte ihren Tod so ruhig nehmen! Sie hat sogar noch die Bekannten angerufen, um Adieu zu sagen.

Resi: So viel Mut hätte ich nicht.

Marianne: Ich auch nicht.

Heda: Ja, den hätte ich auch nicht.

Hätten Sie eine Sterbebegleitung in Betracht gezogen?
Resi: Ich glaube schon. Was hat man dann noch vom Leben? Nichts mehr. Ich habe das gesehen bei meinem Mann, wie man einfach immer schwächer und schwächer wird. Wenn es so weit ist, würde ich das machen. Aber jetzt . . .

Marianne: . . . jetzt noch nicht.

Emil: Bei einer solchen Diagnose würde ich erst einmal eine Flasche Whisky kaufen. Aber im Ernst: Gunter Sachs hat sich ja auch das Leben genommen. Er bekam die Diagnose Alzheimer und sah damit eine ganze Lawine auf sich zukommen. Er wollte lieber vorher verschwinden. Und da hat er eigentlich auch recht.

Hermine: Unter Umständen wird das irgendwann zu einer Option für mich. Seit dem Nervenzusammenbruch habe ich beispielsweise einen Rollator. Ich will unbedingt wieder davon wegkommen, aber es geht nicht.

Emil: Die Forschung sieht die Sterbehilfe natürlich nicht gern. Die Forschung möchte ja, dass diese Leute noch älter werden. Immer noch älter.

Resi: 150 Jahre alt, haben sie ausgerechnet. Aber das ist kein Spass mehr, so zu leben.

Heda: Ja, zum Beispiel, wenn man das Augenlicht verliert. Oder wenn man nichts mehr hört.

Resi: Das ist bei mir so. Ich bin fast blind. Damit muss man leben.

Emil: Das ist das einzig Richtige. Jeden Tag nehmen, wie er kommt. Ich finde, man sollte selber spüren, wie es einem geht. Und was man erwarten kann. Wenn man in diesem Alter merkt, dass man langsam vergesslich wird oder wenn Operationen anstehen, muss man sich Fragen stellen.

Welche Fragen?
Emil: Ich habe einen Herzschrittmacher. Und frage mich: Was passiert, wenn ich umfalle und ins Spital komme? Dann kann ich möglicherweise nicht mehr ausdrücken, dass ich den Herzschrittmacher nicht erneuern will. Ich habe das schon vor 15 Jahren gesagt: Ich bestimme einmal selbst. Ich bin ja alleinstehend, da spielt das gar keine Rolle.

Reden Sie oft über den Tod?
Hermine: Nein.

Emil: Das Thema meidet man.

Marianne: Da haben wir schönere Sachen zum Reden.

Emil: Es läuft immer etwas. Man muss sich nicht mit dem Tod beschäftigen.

Hermine: Aber man bekommt halt auch keine rechten Antworten auf Fragen. Ich finde schon, dass man darüber reden können sollte, wenn man das Bedürfnis hat.

Emil: Ja, das stimmt.

Machen Sie sich oft Gedanken über das Sterben?
Resi: Nein. Es kommt, wie es kommt. Was will man da so schwere Gedanken haben – und dann kommt doch alles ­anders?

Heda: Ich mache mir schon Gedanken dazu. Aber nicht, dass ich Angst hätte vor dem Tod, gar nicht. Im Gegenteil.

Im Gegenteil?
Heda: Ich werde jetzt 92. Ich bin von sechs Geschwistern die Einzige, die noch lebt. Da hab ich das Gefühl, es wäre auch langsam Zeit, dass ich gehe. Ich habe keine Angst. Aber man weiss halt nicht, was nachher kommt.

Emil: Nichts mehr.

Resi: Das kann man sich gar nicht vorstellen, was nach dem Tod kommt.

Heda: Manchmal hat man das Gefühl, es ist einfach das Gleiche wie vorher, bevor man auf die Welt gekommen ist. Aber eben, man weiss es nicht. Einen Glauben braucht man. Als Halt.

Emil: Wenn der Mensch kremiert wird, dann ist er verbrannt. Dann kann nichts mehr zurückkommen. Das ist reine Fantasie. Der Tod ist die absolute Erlösung. Dann ist man einfach weg, erlöst von allem Übel.

Resi: Man hört immer, die Seele bleibe. Aber was ist das überhaupt?

Heda: Also früher haben sie ja jeweils, wie man hört, einen qualvollen Tod gehabt. Und heute ist das wohl wegen der Medikamente leichter.

Emil: An der Qual waren auch die Geistlichen schuld. Sie haben Märchen erzählt und gesagt, man müsse brav bleiben. Sonst komme man in die Hölle runter. Oder ins Fegefeuer.

Marianne: Ja, die haben einem Angst gemacht mit diesem Zeug.

Emil: So war der Tod schwieriger. Da hat manch einer an seine Taten gedacht und sich gefragt: Wo komm ich jetzt hin, in den Himmel oder in die Hölle?

Wie würden Sie gerne sterben?
Emil: Möglichst schnell.

Hermine: Ja, schnell.

Marianne: Ich möchte einfach einschlafen und nichts davon merken. Das wünscht sich doch jeder.

Emil: Und ohne Leiden. Ich habe Angst davor, dass man mich möglichst lange am Leben hält und ich nicht mehr selbstständig entscheiden kann. Man sollte sich selber gehen lassen können.

Hermine: Das ist natürlich am schönsten. Das hat mir der Doktor beim Tod meines Mannes auch erklärt. Er konnte abends ins Bett gehen und nicht mehr erwachen. Es hat so viele Leute hier, die behaupten, sie seien im Kopf oben ganz gut. Und wenn ich jeweils höre, was die erzählen – das ist furchtbar. Es hat einen Haufen Leute, die nicht mehr 100 sind.

Emil: Geistig obdachlos.

Macht Ihnen das Angst?
Hermine: Ja, da habe ich Bedenken.

Resi: Das macht einem schon Angst. Aber wenn es so weit ist, merken wir es ja gar nicht mehr. Eben, man weiss von Sterbehilfe viel zu wenig. Es ist besser geworden, aber man spricht auch heute noch selten darüber.

Heda: Wie ich schon gesagt habe: Wenn jemand unheilbar krank ist, sollte das möglich sein. Nicht bei Gesunden.

Emil: Aber ganz gesund ist hier drin ja niemand.

Hermine: Alle haben ihre Tablettchen.

Resi: Sonst wären wir ja nicht hier.

Marianne: Das stimmt. Aber ich will dann auch nicht ewig an Schläuche gehängt werden und all das.

Emil: Wie die Frau R. Die ist jetzt noch 30 Kilogramm. Wird angehängt und angehängt. Wie ein Versuchskaninchen. Entschuldigen Sie den Vergleich.

Marianne: Ja, da wird immer weiter verlängert.

Kritiker sagen, die Sterbehilfe gebe älteren Menschen das Gefühl, dass sie ihren Angehörigen oder der Gesellschaft zur Last fallen würden.
Heda: Ja, diese Gedanken hat man. Weil es einen Haufen kostet. Solange man die eigene Pflege selber zahlen kann, geht es schon.

Emil: Das wird es sicher geben. Aber daran ist auch die Politik schuld. Politiker füllen einem den Kopf damit. Immer neue Vorschriften und neue Sparerei.

Resi: Ich finde diese Kritik nachvollziehbar. Die Altersheime sind ja alle überfüllt. Und man will niemandem zur Last fallen.

Haben Sie denn dieses Gefühl, Sie fallen jemandem zur Last?
Hermine: Hier nicht.

Resi: Bis jetzt nicht. Aber das kann alles noch kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 23:20 Uhr

Das Gespräch

Ein Treffen im Alterszentrum

In der Diskussion über Sterbehilfe und Alterssuizid kommen häufig Ethiker zu Wort, oder Journalisten dokumentieren das Leben von Sterbewilligen. Mit dem vorliegenden Gespräch wollten wir eine Gruppe von älteren Menschen zusammenbringen und eine offene Diskussion zum Thema führen: Wie stehen diese Menschen zum Suizid im Alter? Was halten sie von Liberalisierungsbestrebungen?

Zum rund zweistündigen Gespräch trafen sich fünf Mitglieder des Bewohnerrats des Zürcher Alterszentrums Laubegg. Das Gremium ist ein Bindeglied zwischen der Heimleitung und den Bewohnerinnen und Bewohnern. Die Alterszentren in Zürich stehen einem begleiteten Suizid im Sinne eines Stadtratsbeschlusses aus dem Jahr 2000 offen gegenüber. Exit sei dabei eine langjährige und verlässliche Partnerin. (hwe)

Die Protagonisten

Zur Wahrung der Anonymitäte werden Pseudonyme verwendet

Heda (91) befürwortet die Sterbehilfe für unheilbar kranke alte Menschen. Sie lebt seit knapp zweieinhalb Jahren im Alterszentrum. Sie hat keine Angst vor dem Tod und findet, es sei langsam Zeit für sie zu gehen.

Emil (84) lebt seit vier Jahren im Alterszentrum Laubegg. Er wünscht sich, einmal selbst spüren und bestimmen zu können, wann er sterben will. Emil hält nicht viel vom Wunsch der Forschung, die Menschen immer länger am Leben erhalten zu können.

Hermine (88) lebt seit eineinhalb Jahren im Alterszentrum. Ihr Mann ist nach fünf Monaten hier gestorben. Ihren Kinderwunsch konnte sie sich nicht erfüllen, und sie hat keine Verwandten mehr. Sie könnte sich vorstellen, dereinst mithilfe von Exit aus dem Leben zu scheiden.

Marianne (85) kam mit 78 wegen ihres kranken Mannes ins Alterszentrum Laubegg. Er starb kurz danach. Marianne gefällt es im Alterszentrum – hier sei sie unter Leuten, und es werde gut für sie gesorgt.

Resi (89) kam ebenfalls wegen ihres Mannes ins Alterszentrum. Dieser hatte starkes Asthma und starb ebenfalls nach kurzer Zeit. Wenn sie mehr über Sterbehilfe und Organisationen wie Exit gewusst hätten, wäre das für ihr Mann allenfalls eine Option gewesen, sagt Resi. (hwe)

Exit

Sterbehilfe auch für Gesunde?

Der Altersfreitod soll weiter liberalisiert werden, wenn es nach dem Willen eines 13-köpfigen Komitees der Sterbehilfeorganisation Exit geht. Demnach sollen hochbetagte Menschen das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital (NaP) ohne ärztliche Diagnose beziehen können. Ausserdem fordert die Gruppe eine Lockerung der Rezeptpflicht. Damit würde der Alterssuizid auch für Menschen geöffnet, die nicht schwer krank sind oder an mehreren Gebrechen leiden.
Das Begehren stiess an der Generalversammlung von Exit im Juni auf breite Zustimmung: Die rund 800 anwesenden Mitglieder nahmen den Antrag des Komitees an, dafür eine Taskforce zu bilden. Diese setzt sich paritätisch aus Vorstand und Komitee zusammen und holt nun Meinungen von Juristinnen und Ethikern ein. Ein Bericht soll an der GV von 2018 vorgestellt werden.
Der Vorstand steht dem Vorhaben des Komitees allerdings kritisch gegenüber. Er bezweifelt grundsätzlich, dass gesunde Menschen überhaupt aus dem Leben scheiden wollen. Ausserdem warnten Vorstandsmitglieder davor, dass dieses Vorpreschen, von dem nur eine Minderheit betroffen sei, die bisher grundsätzlich liberale Haltung der Schweiz in Sachen selbstbestimmtes Sterben gefährde. Denn die vorgebrachten Forderungen machten auch neue Gesetze oder Verordnungen nötig. Und für diese gäbe es keine Mehrheiten – weder in der Politik noch in der Bevölkerung. (hwe)

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